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Die bürgerliche Familie: Relikt oder zukunftsträchtige Primärgruppe?

Lesedauer: 10 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 4, 1998 – Seite 20-24)

DOSSIER

Wer auf tiefe traditionelle, ethologische und — möglicherweise sogar — soziobiologische Verankerungen von Verhaltensmustern hinweist, wird oft als sturer Konservativer abgestempelt. Die Rollenteilung in Familie und Berufdarfaber nicht nur aufdem Hintergrund der europäischen Ideen- und Institutionengeschichte der letzten 200 Jahre diskutiert werden. Jene ideologisch geführten Auseinandersetzungen um Kernfamilie, Frauenemanzipation und Wohlfahrtsstaat engen nämlich den Horizont möglicher und notwendiger Entwicklungen, Experimente und Entdeckungen empfindlich ein.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert gilt folgendes Modell als bürgerliches Familienideal: Der Mann übernimmt als «Haupt der Familie» aufgrund seiner Erwerbstätigkeit die Ernährerrolle, und die Frau sorgt im häuslichen Bereich für das Wohl der Familie. Dieses konservative Muster der Rollenteilung hat eine bemerkenswerte Langlebigkeit, und es wurde über Generationen auch in bürgerlichen Parteien als gesellschaftspolitisches Ziel schlechthin propagiert. Warum hält es sich auch heute, in einem stark gewandelten Umfeld, derart hartnäckig?

Kernfamilie – keine «Erfindung» des 19. Jahrhunderts

Die Tatsache, dass heute immer mehr Frauen teilweise oder voll berufstätig sind, hat zum berechtigten Postulat geführt, dass die Erwerbsarbeit und die Familienund Hausarbeit vermehrt partnerschaftlich geteilt werden sollte. Die seit der Mitte dieses Jahrhunderts durch die «Pille» möglich gewordene Familienplanung hat zudem biologisch bedingte Rollenzwänge flexibilisiert, wenn auch nicht aufgehoben. Mutterschaft und Kinderwünsche werden häufiger bewusst geplant, und die weibliche Biographie ist dadurch von zahlreichen Zwängen befreit worden, die über Jahrtausende prägend waren. Das Ziel, die Geschlechterrollen unabhängig von gesellschaftlichen und rechtlichen Normierungen und Zwängen autonom zu bestimmen, ist heute keine Utopie mehr.

Die in der marxistisch inspirierten Familienkritik auftauchende Vermutung, Monogamie und bürgerliche Familie seien nur «Ausfluss der bürgerlichen Erwerbs- und Eigentumsordnung» (Bebel), d. h. eine Erfindung der im 19. Jahrhundert «herrschenden Klasse», ist mehr als fragwürdig. Auch die links-feministische These, es handle sich bei den Geschlechterrollen in der sogenannten Zwangsehe um ein Relikt, das von konservativen Frauenverächtern aufgrund von Vorurteilen und geschlechtsspezifischen Interessen, wider alle Vernunft und Liberalität, bisher mit Erfolg verteidigt worden sei, eignet sich nicht als Grundlage einer wirklichen Reform. Es geht bei den herkömmlichen Rollenmustern in der Familie und in der Ehe um Verhaltensweisen, die vermutlich auch anthropologische und menschheitsgeschichtliche Dimensionen haben.

Hoher Stellenwert privater Häuslichkeit

Der englische Publizist und Soziologe Ferdinand Mount widerlegt in seinem originellen Buch «Die autonome Familie»1 die marxistischen Thesen, dass die «bürgerliche Familie» eine «Erfindung» der Aufklärung sei, und Gattenliebe, Mutterliebe, Elternliebe partnerschaftliche Solidarität und auch der innerfamiliäre Generationenvertrag eine Mythologie im Dienst der herrschenden bürgerlichen Klasse, welche die Menschen von ihren eigentlichen Bedürfnissen entfremde. Die als zeitgebundene Erscheinung charakterisierte traditionelle bürgerliche Familie hat möglicherweise einen kulturgeschichtlichen «Sockel», den man nicht unterschätzen sollte.

