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Zukunft der Schweiz: Kopf, Herz und Hand

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 12/01, 1999/2000 – Seite 1)

EDITORIAL

Geschichtlich gewordene Gemeinschaften sind nicht personifizierbar. Ihre Rolle in einem grösseren Zusammenhang und ihr Stellenwert in Ort und Zeit lassen sich in der Gegenwart nicht definitiv festlegen und für die Zukunft nicht prognostizieren. Das macht ihr utopisches Wesen aus, das die Realität immer als grösstenteils ungenutzter Fundus von Möglichkeiten begleitet.

Das sollte man all jenen zurufen, welche so genau wissen, was denn «richtig» und was «falsch» ist und — noch anmassender — was «richtig» gewesen wäre. Wenn ich im Ausland gefragt werde, ob die Schweiz nicht doch zu langsam sei in ihren Entscheidungen, antworte ich gerne: «In die falsche Richtung kann man gar nicht langsam genug gehen.»

Dahinter steckt natürlich ebenfalls eine Anmassung, aber Vorsicht und Skepsis lassen eben doch mehr Optionen offen als die Begeisterung für eine einzige Option, die oft verbunden wird mit der Verachtung für jene, die sie ablehnen. Der in verschiedenen Eliten der Zivilgesellschaft und besonders unter Staatsfunktionären aller Art vorherrschende politpädagogische Zeitgeist zur EU-Beitrittsfrage lässt sich vereinfachend etwa so charakterisieren: «Mit dem Herzen sind wir zwar alle der traditionellen, direkt demokratischen Schweiz verbunden, aber der Kopfrät uns, nun endlich den Schritt der EU-Integration zu wagen und bereit zu sein, den Preis der Anpassung, der Normalisierung und des Dabeiseins zu zahlen. Das müssen wir nun endlich unsern etwas starrköpfigen ‹Schülern›, dem Volk, beibringen!»

Das im Dossier dokumentierte Kolloquium hat gezeigt, wie subtil die Meinungs- und Beurteilungsdifferenzen sind. Geht es wirklich um «Kopf» oder «Herz»? Bei mir ist es das Herz, das europäisch schlägt und der Kopf, der zur EU-Skepsis rät. Mit dem Herzen fühle ich mich in Prag, in London und Paris oft heimischer als in meiner Heimatgemeinde Herisau, die ich keineswegs verachte, in der ich aber letztlich doch ein Fremder bin. In meinem Kopf gibt es aber sehr viele durchaus rational begründete Vorbehalte gegenüber einem definitiven Beitritt zu einer Institution, welche eher die Fehler des 20. Jahrhunderts reflektiert als die Hoffnungen des 21. Solange Kopf und Herz noch derart unterschiedliche Signale senden, ist es zu früh, Hand zu bieten, um eine Alternative zu wählen und damit Optionen zu verlieren.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 12/01, 1999/2000 – Seite 1

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