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Dauer und Wandel am Ende der Industriegesellschaft

Lesedauer: 15 Minuten

(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 1997 – Seite 26-32)
DOSSIER

Zehn Thesen

Der für die Arbeitswelt entscheidende Wandelfindet nicht bei den Werten statt, sondern in der Technologie, welche für die Produktion der Grundbedürfnisse Arbeitskräfte freisetzt. Ein unbeschränktes Arbeitspotential liegt aber oberhalb der Grundbedürfnisse im Bereich des Wahren, Schönen und Guten, und nichts behindert den Wandel mehr als die Vorstellung, der Staat sei für Kulturelles und Soziales der geeignetste Produzent.

Überarbeitete Fassung eines Vortrags bei der Herbert Quandt-Stiftung in Bad Homburg.

Die Probleme der Gegenwart sind unmodern!
Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften

In Deutschland ist der Wertewandel ein Modethema. Das Gerede von «Aufbruch» und «Wende» verschleiert aber möglicherweise lediglich den Hang zur Stabilisierung des bestehenden Machtkartells. Das Stichwort «Stabilitätspakt», das heute als Wundermittel zur Lösung der europäischen Probleme empfohlen wird, entspricht durchaus der vorherrschenden strukturkonservativen Grundstimmung.

Vielleicht will man mit dem Hinweis auf den Wertewandel vertuschen, dass die deutschen Eliten in diesem Jahrhundert so oft kritiklos den Exzessen des Zeitgeistes folgten, indem sie Nietzsches Provokation von der Umwertung aller Werte unter wechselnden Bedingungen in Taten und Untaten umsetzten. Die Angelsachsen stehen diesbezüglich mit ihrer allzeit präsenten Skepsis gegenüber allen Entwicklungssprüngen und ihrem Sensorium für die Kontinuität und Evolution besser da, wenn sie den Wandel als überlappende, schrittweise Weiterentwicklung deuten. Industrielle Produktion wird es in absehbarer Zeit weiterhin geben, und sie wird so wenig verschwinden wie das Handwerk nach der industriellen Revolution.

Konstante Grundwerte

These eins: Wir leben in einer Phase des raschen Strukturwandels. Was sich wandelt, sind die Realitäten, die Sachverhalte. Die Grundwerte im menschlichen Zusammenleben sind hingegen relativ konstant.

Wenn nach einer Auflösung der Industriegesellschaft gefragt wird, ist nach Werten Ausschau zu halten, welche allenfalls jenseits solcher Auflösungen stehen und als Orientierungshilfen in solchen Prozessen überdauern. Dies ist ihrem Wesen nach eine konservative Herausforderung. Der Begriff «konservativ» ist allerdings fast inhaltsleer, sofern man keine Bezüge zur Realität und zu einer aktuellen Lage herstellt. Wenn sich in der Politik Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher und Vàclav Klaus, die in kurzer Zeit sehr vieles verändert haben, als «konservativ» bezeichnen, muss das stutzig machen. Hat hier der konservative Italiener Tomasi di Lampedusa recht, der seinen Gattopardo sagen lässt: «Wer will, dass alles bleibt, muss alles ändern»? Offenbar schliessen sich das konservative Bekenntnis zu einem Grundstock von Dauerhaftem und das Bekenntnis zu einem dauernden Wandel im Umfeld nicht gegenseitig aus. Die Unterscheidung von «strukturkonservativ» und «wertkonservativ» ist sinnvoll und hilfreich, obwohl damit noch wenig gewonnen ist. Denn was sind «Werte», und was sind «Strukturen», und wie sind sie miteinander verknüpft?

Diese Frage steht im Schnittpunkt der weltanschaulichen Debatte des 19. Jahrhunderts, in welchem die Materialisten die Werte aus den Strukturen hervorgehen liessen, das Bewusstsein aus dem Sein, und die Idealisten die Strukturen durch Werte bestimmten, das heisst das Sein durch das Bewusstsein. Die Grundfrage ist bis heute offen geblieben, und sie lässt sich wohl auch nicht abschliessend beantworten.