Die Wertschätzung privater Häuslichkeit braucht nicht unbedingt als Entfremdung von den ureigensten Interessen der Frauen gedeutet zu werden und auch nicht als «sexistischer Trick», mit dem sich die Männer einen unentgeltlichen häuslichen Dauerund Totalservice sichern. Möglicherweise sind die Frauen mit ihrer Priorität im privaten, häuslichen Bereich auch Pionierinnen der Selbstverwirklichung und haben das, was objektiv lebenswichtiger und lebensträchtiger ist als Erwerbsarbeit und Politik — Bereiche, die man auch als «notwendiges Übel» deuten kann — 200 Jahre vor den Männern erkannt, und möglicherweise folgen die Männer den Frauen beim «Rückzug in Private» im Rahmen der vorhandenen ökonomischen Rahmenbedingungen mit etwelcher Verspätung nun schrittweise nach. Das heute immer wieder und von verschiedener Seite zu Recht aufgegriffene Postulat einer erhöhten «Familienbeteiligung» des Mannes ist nämlich nicht nur eine neue Pflicht und Last, sondern vor allem auch eine neue Chance zur Emanzipation, die bisher von den Männern noch zu wenig genutzt wird. Die konsequente Mitbeteiligung der Ehefrau in der ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit wäre in vielen Fällen eine ökonomische Voraussetzung dafür. Angebot und Nachfrage gehen hier samt den dahinterliegenden Konflikten «übers Kreuz», so dass auch die optimale Lösung am ehesten unter den direkt Betroffenen und Beteiligten zu finden ist.

Der biedermeierliche Wunsch, ein unbehelligter Privatmensch zu sein, entsprach schon immer den spontanen Wunschvorstellungen einer Mehrheit.

Bürgerliche Familie, Herisau, ca. 1853, Atelier Rittmeyer, St. Gallen. (Colorized)

Die soziale Bewertung des häuslichen Bereichs ist im Lauf der Geschichte unterschiedlich ausgefallen. Im klassischen Griechenland hatte das öffentliche politische Leben einen zentralen Stellenwert, und der Privatmensch wurde idiotes genannt. Aber schon die Epikuräer stellten in Frage, ob der idiotes wirklich im heutigen Sinn ein Idiot sei oder ob es nicht vielmehr jene gewesen sind, die ihre höchste Erfüllung darin fanden, sich für das Gemeinwesen aufzuopfern und «für das Vaterland zu leben und sterben». Der biedermeierliche Wunsch, ein unbehelligter Privatmensch zu sein, entsprach schon immer den spontanen Wunschvorstellungen einer Mehrheit, während der seit der Antike als Modell propagierte homo politicus eher ehrgeizige Eliten anspricht. In ihrer extremen Ausprägung kann ja eine aktive Politik auch als der dauernde Versuch gewertet werden, sich in die Angelegenheiten anderer Menschen einzumischen… Die Chancen, einen wirklich positiven, persönlichen Beitrag zum Gemeinwohl und zur Entwicklung der Menschheit zu leisten sind – vor allem in friedlicheren Zeiten – im kleinen und kleinsten persönlichen Umfeld oft grösser als im Rahmen nationaler oder internationaler Politik, und jene, die vor der eigenen Türe und im eigenen Haus wischen, sind nicht einfach sozialschädliche Egoisten. Die zentrale Bedeutung des häuslichen Glücks ist schon vor über 2000 Jahren entdeckt worden: «Leben und leben lassen», «niemandem schaden», «pour vivre bien vivons cachés», «my home is my castle», lauten die entsprechenden Maximen, und das Haus und die Familie werden aus dieser Sicht als private Nische und nicht als Käfig empfunden. Nach diesen durchaus aktuell gebliebenen Auffassungen (die übrigens auch in neueren Umfragen über wichtigste Lebensziele — vor allem im Rückblick und von älteren Menschen — von eindrücklichen Mehrheiten bestätigt werden) ist das kleine private Glück dem Glück des Helden vorzuziehen, der für sein Vaterland oder seine Firma stirbt, leidet oder schuftet. Viele Frauen haben mit der Suche des Glücks im kleinen und kleinsten Kreis den zukunftsträchtigeren und auch gesamtgesellschaftlich weniger riskanten Ansatz gewählt, selbst wenn das erhoffte Glück allzu oft utopisch geblieben ist und bleibt. Niemand behauptet, die real existierende Familie sei seit je eine Quelle ungetrübten Glücks gewesen. Das Alte Testament und die antike Sagenwelt enthalten eindrückliche Beispiele von Familientragödien, und die Romanliteratur des letzten Jahrhunderts hat speziell das Unglück von Frauen in Ehe und Familie subtil beschrieben. Balzacs «Eugénie Grandet», Flauberts «Madame Bovary» und Theodor Fontanes «Effi Briest» können etwa auch als radikale Kritik an der bürgerlichen Familie gelesen werden. Hinter der Kritik an zeitbedingten Missständen steht aber auch die Auseinandersetzung mit den Grundproblemen der Rollenteilung zwischen Männern und Frauen, Vätern und Müttern. Literarische Meisterwerke gehen meist weiter und schürfen tiefer als die oft nur auf Sexualität fixierte Psychoanalyse, und sie sind umfassender als die marxistische Kritik, die alle Ehe- und Familienprobleme als Macht- und Besitzeskonflikte deutet.

