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Die Wiederentdeckung des deutschen Liberalismus

Lesedauer: 9 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 9, 1999 – Seite 11-14)

IM BLICKFELD

Die Wiederentdeckung des deutschen Liberalismus Ralph Raicos «Studien» sind ein Meilenstein in der Ideengeschichte Europas, und das Buch gehört zu den wichtigsten Neuerscheinungen seines Genres.

Das in deutscher Übersetzung und Bearbeitung erschienene Buch des in Buffalo lehrenden amerikanischen Historikers1 trägt den bescheidenen Untertitel «Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus» und den fragwürdigen Titel «Die Partei der Freiheit» – wie wenn sich der Liberalismus und die Idee der Freiheit je als politische Partei institutionalisieren bzw. von einer Partei monopolisieren liesse. Was kann uns ein Amerikaner, der sich bisher nicht durch Millionenauflagen und Medienauftritte profilierte und nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt ist, ausgerechnet im «Intimbereich» europäischer Ideen- und Parteiengeschichte Neues und Erhellendes bieten? Schon bei der Lektüre des Vorworts von Christian Watrin treten solche Fragen in den Hintergrund, und spätestens nach dem Vorwort des Autors und beim Einstieg ins erste Kapitel realisiert der ideengeschichtlich interessierte Leser, dass es in diesem Buch um Kernfragen der Moderne geht und um einen zutiefst notwendigen Beitrag zur Überwindung zahlreicher weit verbreiteter und tief verankerter historischer Vorurteile und Fehldeutungen. Wenn ich die zehn wichtigsten Bücher nennen müsste, welche seit Ludwig von Mises’ «Die Gemeinwirtschaft» (Jena 1932) und F. A. von Hayeks «Der Weg zur Knechtschaft» (Zürich 1944) zum Thema Liberalismus geschrieben worden sind, so wäre Raicos «Die Partei der Freiheit» bestimmt auch dabei.

Wider die Vorherrschaft sozialistischer Geschichtsdeutung

Ralph Raico hat bei Hayek in Chicago dissertiert und Schriften von Mises und Hayek ins Englische übersetzt. Die beiden führenden liberalen Ökonomen dieses Jahrhunderts waren mit der europäischen Ideengeschichte eng vertraut und stemmten sich mit aller Kraft gegen das vorherrschende Geschichtsbild, der Liberalismus habe seinen Scheitelpunkt im letzten Jahrhundert erlebt und sei in der Folge durch die Geschichte falsifiziert worden. Das 20. Jahrhundert ist immer wieder als ein Jahrhundert der Sozial¬ demokratie gefeiert worden, in dem endlich eine «vernünftige Mischung» von «prinzipiell guten sozialistischen Idealen» mit der tendenziell asozialen, aber leider unverzichtbaren Marktwirtschaft erreicht worden sei.

Was hier als Karikatur erscheinen mag, deckt sich ziemlich genau mit dem, was Raico einleitend «das alte Geschichtsparadigma» nennt, und dem schätzungsweise auch in der Schweiz mindestens 9 von 10 Historikern anhängen und welches das öffentliche Bewusstsein auch in bürgerlichen Kreisen in einem Ausmass beherrscht, das immer wieder Erstaunen erweckt. Ironie der Ideengeschichte! Während sich im Bereich des Seins, der ökonomischen Realität, Märkte auch gegen grösste Widerstände immer wieder durchsetzen, hat sich in Europa, mindestens auf dem Kontinent, im Bereich des öffentlichen Bewusstseins, d.h. auf dem Ideenmarkt, eine Geschichtsdeutung und eine Grundmentalität durchgesetzt, die — natürlich ohne ausdrücklich darauf Bezug zu nehmen – sozialistisch geprägt ist. Werden wir dieses schmerzliche Auseinanderklaffen von Sein und Bewusstsein in Europa schadlos überstehen? Es ist nur zu hoffen, dass sich der Nebel dieser Metaphysik im nächsten Jahrhundert in einer neuen, reflektierteren politischen Aufklärung auflöst. Die medial gesteuerte Massendemokratie in Verbindung mit der wohlfahrtsstaatlichen Umverteilung als wirtschaftspolitischem «Opium für das Volk» bietet dafür allerdings keine günstigen Voraussetzungen. Möglicherweise liefert die Empirie des ökonomischen Seins die überzeugenderen Argumente als die allzu spärlich vorhandenen liberalen Warner und Mythenzerstörer wie Ralph Raico, welche sich mit gescheiten Büchern an der Bewusstseinsfront engagieren, aber in den Medien kaum die verdiente Beachtung finden.