Kultur des Erinnerns

These zwei: Zur Bewältigung der Probleme des nachindustriellen Zeitalters brauchen wir die selektive Erinnerung an dauerhafte Werte aus vorindustrieller Zeit.

Diese These, wie auch die folgenden, lassen sich nicht wissenschaftlich belegen. Ich möchte sie aber mit Hinweisen aus der Belletristik untermauern, in der Hoffnung, dass es vielleicht doch die Dichter waren, welche Bleibendes und Dauerhaftes geschaffen haben. Von Dichtern lässt sich häufig mehr über die Idee der Freiheit vernehmen als von Philosophen und Sozialwissenschaftern; sie stehen ihr offensichtlich persönlich näher. Dostojewskij hat in Bad Homburg sein ganzes Vermögen verspielt, so dass man ihn an diesem Ort mit guten Gründen in Erinnerung ruft. Die Anklage des Grossinquisitors in seinen «Brüdern Karamasow» enthält die klassische Argumentation und Strategie der Freiheitsfeinde. Ihre drei Hauptwaffen sind «Autorität», «Wunder» und «Geheimnis». Die sogenannte «negative Freiheit» ist nichts anderes als eine Abwehrstrategie gegen diese drei Waffen und gegen alles Freiheitsfeindliche. Flauberts «Madame Bovary» nimmt als Kapitalismuskritik die ganze Tiefenpsychologie von Geld, Frustration und Sexualität, die Verstrickung von Schuld und Schulden vorweg, ein Problem, das uns auch im Zusammenhang mit der Frivolität von Staatsschulden beschäftigen sollte. Solche genialen Momentaufnahmen anthropologischer Befindlichkeit überdauern den sogenannten Wertewandel. Joseph Conrad, der aus Polen stammende, englische Romancier, bezeichnet in seiner Selbstbiographie die Treue als wichtigsten Wert: «Die vergängliche Welt ruht aufeinigen wenigen, sehr einfachen Gedanken, Gedanken von solcher Einfachheit, dass sie so alt sein müssen wie die Berge. Sie ruht unter anderem sehr merklich auf dem Gedanken der Treue.»

Fjodor M. Dostojewskij

Von Dichtern lässt sich häufig mehr über die Idee der Freiheit vernehmen als von Philosophen und Sozialwissenschaftern.

Anthropologisches Erbe

These drei: Die psychischen Strukturen, auf denen eine individuelle und eine gemeinschaftliche Ethik basieren, gehören zum anthropologischen Erbe des «homo sapiens», das sich nur nach dem langsamen Rhythmus der biologischen und soziokulturellen Evolution verändert.

Wir stehen gegenwärtig mit unserer urmenschlichen «Ausrüstung» vor der Aufgabe, die Probleme einer hoch arbeitsteiligen, elektronisch vernetzten, globalen Zivilisation zu lösen. Für den heutigen Menschen ist vielleicht jene Anekdote bezeichnend, die von einem Indianer berichtet, der erstmals die Eisenbahn benützte und an jeder Station seine Reise für einen Tag und eine Nacht unterbrochen hat. Als man ihn nach den Gründen für dieses merkwürdige, zeitraubende und irrationale Verhalten fragte, meinte er, sein Körper könne zwar dem Tempo der Eisenbahn ohne weiteres folgen, aber seine Seele brauche mehr Zeit. Er müsse jeweils auf die Seele warten, bis er die Reise fortsetzen könne. Das Bild ist instruktiv, weil es nicht die Möglichkeit des Reisens, des Sich-Veränderns und Entwickeins als solche negiert, sondern nur die Frage nach dem anthropologisch zuträglichen Tempo stellt. Der Mensch ist trotz und vielleicht auch wegen seiner genetischen und kulturellen Ausstattung ein anpassungsfähiges Wesen. Er assimiliert sich mit verschiedensten Verfahren an seine Umwelt und Mitwelt, durch Adaptation und durch Akkommodation, das heisst, er verändert sowohl sich selbst als auch seine Umwelt – lernend und gestaltend. Sein anthropologisches Sein bestimmt zwar, wie Marx zutreffend bemerkt hat, sein Bewusstsein, aber auch die Idealisten haben nicht unrecht, wenn sie feststellen, dass wir mit unserem Bewusstsein, mit unsern Ideen, Vorstellungen und Mythen auch das Sein mitbestimmen können – wenn auch nicht in dem Ausmass, wie wir es uns einbilden und wünschen.

