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Politische Ideengeschichte für Connaisseure

Lesedauer: 5 Minuten

(Schweizer Monatshefte – Heft 10, 2000 – S. 48-49)

SACHBUCH

Politik hat heute zunehmend den Ruf, ein «Dreckgeschäft» zu sein, eine Domäne, in welcher sich Lobbyisten und Karrieristen tummeln und um die Gunst der Medien und der Wählerschaft buhlen. Dabei gehört «das gemeinsam bewegliche Lösen gemeinsamer Probleme», wie der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig die Politik definiert hat, zu den Kernbereichen menschlichen Tuns, und neben all den zynischen Umschreibungen, welche heute im Zusammenhang mit dem BegriffPolitik kursieren, darf vielleicht an Hugo von Hofmannsthals «Politik ist die Verständigung über das Wirkliche» und «Politik ist Kunst des Umgangs aufhöherer Stufe» erinnert werden.

Auf dieser höheren Stufe des «Umgangs» ist die Reihe «Kleine politische Schriften» anzusiedeln, welche vom Verlag Stämpfli in Bern zusammen mit der Manzschen Verlags- und Universitätsbuchhandlung in Wien herausgegeben wird. Die Reihe verdient höchstes Lob, weil es den Autoren gelingt, anhand von Persönlichkeiten und Kunstwerken zu den grundlegenden Fragen der Politik hinzuführen, ohne je belehrend zu wirken und ohne den leider heute häufig anzutreffenden Hang zum Fachjargon. Als «klug, spannend und überraschend» wird die Reihe zu Recht angepriesen. Alois Riklin, der St. GaUer Politologe und Leiter des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, hat sich intensiv mit dem politischen Denken der italienischen Renaissance auseinandergesetzt, und es ist ihm gelungen, auch für einen weiteren Kreis von Liebhabern zu schreiben, welche mit den «Kleinen politischen Schriften» im Reisegepäck nach Florenz oder Siena pilgern, um sich dort vom Geist jener Zeit inspirieren zu lassen. Mit seiner kleinen Schrift zum Thema «Die Führungslehre von Machiavelli»1 hat er 1996 die Reihe eröffnet. Einmal mehr hat er das Vorurteil widerlegt, Machiavelli sei ein amoralischer Zyniker. Riklin kennt sich in der Literatur der Fürstenspiegel aus, jener «Ratgeber», für die es seit der Antike zahllose Beispiele gibt. Innerhalb dieser Literaturgattung hat Machiavelli versucht, eine moralfreie Klugheitslehre zu formulieren, und er ist damit zu einem der Begründer der modernen Politikwissenschaft geworden. Bei Riklin schimmert immer wieder die Vorliebe für republikanische, die Macht begrenzende und entgiftende Mischverfassungen durch, sein Herz schlägt für die freien Stadtrepubliken und nicht für die feudalistische Verfilzung von Stadtadel und Klerus, wie sie später das Florenz der Medici geprägt hat. In diesem Zusammenhang ist Riklins Wiederentdeckung des Donato Gianotti zu würdigen2. Gianotti steht im Mittelpunkt des zweiten Bändchens der Schriftenreihe. Zwar geht es dort zunächst nur um eine kunsthistorische Hypothese, dass nämlich auf der Fibel des Gewandes der Brutus-Rüste, von Michelangelo im selben Portrait die beiden Bildnisse von Brutus und Gianotti, den beiden grossen Republikanern, in ein einziges verschmolzen worden seien. Michelangelo hätte damit eine Renaissance der republikanischen Idee künstlerisch gestaltet und das klassische Altertum mit der damaligen Gegenwart verknüpft. Unabghängig davon, ob diese gewagte Hypothese je beweisbar ist, gibt sie dem Autor Gelegenheit, die Leserschaft mit dem Florenz jener Jahre vertraut zu machen und Gianottis originelle Staatslehre nachzuzeichnen. Gianotti hat schon zwei Jahrhunderte vor Montesquieu eine Lehre von der Gewaltentrennung entwickelt. Sein Werk ist aufgrund einer neuen deutschen Übersetzung und Kommentierung erschlossen worden3