Offene Märkte als Grundlage der Zivilisation

«In jüngerer Zeit haben Gelehrte — insbesondere in Deutschland» — (Raico nennt namentlich Erich Weede, Gerard Radnitzky, Hardy Bouillon, Detmar Doering und Gerd Habermann) «begonnen, ihr Augenmerk verstärkt auf die Liberalen des 18. und 19. Jahrhunderts zu richten. Es mag daher endlich die Zeit gekommen sein, den intellektuellen Grundfesten unserer eigenen Zivilisation zumindest ebensoviel wissenschaftlichen Eifer Teil werden zu lassen wie den sterilen Visionen von Lassalle und Marx, Kautsky, Bebel und Rosa Luxemburg.» (S. 5)

Die Eingangsthese vom «alten Geschichtsparadigma» sei hier wörtlich wiedergegeben, und jedermann sei freundlich eingeladen, dessen Verbreitung in seinem eigenen Umfeld zu testen: «Über einige Generationen hinweg gab es umfassende Geschichtsdeutungen, die das öffentliche Urteil über Marktwirtschaft (‹Kapitalismus›) und Sozialismus durchweg prägten und formten. Sie besagten ungefähr folgendes: Im Zusammenhang mit den gewaltigen wirtschaftlichen Veränderungen der Neuzeit sei die neue Klasse des Bürgertums entstanden und in der Nachfolge des Adels zur Herrschaft gelangt. Der Liberalismus war die Ideologie eben dieses Bürgertums geworden. Gleichzeitig sei eine weitere Klasse entstanden — die Arbeiterschaft —, die ihrerseits das Opfer des siegreichen Bürgertums geworden sei. Auch dieser ‹vierte› Stand habe nach Anerkennung und Herrschaft gestrebt und seine eigene Ideologie entwickelt, den Sozialismus, der den revolutionären Übergang zu einer höheren Stufe menschlicher Emanzipation verfolgte. Die ebenso unvermeidlichen wie natürlichen Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Klassen — im Grunde der Ausbeuter und der Ausgebeuteten — mache die neuzeitliche Geschichte aus und habe letzten Endes in unserer Zeit mit dem Wohlfahrtsstaat zu einer Art Ausgleich geführt.» (S. 1)

Es steht auf der einen Seite das offene Non-System des Marktes, das sich allen mehr oder weniger verzweifelten Versuchen auf der anderen Seite, dem Markt durch ein geschlossenes Regulierungssystem aufgrund irgendwelcher Dogmen zu ersetzen, widersetzt.

Demgegenüber steht ein Geschichtsparadigma welches die Weltzivilisation auf einem Weg sieht, der durch offene Märkte und einen friedlichen Wettbe- werb der Ordnungen zu mehr Freiheit, mehr Produktivität und mehr Wohlstand für alle in einer «erweiterten Ordnung» führen kann. Der Sozialismus ist aus dieser Sicht «ein verzweifelter Gegenschlag», mit dem Ziel, die «erweiterte Ordnung» eines komplexen Marktsystems rückgängig zu machen, um an ihre Stelle die leicht verständliche, «transparentere» Ordnung einer Befehlswirtschaft zu setzen. In dieser Deutung steht nicht ein liberales «System A» in Konkurrenz zu einem sozialistischen «System B» aus dem möglicherweise ein «Kombi-System C» als «dritter Weg» zu entwickeln wäre. Es steht auf der einen Seite das offene Non-System des Marktes, das sich allen mehr oder weniger verzweifelten Versuchen auf der anderen Seite, dem Markt durch ein geschlossenes Regulierungssystems aufgrund irgendwelcher Dogmen zu ersetzen, widersetzt.