Die Romanliteratur des letzten Jahrhunderts hat speziell das Unglück von Frauen in Ehe und Familie subtil beschrieben.

Eltern- und Gattenliebe sind nichts Neuzeitliches

Als die linke Familienkritik sogar die Liebe unter Ehegatten als eine «Erfindung» des 19. Jahrhunderts charakterisieren wollte, war sie wohl – auch in historischer und kulturvergleichender Sicht – allzu einseitig, engstirnig und kurzsichtig, und wenn man heute etwa im Feuilleton der NZZ lesen kann, die Liebe sei für das Kino erfunden worden (Andrea Köhler, NZZ, Nr. 182 vom 9./10. August 1997), so ist das – hoffentlich — ironisch gemeint. Literarische Werke, die eine Oberschicht betreffen, liefern allerdings keine verallgemeinerungsfähigen Hinweise für eine Verbreitung von emotionalen Verhaltensmustern. Penelope ist kein «Beweis» für die Gattinnenliebe und -treue in der Durchschnittsfamilie des alten Griechenland. Es ist aber doch einigermassen überheblich, wenn zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Sozialgeschichte und der Soziologie rückblickend den anonym gebliebenen «Massen» jede eheliche und familiäre «Gefühlskultur» absprechen und das Alltagsleben generell auf den brutalen biologischen Überlebenskampf reduzieren und die Kinder nur als ökonomischen Faktor im engeren materialistischen Sinn deuten. Auch Mutterliebe und Elternliebe sind keine Erfindung gefühlsduseliger europäischer Romanschriftsteller, sondern anthropologisch weltweit beobachtbare Verhaltensweisen, die in der europäischen Kulturgeschichte nicht einmal besonders hoch entwickelt worden sind.

Die auf einem emotionalen und auch sozio-biologischen Tauschprinzip beruhenden Formen der Familiengründung sind unter Umständen nicht gegen die Frauen, sondern mit den Frauen und vielleicht sogar durch die Frauen entwickelt worden. Natürlich ist die Kernfamilie lediglich eine — allerdings eine relativ erprobte und nicht grundsätzlich frauenfeindliche – Spielart des Zusammenlebens in Kleingruppen. Die Konsensehe ist mit Sicherheit schon vor dem 19. Jahrhundert «erfunden» worden, auch wenn sie selten genug zum «Normalfall» wurde. Vermutlich sind Frauen an der Entwicklung dieser Partnerschaftsform bzw. ihres Ideals, nicht unwesentlich beteiligt gewesen —, und zwar nicht nur die Frauen der Oberschicht. Sie sind möglicherweise aufgrund ihrer naturbedingten Nähr-, Schutz- und Pflegefunktionen nicht nur bei der «Entdeckung» und Entwicklung der Konsensehe, sondern auch bei anderen kulturellen Errungenschaften wie der Sprache, der Viehzucht und des Ackerbaus massgeblich und führend beteiligt.

Die Ehe ist kein Käfig für Frauen

Simone de Beauvoir hat aufgrund ihrer marxistischen Sicht die Ehe als Käfig, als männerfreundliche Institution zu Lasten der Frauen gedeutet. Mit guten Gründen kann man auch die abweichende These aufstellen, die Konsensehe sei «von Frauen für Menschen» entwickelt worden – nicht gegen die Männer, aber trotz den Männern. Frauen haben aufgrund ihrer Bedürfnisse die Männer über Jahrtausende hinweg zur Ehe- und Familientauglichkeit «gezähmt» und «herangezüchtet», wobei die Erfolge zwar begrenzt, aber doch beachtlich sind. Das Experiment der wechselseitigen Adaptation und Akkommodation der Geschlechter an ihre teils gleichen und teils widersprüchlichen sozio-biologischen Bedürfnisse und Programmierungen ist seit Jahrtausenden in vollem Gang und vom Resultat her durchaus offen. Frauen haben dabei nicht immer eine passive Rolle gespielt.

