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Politik als Wortgefecht

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2000 – Seite 1)

EDITORIAL

Der polnische Aphoristiker Lee hat Politik als «Derby trojanischer Pferde» definiert. Wo und wie werden in der Politik Wahrheiten erhärtet und Lügen entlarvt? Dolf Sternberger hat in seiner erstmals 1945 erschienenen subtilen Sprachkritik «Aus dem Wörterbuch des Unmenschen» die Sprache als eine Gabe des Menschen bezeichnet, «welche das verwirrende und befreiende, verräterische und erhellende, ausgreifende und fesselnde, lösende und bindende, selige und gefährliche Medium und Siegel seines Wesens» ausdrücke.

Den Verderb der Sprache setzt er mit dem Verderb des Menschen gleich. Die Alternative lautet: Der Sprache auf den Grund zu gehen oder an der Sprache zugrunde zu gehen. So viel Ernst gegenüber Politik und Sprache ist wohl heute nicht mehr weit verbreitet. Eine möglicherweise allzu ideologisch argumentierende Generation wird heute abgelöst von Pragmatikern, denen die Frage «funktioniert’s?» oder «lohnt sich das?» wichtiger ist als die Frage nach Emanzipation, Partizipation und Egalität.

Der «lange Marsch» durch die Sprache hat zu einem Schwund an Sensibilität geführt, und fast will es scheinen, dass die von George Orwell als Horrorszenario geschilderte Gehirnwäsche auch unter nicht totalitären Verhältnissen zu einer grenzenlosen Austauschbarkeit von Sinn geführt hätte. Links und rechts wird, wie im Gedicht von Ernst Jandl, zu «rinks und lechts».

Man braucht aber darin nicht nur ein Übel zu sehen. Der Begriffswandel und der Begriffswirrwarr bei politischen Leitbegriffen ist möglicherweise eine notwendige Begleiterscheinung der politischen Konsensbildung in der Massendemokratie. Die Politik ist auf dehnbare, interpretierbare und sogar ins Gegenteil umkehrbare Begriffe angewiesen, um der Konsensknappheit unter denkenden Menschen entgegenzuwirken. Fehlender Konsens wird sonst ausschliesslich durch versteckten Dissens und durch den Appell an kollektivierbare Emotionen wie Neid und Xenophobie ersetzt.

Bedeutungsvielfalt und Bedeutungswandel werden dann gefährlich, wenn die allgemeine Skepsis gegenüber dem kämpferischen Wortgebrauch zusammenbricht und die richtige Mischung von Vertrauen und von Misstrauen in das Wort verloren geht. Das Hadern mit der Sprache, mit Sinn und Gegensinn, die Herausforderung an den Gegner, sich klar auszudrücken, gehört zum Unverzichtbaren demokratischer Politik in einer pluralistischen Gesellschaft. Wir möchten dies nicht nur postulieren, sondern auch praktizieren.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2000 – Seite 1

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