Erfolgreiche Assimilierung

These vier: Zivilisation und Kultur sind nicht das Resultat einer Entfremdung von der Natur, sondern das Resultat einer — zwar nicht immer, aber doch häufig — erfolgreichen Assimilierung.

In Anknüpfung an Rousseau hat man bisher den technisch-zivilisatorischen Fortschritt immer wieder als eine Entfremdung von einer ursprünglichen Natur gedeutet, bei dem die Komplexität zunimmt und die Schwierigkeiten immer unlösbarer werden. Möglicherweise folgt die Entwicklung der hoch vernetzten Technologie aber auch einem Prozess der Assimilierung, welcher das, was die Menschen eigentlich brauchen und wollen, ermöglicht, hervorbringt, erleichtert und fördert: spontane Kommunikation, frei gewählte Kooperation, Musse und persönliche Unabhängigkeit, kurz, eine praxisorientierte Konzeption von Freiheit. Zivilisation und Kultur sind das im Menschen angelegte schöpferische Ähnlichwerden (Assimilierung) mit der Natur in ihm und ausser ihm. Es ist im Lauf der Zivilisation auch vieles einfacher und bequemer geworden. Komplexität ist ihrem Wesen nach immer unendlich. Sie nimmt daher nicht zu, sondern wird umgelagert, und dies nicht immer zum Nachteil der Beteiligten und Betroffenen.

Das Industriezeitalter, das den Menschen mit der Mechanik von Maschinen verbunden hat, konnte im Vergleich zur Anschaulichkeit des Handwerks als Entfremdung gedeutet werden. Gegenüber dem Einsatz des menschlichen Körpers als wesentlichstem Instrument der Produktion war die Verknüpfung von Mensch und Maschine trotzdem ein Fortschritt. Eine Arbeitswelt, welche den Menschen durch eine weitgehend elektronische Selbststeuerung von Maschinen von der engen physischen Beziehung zur Mechanik befreit, ist nicht als nächster Schritt einer weiteren Entfremdung zu deuten, sondern als eine Überwindung des Missbrauchs des Menschen als «Maschinenbestandteil», welcher den Arbeiter im Sinn des blue-collar-worker überflüssig macht. (Ich weine ihm keine Träne nach.) Das Einspannen der Arbeitnehmer in vielfältige, elektronische Kommunikationsnetze, die neue Form nachindustrieller Arbeitsweise, soll hier nicht als «grosse Befreiung» hochgejubelt werden. Der Fluch fremdbestimmter Aktivität im Hinblick auf ein für den Lebensunterhalt notwendiges Entgelt wird dadurch nicht aufgehoben. Lohnarbeit basiert weiterhin zum Teil auch auf einer Kombination von manueller und intellektueller Geschicklichkeit, wobei die Vielfalt und der Wandel immerhin das Spektrum der Wahl eher öffnen als einengen.

Wer Endzeiten prognostiziert, ist in der Regel bald einmal gezwungen, zu erklären, warum jetzt das Ende doch noch auf sich warten lässt.

Langsames Fortschreiten

These fünf: Wer für die Zukunft ein Paradies der Selbstverwirklichung ohne Arbeitsleistung verspricht, ist ein Scharlatan. Wer in Zukunft für grosse Teile der Bevölkerung Arbeitslosigkeit, soziale Polarisierung, sektorielle Verarmung und totalitäre Kontrolle voraussagt, ist ein Schwarzmaler und Angstmacher. Leider ist in der Politik die Kombination von falscher Angstmacherei und falschen Versprechungen wegen ihrer Popularität weit verbreitet.