Die traditionelle bürgerliche Familie ist angesichts starker sozialer Veränderungen keine Endstation. Vermutlich streben heute viele – aber nicht alle — Ehe- und Familienfrauen nach mehr ausserhäuslicher Selbstentfaltung und nach ökonomischer Eigenständigkeit, wobei die Frage offen bleibt, ob diese Wünsche immer spontan sind oder lediglich eine Folge von neuen Gruppenzwängen. Wenn die Familie diesem Wandel Rechnung tragen will, so müssen jene Funktionen, die traditionellerweise von Frauen erfüllt worden sind, entweder durch staatliche oder private Dienstleistungen Dritter oder durch eine innerfamiliäre Neuverteilung der Aufgaben bzw. durch Kombinationen dieser Lösungsvarianten übernommen werden. Aus liberaler Sicht sollten in erster Linie die faktisch existierenden, aber nur selten reflektierten und ausgehandelten Partnerschaftsverträge bezüglich der Vater- und Haushalterrolle neu ausgehandelt werden. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um irgendwelche Papiere, sondern um gelebte flexible Vereinbarungen, die ihrerseits etwa auch mit dem Einbezug der Grosseltern kombinierbar sind, was für alle Beteiligten durchaus zukunftsträchtige Perspektiven eröffnet und nicht einfach als nostalgisches Relikt abgetan werden sollte. Vielleicht braucht es auch mehr und zusätzliche Formen privatwirtschaftlicher Arbeitsteilung, in welcher innerhäusliche Dienstleistungen d. h. «Familienhilfe» als Beruf wieder vermehrt auf kommerzieller Basis angeboten und nachgefragt werden — ein weites Feld für die private Schaffung von Arbeitsplätzen, über das man nicht voreilig die Nase rümpfen sollte. Die Arbeit im Bereich Familie und Haushalt geniesst leider nicht das Ansehen, das ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechen würde.

Unterschiedliche Prioritäten

Das Postulat, dass sich Ehemänner und Familienväter in Haushalt- und Familienbelangen vermehrt engagieren sollten, ist einleuchtend und berechtigt, und es wird in seiner allgemeinen Formulierung auch kaum mehr bestritten. Trotzdem harzt es bei der Umsetzung, und die Versuchung ist da, diesbezüglich mit gesetzlichem Druck nachzuhelfen. Hier muss die liberale Skepsis wach werden. Frauen, die ihre Priorität im familiären Bereich setzen, sind nicht einfach «altmodisch», und sie sind auch nicht Opfer einer Diskriminierung im «Geschlechterkampf». Viele entscheiden sich bewusst für diese Option. Selbstverständlich gibt es neue Mischformen der Rollenteilung und eine vermehrte und verbesserte Berücksichtigung und Aufeinander- Abstimmung von Wünschen, die in verschiedenen Phasen einer Biographie auch verschieden aussehen können.

Die politisch interessante Frage ist nun, ob es möglich und erwünscht ist, in diesen – nicht nur historischen, sondern auch anthropologischen – Entwicklungsprozess der wechselseitigen Adaptation von Angebot und Nachfrage im Rahmen der Ehe und der Familie steuernd und intervenierend einzugreifen. Mindestens dort, wo Rechtsnormen, Sozialversicherungssysteme und Lehrprogramme der Staatsschule bestimmte Rollenbilder fixieren und den erwähnten Entwicklungsprozess bremsen oder verfälschen, sind Liberalisierungen im Sinn der Deregulierung anzustreben. Es braucht keine neuen Eingriffe, sondern einen Abbau von bestehenden «Verfälschungen» spontaner Prozesse. Das Vorurteil, man müsse zwingende Vorschriften zugunsten des sogenannt schwächeren Partners erlassen, widerspricht m.E. dem Bild eines durch Jahrtausende immer wieder neu ausgehandelten Vertrags der Geschlechter.

Das Postulat, dass sich Ehemänner und Familienväter in Haushalt- und Familienbelangen vermehrt engagieren sollten, ist einleuchtend und berechtigt.

«Männerstreik» bei Haushalt und Familienarbeit?

Es ist allerdings nicht zu leugnen, dass Männer beim Durchsetzen ihrer Interessen immer wieder auf traditionelle Vorrechte gepocht haben und oft auch vor der Anwendung physischer Gewalt nicht zurückschreckten. Frauen entwickelten demgegenüber aber auch Strategien, in denen sie ihre biologische und sozio-kulturelle Überlegenheit oft mit Erfolg einsetzten, und nicht selten ist — nach dem chinesischen Sprichwort — «Wasser härter als Stein» gewesen. Frauen haben also im von jedem Paar immer wieder neu ausgehandelten Vertrag der Geschlechter durchaus ihr Verhandlungs-, Verführungs- und Verweigerungspotential.

