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Liechtenstein – Kleinstaat im Visier

Lesedauer: 2 Minuten

(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2000 – Seite 1)

EDITORIAL

Wie die Bewertung der Vorzüge und Schwächen historischer Persönlichkeiten schwankt auch das Charakterbild von Klein- und Kleinststaaten im Urteil der Geschichte. In kriegerischen Zeiten braucht man sich vor ihnen nicht zu fürchten, man umwirbt sie als mögliche Koalitionspartner und versucht, den diesbezüglichen Konkurrenten den Rang abzulaufen. In Friedenszeiten keimt die Missgunst gegenüber jenen, welche sich die Kosten der Grösse und der Zentralisierung sparen. Machiavelli vergleicht verschiedene Überlebensstrategien von Kleinstaaten, insbesondere die Anlehnung an einen mächtigeren Nachbarn, den Beitritt zu einem Bündnissystem und die Heraushaltung aus Konflikten durch Neutralität, und jede dieser Verhaltensweisen hat ihre Vor- und Nachteile, aus der Sicht des pessimistischen Realisten vor allem Letzteres. Er empfiehlt daher in seinem «Principe» das behutsame Lavieren zwischen all diesen Lösungen, und man kann wohl die Existenz des Fürstentums Liechtenstein unschwer auf die kluge Bewirtschaftung der Chancen und Risiken der Kleinheit zurückführen — frei nach Machiavelli.

Wer seine Eigenständigkeit behaupten will, darf in erster Linie niemandem zur Last fallen. Eine solche Grundeinstellung weckt aber in der Regel jene Kräfte, welche das Geheimnis des Erfolgs bergen, jenes Erfolgs, der dann die Grossen neidisch werden lässt, die lieber Abhängige als Eigenständige um sich haben. Darum ist der erfolgreiche Kleine nie beliebt, und man sucht und findet allerhand Missstände, die es überall auf der Welt gibt, die man aber dem Kleinen unter die Nase reibt, indem man ihn auf «schwarze Listen» setzt und der egoistischen Nischenpolitik bezichtigt.

Gibt es denn überhaupt altruistische Staaten? Nicht die kleinen sogenannten Steuerparadiese und Inseln des Persönlichkeitsschutzes sind die Wurzel des Übels, sondern die grossen Steuerhöllen mit ihren Heeren von Fiskalfahndern. Der Liechtensteiner Autor Mathias Ospelt charakterisiert sein Land satirisch als «eine kleine ungeahndete Mogelei im Euro-Monopoly». Aber haben die ganz grossen Mogeleien der Grossen nicht viel grössere Chancen, ungeahndet zu bleiben? «Die Grösse hat nichts produziert als Krisen — Krisen proportional zur Grösse», lesen wir beim Zentralismus-Kritiker Leopold Kohr, für den die blühenden Kleinstaatengebilde ein zukunftsträchtiges Modell sind.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2000 – Seite 1

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