Wider den zentralistischen «Zwang zum Guten»

Raicos Anliegen ist es nun, in einem ersten Kapitel anhand der deutschen Geschichte des Liberalismus aufzuzeigen, wo überall die verhängnisvollen Weichenstellungen waren, welche letztlich die allgemeine Akzeptanz des alten Geschichtsbildes verfestigt haben, das gegenüber einer neuen Deutung so unglaublich resistent ist. Die verhängnisvollen und tragischen Irrtümer der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts werden von Raico nicht durch einen Mangel an freiheitlichem Geist zurückgeführt, sondern durch die Tatsache, dass sich stets die «falschen Propheten» des Nationalismus gegenüber den gelegentlich allzu anpasserischen Bindestrich-Liberalen durchsetzten. Dass die Deutschen aufgrund ihrer Untertanenmentalität und Disziplinierungsbereitschaft wenig zur Idee der Freiheit beigetragen hätten und in Zukunft beitragen könnten, entlarvt Raico aber als verhängnisvolle Selbstunterschätzung. Der von machtbesessenen Zentralisten vielgescholtene heterogene Fleckenteppich des deutschen Reiches, der von Bismarck nach gängiger Lesart «überwunden» und «geeint», nach anderer Auffassung aber zerstört wurde, war sogar ein besonders günstiger Nährboden für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft mit einem friedlichen Wettbewerb der Ordnungen. Kant, Wilhelm von Humboldt, Schiller und Schopenhauer sind nicht etwa Randfiguren der deutschen und der allgemeinen Ideengeschichte, sie haben einen massgebenden Einfluss auf die Entwicklung der Freiheitsidee ausgeübt. Raico verweist zu Recht auf die starke deutsche Prägung Benjamin Constants. Die Bedeutung dieses Waadtländers und Wahlfranzosen für die Geschichte des Liberalismus kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das zweite Kapitel behandelt die durchaus eigenständige deutsche Freihandelsbewegung, die unter der Führung von John Prince-Smith und des Kongresses deutscher Volkswirte zu einer eigentlichen Blütezeit des Laissez-faire-Liberalismus führte. Den verhängnisvollen Pakt mit Bismarck und seiner Idee vom Macht- und Zentralstaat bezeichnet Raico zu Recht als «historische Tragödie». Das mangelnde Verständnis der freihändlerischen Liberalen für nonzentrale, pluralistische, föderative Strukturen ist übrigens kein deutsches Phänomen. Auch die amerikanischen Verfasser der Federalist papers und die liberal-demokratischen Gründer des schweizerischen Bundesstaats glaubten wie die Freihändler im «Kongress deutscher Volkswirte» an die befreiende Wirkung zentralistischer Strukturen und vertrauten zu wenig darauf, dass sich die Freihandelsidee allein durch ihren Erfolg auch in heterogenen non-zentralen politischen Strukturen sehr rasch Bahn brechen könnte, ohne dass dafür ein zentraler Apparat mit Zwang nachhilft und dadurch den Lernprozess im Wettbewerb der Systeme vereitelt. Das «Vorbild des Erfolgreichen» und der diesbezügliche Nachahmungstrieb sind oft wirksamer als der von der Zentrale vorangetriebene «Zwang zum Guten», und lockere Bündnisse mit «variabler Geometrie» sind lernfähiger als zentralisierte Bundesstaaten. Diese von Raico nicht explizit analysierte europäische Erfahrung harrt heute in der EU noch der praktischen Anwendung.

Rehabilitierung des Manchester-Liberalismus

Das dritte Kapitel ist ganz der zentralen Aufgabe gewidmet, Eugen Richters (1838—1906) Bedeutung für den deutschen Liberalismus und für die deutsche Geschichte darzustellen. Es geht aber letztlich um viel mehr, nämlich um eine nachträgliche Ehrenrettung des in Deutschland gründlich diffamierten Manchester-Liberalismus. «Der Herr Abgeordnete Richter will immer das Gegenteil von dem, was die Regierung will», tadelte 1867 Bismarck, und es gibt gute Gründe, dies aus liberaler Sicht als Tugend zu werten.

Richard Cobden, einer der Begründer des Manchester-Liberalismus (1804-1865), Ausschnitt aus einem Cartoon von F. Carruthers Gould, Westminster Gazette, 12. November 1903.