Die dritte «kleine Schrift» demonstriert aufs Schönste das Anliegen von Autor und Herausgebern. Es ist Ambrogio Lorenzetti gewidmet, der in seinem Freskenzyklus im Regierungssaal des Palazzo Pubblico die Allegorie der guten und der schlechten Regierung dargestellt hat4. Riklin möchte nicht einfach einen weiteren Beitrag leisten zur Fülle der diesbezüglichen Speziai- und Fachliteratur, es geht ihm darum, das damalige Weltbild mit den zeitgebundenen und den überzeitlich gültigen Prinzipien des Regierens zu verbinden: Kulturgeschichte nicht nur als Interesse für das, was einmal gewesen ist, sondern als Wegweiser zu den «grossen Fragen», etwa nach dem Verhältnis von Frieden und Gerechtigkeit, nach dem Stellenwert der Tugenden im öffentlichen und privaten Leben. «Frieden und Gerechtigkeit küssen sich», heisst es im 85. Psalm. Bei Lorenzetti ist die Darstellung komplizierter. Er stellt – wie Riklin — die Frage nach dem Primat: Kommt die Gerechtigkeit vor dem Frieden, bedingt sie ihn, oder steht die Friedensidee im Zentrum? Frieden verlangt einen Verzicht auf vollkommene Gerechtigkeit, die als Ideal unter verschiedenen Menschen stets kontrovers bleibt. Über solche Fragen lässt sich anhand von Lorenzettis Fresken und von Riklins Analysen, Kommentaren und Deutungen trefflich streiten, und es ist ein weiterer Vorzug dieser kleinen Schrift, dass der Autor nicht als Experte und Besserwisser auftritt, sondern als einer, der aktuelle Fragen stellt, bisherige Antworten darstellt und neue sucht, indem er aus der Weisheit schöpft, die in unserem gemeinsamen christlich-abendländischen Kulturerbe tradiert wird. Nur wenige haben die Gabe, historisch und kulturell Wertvolles im Zusammenhang mit aktuellen Herausforderungen zu sehen. Die meisten «Kunstführer» überhäufen uns einfach mit Jahreszahlen, Namen und historischen Fakten. Wenn es nicht Publikationen gäbe wie die hier besprochene Reihe, würden wir vielleicht, wie viele andere gedankenlose Touristen, an Lorenzettis Fresken vorbeibummeln, ohne deren ideen- und kulturhistorischen Stellenwert zu erkennen. So werden diese sorgfältig gestalteten Bändchen auch zu wertvollen Reisebegleitern und zu einer Lektüre, die uns auch vor und nach der Reise zum Denken anregt.

Frieden verlangt einen Verzicht auf vollkommene Gerechtigkeit.

Lorenzettis «Pax» ziert denn auch den Umschlag von Roland Kleys Schrift «Der Friede unter den Demokratien»5. Kley untersucht die These, dass Demokratien untereinander keinen Krieg führen. Nach einer sorgfältigen Analyse der diesbezüglichen Literatur und der machtpolitischen Konstellationen mahnt der Autor zur Vorsicht. Demokratischer Friede ist möglich, aber ob er Bestand hat, «muss sich erst weisen»: Keinesfalls darf man auf beharrliche Anstrengung und auf Staatskunst verzichten, und diese Bemühungen bleiben ihrerseits immer wieder auf glückliche Umstände angewiesen. Staatskunst war über lange Zeit fast eine reine Männerdomäne, — vielleicht war sie darum oft so erfolglos. Karl Heinz Burmeister ruft in seiner kleinen Schrift Olympe de Gouges in Erinnerung, welche 1791 ihr Programm «Die Rechte der Frau» publiziert hat, eine Schrift, die von einer männerdominierten Forschung bisher zu wenig gewürdigt worden ist6. Das Büchlein eignet sich — wie übrigens alle Bändchen der ganzen Schriftenreihe — hervorragend als Geschenk an politisch und ideengeschichtlich Interessierte und an solche, welche sich politisch mit mehr oder weniger glücklichen Umständen herumschlagen. Es ist hier so etwas wie eine «Manesse-Bibliothek» der politischen Ideengeschichte im Werden. Dass sich Alois Riklin nicht nur bei den italienischen Staatsdenkern der Renaissance auskennt, zeigt er in seinem Beitrag über den britischen Staatsdenker James Harrington, welcher nach der in ihrer Bedeutung oft unterschätzten Englischen Revolution sein Republikmodell publizierte, für das er später nach der Restauration der Monarchie in den Tower geworfen wurde7. Auch hier kommt Riklins Faible für originelle republikanische Mischverfassungen und für ideengeschichtlich verkannte Pioniere zum Ausdruck. Er stellt Harringtons Republikmodell in grössere Zusammenhänge und vermittelt auf diese Weise einen auch für Laien gut nachvollziehbaren Einblick in die politikwissenschaftlichen «Ideenstränge» jener Zeit, die sich bis in die heutige Zeit verfolgen lassen: Ideengeschichte als das Laboratorium der Weltgeschichte, wer möchte sich nicht von den vielen bisherigen Experimenten anregen lassen, — keine trockene Pflichtübung, sondern ein genussreiches Leseerlebnis!

1 Alois Riklin, Die Führungslehre von Niccolò Machiavelli Stämpfli Verlag AG Bern, Manzsche Verlags und Universitätsbuch handlung, Wien 1996

2 Alois Riklin, Gianotti Michelangelo und de Tyrannenmord. Stämpfl Verlag AG, Bern, Manz sehe Verlags- und Universitätsbuchhand lung, Wien 1996

3 Donato Gianotti Die Republik Florenz (1534), herausgegeben und eingeleitet von Alois Riklin, übersetzt und kommentiert von Daniel Höchli, Wilhelm Fink Verlag, München 1997.

4 Alois Riklin, Ambrogio Lorenzettis politische Summe, Stämpfli Verlag AG, Bern, Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Wien 1996.

5 Roland Kley, Der Friede unter den Demokraten, Stämpfli Verlag AG, Bern, Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Wien 1999.

6 Karl Heinz Burmeister, Olympe de Gouges. Die Rechte der Frau, Stämpfli Verlag AG, Bern, Manzsche Verlagsund Universitätsbuchhandlung, Wien 1999.

7 Alois Riklin, Die Republik von James Harrington 1656, Stämpfli Verlag AG, Bern, Manzsche Verlagsund Universitätsbuchhandlung, Wien 1999.

Schweizer Monatshefte – Heft 10, 2000 – S. 48-49

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