Kleinstaatlichkeit und Lernbereitschaft

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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 2001 – Seite 1)

EDITORIAL

«Kleinere Staaten haben schon deshalb einen weiteren Horizont, weil sie an der Existenz der anderen nicht vorbeikommen.» Dieser Ausspruch des estnischen Dichters Uku Masing (1909-1985) lässt kaum ahnen, wie blutig und grausam die historischen Erfahrungen der Horizonterweiterung für die Esten, Letten und Litauer gewesen sind. Wenn «Kleinheit» ihre Kosten und ihre Nutzen hat, so liesse sich ohne Übertreibung sagen, dass die baltischen Staaten bisher vor allem die Kosten der Kleinheit, nämlich die Auslieferung an die Grossen, zu spüren bekamen, während wir in der Schweiz die Nutzen bewirtschaftet haben, möglicherweise auf Kosten der Horizonterweiterung. Davon spürt der heutige Besucher aus der Schweiz in den baltischen Staaten auffallend viel. Der Horizont ist vor allem nach vorn offen, und für einen organisierten Hass auf die ehemaligen Besatzer hat vor allem die aufstrebende junge Generation weder Zeit noch Lust. Was die drei Staaten verbindet, ist ihre historische Rolle als Opfer im Grenzbereich von Grossmachtinteressen und ihr Wille, die Transformation in Politik und Wirtschaft so rasch als möglich voranzutreiben, um den Anschluss an West- und Zentraleuropa zu vollziehen. Darüber hinaus gibt es keine naturgegebene, kulturelle, sprachliche oder ethnische Identität, und der Begriff «Baltikum» ist eine ahistorisch latinisierende und kollektivierende Erfindung der baltendeutschen Adelsfamilien des 19. Jahrhunderts. Ein wichtiges Merkmal der Kleinstaatlichkeit steht heute im Mittelpunkt: Die Flexibilität und die Lernbereitschaft, sich in neuen Verhältnissen zurecht zu finden und in einer Kombination von Anpassung und Eigensinn das Bestmögliche daraus zu machen. Hier liegen auch unsere gemeinsamen Interessen und Anknüpfungspunkte. In der Schule des politischen Zusammenlebens ist «Abgucken» nicht verpönt, sondern erwünscht und oft sogar überlebenswichtig. Ein intensiver Erfahrungsaustausch zwischen den baltischen Staaten und der Schweiz ist für alle Beteiligten von unschätzbarem Vorteil, wobei in absehbarer Zeit wir Schweizer im Bereich der politischen Strukturreform (vor allem punkto Deregulierung und Privatisierung) möglicherweise mehr lernen müssen als wir zu lehren und vorzuzeigen haben, während wir im Bereich der Zivilgesellschaft und der wirtschaftlichen Adaptation an die Globalisierung wohl mehr Positives zu bieten haben, als hierzulande allgemein bewusst und bekannt ist.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 2, 2001 – Seite 1

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