Es ist den Sozialisten und National-Sozialisten aller Parteien im 20. Jahrhundert gelungen, die zukunftsträchtige Idee des Liberalismus, die im 19. Jahrhundert eben erst aufkeimte und keineswegs voll zur Blüte kam und dem nationalistischen Frost des Ersten Weltkriegs weitgehend zum Opfer fiel, als überholt, veraltet und verfehlt hinzustellen. Das Buch von Raico rückt die Entwicklung in ein anderes Licht: Eine hoffnungsvolle und erfolgreiche Idee keimt auf, feiert ihre ersten Erfolge und wird im Frühstadium in einem Zweifrontenkrieg zwischen Nationalisten und Sozialisten aufgerieben, u.a. auch weil ihre Anhänger nach beiden Seiten unverzeihliche Konzessionen machen und damit das Profil und die Substanz ihres Anliegens aufs Spiel setzen. In zwei Weltkriegen und einem über 30jährigen Kalten Krieg kann sich der Liberalismus als eine relativ friedensbedürftige und friedensorientierte politische Strategie gegen die Etatisten aller Couleurs nicht durchsetzen, und beim Zusammenbruch der sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft trifft sie in Westeuropa auf eine geistig desorientierte und an fragwürdigen historischen Deutungsmustern orientierte politische Führungsschicht und auf eine befangene kulturelle und wissenschaftliche Elite, welche selbst wirtschaftlich von wohlfahrtsstaatlichen Umverteilungssystemen und von der sie verwaltenden Bürokratie abhängt. Die heutigen universitären und massenmedialen Meinungsmacher sind in den Netzen sozialpolitischer Umverteilung und in der Mentalität staatlicher Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturpolitik befangen und halten wenig von unternehmerischen Risiken und von der Kreativität offener, spontaner Systeme. Die Idee der Freiheit hat bis heute im politischen Sumpf wohlfahrtsstaatlicher Gefälligkeitsdemokratie noch kaum Fuss gefasst, und die Hoffnung, dass beim näherrückenden Staatsbankrott «die Stunde der Liberalen» schlägt, ist möglicherweise zu optimistisch. So bleibt Eugen Richters Satz aktuell, den Raico an den Anfang seines biographischen Essays im 3. Kapitel seines Buches stellt: «Den rechten Kämpfer jedoch für die Rechte und Freiheiten des Volkes erkennt man daran, dass er auch in den für den Liberalismus ungünstigen Zeiten auf dem Platze bleibt.»

Vom Untertanen zum Staatsrentner

Im 4. Kapitel beschreibt Raico die verhängnisvolle etatistische Allianz der nationalistischen Konservativen mit den Sozialdemokraten, deren Verständnis durch das Zerrbild des «Links-Rechts-Schemas» verunmöglicht wird, das die entscheidenden Kriterien der Staatsabhängigkeit und des Zentralismus ausklammert. In dieser fatalen Koalition verfestigte sich das Feindbild des «hartherzigen» Wirtschaftsliberalismus, dem die Bismarcksche Gleichsetzung von staatlicher Sozialpolitik und «praktischem Christentum» gegenübergestellt wurde, eine Verknüpfung, die bis heute in Verlautbarungen der Amtskirchen ihr Unwesen treibt. Gegenüber Moritz Busch erklärte Bismarck: «Mitleid, hilfreiche Hand, wo Not ist…, der Staat muss die Sache in die Hand nehmen. Nicht als Almosen, sondern als Recht auf Versorgung», eine Äusserung die heute – allerdings ohne Bezugnahme auf Bismarck — sinngemäss in keinem sozialdemokratischen Parteiprogramm fehlt und erstaunlicherweise auch von den Kirchen assimiliert worden ist, weil deren Funktionäre offenbar längst nicht mehr an die frohe Botschaft der spontanen freiwilligen Zuwendung glauben. Das ganze Kapitel ist ein kleines hochaktuelles Kompendium liberaler Wohlfahrtsstaatskritik, wobei sich eine historische Linie von den gegenwärtigen Wortführern Gerard Radnitzky, Gerd Habermann und Roland Vaubel (zu ergänzen wäre die Literaturliste noch mit Roland Baader) über F. A. von Hayek bis hin zum völlig zu Unrecht vergessenen Ludwig Bamberger (1897) konstruieren lässt.

Es ist den Sozialisten und Nationalsozialisten aller Parteien im 20. Jahrhundert gelungen, die zukunftsträchtige Idee des Liberalismus als überholt, veraltet und verfehlt hinzustellen.