Die ungleiche Belastung im Haushalt und in der Familie kann nicht einfach unter den Stichworten «kollektiver solidarischer Männerstreik» und «Rollendiskriminierung» abgehandelt werden. Viele Frauen akzeptieren traditionelle Rollenmuster auch, weil sie in einer konkreten Situation vergleichsweise am meisten Vorteile bieten. Man kann sich fragen, ob die Vorstellung von einer Jahrhunderte- oder jahrtausendealten systematischen Diskriminierung der Frau nicht auch etwas Frauenfeindliches an sich hat. So dumm und so schwach, dass sie sich systematisch «ins Laufgitter» von Haushalt und Familie sperren und unterdrücken lassen, sind nämlich die meisten Frauen gar nicht… Gibt es aber so etwas wie eine erfolgreiche und folgenreiche kollektive Dienstverweigerung der Männer im innerhäuslichen Bereich? Warum bleibt dort so vieles an den Ehefrauen und Müttern hängen? Aus der Beobachtung und der Beschreibung sogenannt naturbedingter Unterschiede kann nicht abgeleitet werden, was normalerweise vereinbart werden sollte; denn es kennzeichnet den Menschen als kulturelles und soziales Wesen, dass er kein Sklave der Natur ist. Eine sorgfältige Analyse von natur- und kulturbedingten Prägungen kann aber für die richtige Einschätzung der individuellen und kollektiven Spielräume hilfreich sein. Vor Illusionen über die souveräne Ausgestaltung sei ebenso gewarnt wie vor der resignierten Kapitulation gegenüber allen Zwängen.

Vor Illusionen über die souveräne Ausgestaltung sei ebenso gewarnt wie vor der resignierten Kapitulation gegenüber allen Zwängen.

Der Staat als Lückenbüsser?

Die konservativen Reflexe gegenüber Veränderungen im partnerschaftlichen Rollenverhalten sind nicht zufällig. Es steht sehr viel auf dem Spiel. Kann eine Gesellschaft den «Auszug der Frau» aus den Familienpflichten zulassen ohne sicherzustellen, dass der «Einbezug der Männer» problemlos und lückenlos klappt? Es ist eine Frage des Wollens und des Könnens und auch eine Frage des Risikos.

Die heute politisch im Vordergrund stehende Lösung, die «Familienarbeit» an staatliche Institutionen abzutreten, kann durchaus auch als männliche Ausweichstrategie gedeutet werden, als Verweigerung, die innerfamiliäre Arbeitsteilung partnerschaftlich neu auszuhandeln. Was durch Übereinkunft nicht gelöst werden will, soll durch Kollektivierung und Zwang sichergestellt werden. Der Staat wird dabei zum allzuständigen Lückenbüsser, zum Vater- und Mutterersatz. Die Erfahrungen, welche in sozialistischen Staaten mit der sogenannten Frauenbefreiung gemacht wurden, sind nicht ermunternd. Die partnerschaftliche Mitbeteiligung der Männer an häuslichen, innerfamiliären Aufgaben ist dort signifikant schlechter geblieben als in nicht-sozialistischen Gesellschaften. Der Staat eignet sich offenbar allenfalls temporär als Konservator sozialer und kultureller Strukturen, aber wenn er «Umerzieher» oder «Innovator» sein will, wird er häufig nur zum «Kaputtmacher».

Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass durch soziale Lernprozesse in partnerschaftlichen Strukturen die Bereitschaft der Ehemänner und Väter zu innerhäuslichem und familiärem Engagement wächst und dass sich ein Wandel bei den Prioritäten auch bei der Partnerwahl und auf dem Arbeitsmarkt auswirkt, wenn gut gemeinte familienpolitische und «emanzipatorische» Interventionen und Regulierungen abgebaut werden. Das Potential des in Traditionen gespeicherten Erfahrungsschatzes ist hingegen nicht zu unterschätzen. Am vorteilhaftesten ist das Herantasten an bessere Lösungen durch eine sehr grosse Zahl nicht zentraler Experimente und Optionen, die offen konkurrieren. Gegenüber einer staatlichen Familienfinanzierungen und anderen politischen Beeinflussungen der Geschlechterrollen und der innerfamiliären Arbeitsteilung ist grösste Skepsis angebracht; denn in erster Linie handelt es sich um einen sozialen Lern- und Veränderungsprozess, bei dem niemand «die richtige Lösung» kennt.

1 Ferdinand Mount, Die autonome Familie, Beitz, Weinheim, Basel 1982.

Schweizer Monatshefte – Heft 4, 1998 – Seite 20-24

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