Menschenwürde braucht spontane Kommunikation

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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1999 – Seite 1)

EDITORIAL

Markt und Menschenwürde werden heute häufig als gegenläufige Prinzipien gedeutet. Die Reduktion des Menschen auf seinen materiellen Tauschwert nehme ihm letztlich seine Würde, so wird gelegentlich argumentiert. Diese Betrachtungsweise lässt ausser acht, dass auf offenen Märkten nicht nur Güter und Dienstleistungen getauscht werden, sondern auch Argumente, Gefühle, Informationen und Ideen. Ein solcher Austausch setzt nun aber das voraus, was die Angelsachsen anschaulich «Self-ownership» nennen. Man kann — ohne die Menschenwürde Dritter zu verletzen — nur über etwas verfügen, etwas tauschen oder etwas verschenken, das einem gehört. Wer die zentrale Bedeutung des immateriellen, spontanen Informationsaustauschs vor Augen hat, wird sich viel eher die Frage stellen, ob es nicht ein unverzichtbarer Bestandteil der Menschenwürde sei, an diesem lebenswichtigen Kommunikationsprozess, möglichst ungehindert durch Vorschriften, Kontroll- und Überwachungsapparate, teilzunehmen. Menschenwürde braucht Kommunikation, braucht offene Märkte. Man kann nun allerdings einwenden, ein freier Markt im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation könne auch stattfinden, wenn der freie Tausch von materiellen Gütern und Dienstleistungen wegen anderer vorrangiger Interessen, etwa zum Schutz der Menschenwürde oder aus ökologischen Motiven, eingeschränkt werden müsse. Das heikelste Unterfangen ist wohl der spezielle Eingriff in die Menschenwürde mit dem Motiv, diese generell zu schützen. Eine Abgrenzung von nützlicher, nicht kontrollbedürftiger Kommunikation von schädlicher, kontrollbedürfiiger ist zwar theoretisch denkbar. Aber wer bestimmt die Kriterien? Die historische Erfahrung zeigt, und diesbezüglich hat sich Marx nicht geirrt, dass sich materielle und ideelle Bereiche nicht konsequent trennen lassen. Die freie Kommunikation von Ideen ist untrennbar verbunden mit einer möglichst freien Kommunikation von Gütern und Dienstleistungen. Dieselben Kontroll- und Interventionsapparate, welche — mit angeblich «edlen Motiven» — die Güter-, Dienstleistungs- und Finanzmärkte einschränken und kontrollieren möchten, werden sich — früher oder später — auch in den Kommunikationsbereich einschalten und damit die Menschenwürde an ihrem empfindlichsten Punkt antasten.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1999 – Seite 1

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