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Wartezeit ist Geld

Lesedauer: 2 Minuten

(Schweizer Monatshefte – Heft 5, 2000 – Seite 1)

EDITORIAL

Benjamin Franklins Kurzformel «Zeit ist Geld» ist über 250 Jahre alt. Man könnte sie als Motto über die ganze «Neue Ökonomie» setzen. Schon vor Franklin hat Francis Bacon, ein anderer Wegbereiter der Neuzeit, auf den subtilen Zusammenhang von erfolgreichem Unternehmertum, Zeit und Geld hingewiesen: «Zeit ist der Massstab des unternehmerischen Handelns, wie Geld der Massstab der Produkte ist und Arbeit ist um so teurer, je weniger speditiv sie erledigt wird.»

Aber nicht nur Arbeitszeit, auch Wartezeit kostet Geld, beim Produzenten und beim Konsumenten, beim Dienstleister und beim Kunden. Je entscheidender der Zeitfaktor auf den Märkten wird, um so wichtiger wird die Bewirtschaftung der knappen Zeit. Ist Zeit wirklich knapp, oder hat jener Appenzeller Bauer recht, der sich wunderte, warum denn die Städter stets so wenig Zeit hätten, da es doch davon immer wieder «frische» gebe?

Entscheidend für die Antwort sind — wie immer — die Relationen und die Präferenzen. Das Internet lässt sich als Instrument nutzen, das innert kürzester Zeit den Raum überwindet und die Bewirtschaftung der Zeit erleichtert. Wenn aber alle praktisch zur selben Zeit dasselbe verlangen, entsteht eine Warteschlange, und die Priorität bei der Reihenfolge wird ökonomisch interessant.

Was liegt näher, als diese Prioritäten eben zu versteigern, d.h. jene davon profitieren zu lassen, welche sich den grössten Nutzen davon versprechen und darum auch bereit sind, einen höheren Preis zu bezahlen. Das Internet macht’s möglich. Eine solche Bewirtschaftung, ein «Teilen in der Zeit», führt nicht zwingend zu einer totalen Beschleunigung, sie erlaubt vielmehr ein konstruktives Nebeneinander der Beschleuniger und der Entschleuniger.

Auch Langsamkeit, Ruhe und das In-Ruhe-gelassen-Werden sind erstrebenswert und damit ihr Geld wert. Die Schnellen brauchen die Langsamen nicht zu fressen, wenn die Schnellen und die Langsamen den jeweiligen Preis ihrer Vorlieben wechselseitig vereinbaren und mit Geld ausgleichen. Dies führt letztlich eher zu einer Humanisierung als zu einer Brutalisierung im Umgang mit der stets relativ knappen und relativ wertvollen Zeit.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 5, 2000 – Seite 1

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