Der zwielichtigen Rolle der sogenannten Kathedersozialisten ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es liefert Paradebeispiele für das, was der Franzose Julien Benda «La trahision des clercs» genannt hat. Raico vermutet zu Recht, dass die einflussreiche Rolle, welche diese Gelehrten hatten «weitgehend ihrer Verbindung zum Staat zu verdanken ist», eine Tatsache, die sich bei einem überwiegend staatlichen Universitätswesen seither kaum zum Besseren gewendet hat. Die tonangebenden Kathedersozialisten bezeichneten den Wirtschaftsliberalismus, den sie mit antibritischem Unterton «Manchestertum» nannten (heute ist mit demselben diffamierenden Klang die ideengeschichtlich unzutreffende Bezeichnung «Neoliberalismus» Mode), als eine «geistige Verirrung, die nunmehr vollkommen und endgültig überwunden sei» (A. Voigt, in: «Zeitschrift für Socialwissenschaft», N. F Bd. 4, Nr. 1, 1913).

Naumanns Fall und die Chancen des antietatistischen Widerstands

Als Kontrapunkt zur Ehrenrettung Eugen Ritters holt Raico im letzten Kapitel zu einer eigentlichen Demontage des in Deutschland als «politischer Volkserzieher» bekannten und von vielen (u. a. von Theodor Heuss und Ralf Dahrendorf) hoch geschätzten Friedrich Naumann aus. Ob die heutige F.D.P. ihre Parteistiftung wiederum mit diesem Namen schmücken würde, nachdem die zahlreichen von Raico mit wörtlichen Zitaten sorgfältig belegten nationalistischen und sozialistischen Entgleisungen des allzu anpassungsfähigen Politikers erneut publik sind, bleibt eine offene Frage. Politische Anpassung an den jeweiligen Zeitgeist ist allerdings bei Berufspolitikern eher die Regel als die Ausnahme, und man hat sie auch schon positiv als «Flexibilität», «Realismus» oder «Lernbereitschaft» gedeutet. Dass es in der deutschen Parteiengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur mehr oder weniger erfolgreiche Opportunisten gab, sondern auch standfeste und weitblickende Freunde der Freiheit, war bis anhin zu wenig bekannt. Ja, es gab einen Widerstand gegen Hitler, einen späten, vorwiegend aus national-konservativen Kreisen, und die Gefahr des Vergessens ist diesbezüglich heute kleiner als die Gefahr des Überschätzens, es gab aber auch um die Jahrhundertwende einen Widerstand gegen den entmündigenden antiliberalen Wohlfahrtsstaat, der in einer unheiligen Allianz von Sozialisten, Konservativen und Nationalisten den Etatismus, den Zentralismus, den Dirigismus und den umverteilenden Interventionismus hervorgebracht hat, der bis heute das politische Feld beherrscht. Die Gefahr des Vergessens dieser frühen liberalen Widerstandskämpfer im Dienst der Freiheit und der Mündigkeit des Menschen ist gross, die Bedeutung für die Zukunft kann aber, wie Raico eindrücklich darlegt, gar nicht überschätzt werden. Die Verwirklichung freiheitlicher Ideen, und allen voran der Idee offener Märkte, gegen den Widerstand aller vielleicht gut gemeinten aber zum Misserfolg verurteilten Versuche des zwangsweisen Regulierens und Intervenierens, befindet sich in Europa auch am Ende dieses Jahrhunderts in einem Anfangsstadium. Aber wir können dort anknüpfen, wo die Pioniere vergangener Jahrhunderte ihre ersten Erfolge hatten und dann an den Widerständen nationalistischer und sozialistischer Konstruktivisten und Zentralisten gescheitert sind.

Politische Anpassung an den jeweiligen Zeitgeist ist allerdings bei Berufspolitikern eher die Regel als die Ausnahme.

1 Ralph Raico, Die Partei der Freiheit, Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Übersetzt und bearbeitet von Jörg Guido Hülsmann, Gabriele Bartel, Pia Weiss, Schriften zur Wirtschaftspolitik, Neue Folge, Bd. 7, Hrsg. von Juergen B. Donges, Johann Eekhoff, Lucius & Lucius Verlag, Stuttgart 1999.

Schweizer Monatshefte – Heft 9, 1999 – Seite 11-14

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