Es ist heute Mode, die Konzeption der politischen Freiheit als Begleiterscheinung einer bestimmten Epoche zu bezeichnen, einer Epoche, die als bürgerlich-kapitalistisch bezeichnet wird – als ob es vorher keine diesbezügliche Nachfrage gegeben hätte. Ihr Anfang wird ins Zeitalter der Renaissance bzw. der Reformation gelegt und ihre Endphase soll derzeit im Gange sein bzw. mit der Auflösung des Industriezeitalters zusammenfallen. Was nachher kommt, ist jedenfalls «post», post-industriell, post-modern, post-kapitalistisch, post-demokratisch und meist auch postfreiheitlich. Ich halte wenig von einem solchen historischen System der politischen Elemente, welches das Paradies entweder an den Anfang oder an das Ende der Geschichte stellt. Alles kann gleichzeitig als «post» und «prae» gedeutet werden, und wer Endzeiten prognostiziert, ist in der Regel bald einmal gezwungen, zu erklären, warum jetzt das Ende doch noch auf sich warten lässt.

Gegenüber Bilderstürmern und schrecklichen Vereinfachern ist Skepsis angebracht. Anthropologische Komponenten sind zwar nicht ewig, aber sie wandeln sich langsam. Penelope hat schon vor über zweieinhalb Jahrtausenden an ihrem Webstuhl auf die Heimkehr ihres geliebten Gatten gewartet, und die Zehn Gebote finden noch heute in jeder zivilisierten Gesetzgebung ihren Niederschlag. Diese «Entdeckung der Langsamkeit» ist für mich kein Beweis dafür, dass die Konservativen immer Recht haben. Im Gegenteil. Langsamkeit ist vor allem dort demütigend, wo man selber auf Veränderungen hinwirken möchte, in der Politik und in der Erziehung. Die Dauerhaftigkeit der Widerstände, welche dem Wandel im Weg stehen, kann einen immer wieder an die Grenze der Verzweiflung führen. Gerade wer relativ dauerhaften Werten in einem Umfeld von rasch ändernden Tatsachen zum Durchbruch verhelfen möchte, wird in seiner Geduld oft strapaziert. Ich kann sehr wohl nachfühlen, wenn James Joyce, ein grosser Kenner der Kulturgeschichte, eben diese Geschichte als «Alptraum» bezeichnet, aus dem er zu erwachen versucht. Auch Erziehung wird für alle Beteiligten gelegentlich zum Alptraum und ganz besonders die Erziehung durch Geschichte.

Tradition als Stütze

These sechs: Traditionen können in einem Prozess des Wandels sowohl eine Hilfe als auch eine Fessel sein. Sie eignen sich jedenfalls zur Schaffung von Verlässlichkeit und sind damit eine Strategie gegen die Angst vor der Zukunft.

Der mittelalterliche Teufel, der Diabolus, welcher alles durcheinanderwirft, hatte eine sehr einprägsame Devise, welche später auch zu einem Grundsatz der Wissenschaft geworden ist: Solve et coagula. Löse auf und mache wieder fest. Was ist daran so teuflisch? Ist damit nicht auch ein vertrautes Forschungsverfahren gemeint, Analyse und Synthese? Aus liberaler Sicht ist es das coagula, welches Bedenken erweckt. Wer die Freiheit in den Mittelpunkt stellt, ist gegen alles voreilige Verfestigen.

Das Stichwort Auflösung steht im Programm dieses Gesprächs, und ich bin überzeugt, dass wir vieles verflüssigt haben und verflüssigen werden. Wenn ich mich hier bemühe, konstante Werte hervorzuheben, Gedanken, die — nach Conrad— «so alt sind wie die Berge», so dies nicht, um den Wandel der Tatsachen aufzuhalten oder zu bremsen, sondern um ihn erträglich zu gestalten. Jene Werte, an denen mir so viel liegt, haben nämlich schon verschiedenste Phasen des Wandels überdauert und eignen sich daher allenfalls für eine Überbrückung von sogenannten Traditionsbrüchen. Der in Heidelberg lehrende Ägyptologe Jan Assmann schreibt in seinem Buch «Ägypten, eine Sinngeschichte»1 zum Thema Tradition und Traditionsbruch folgendes: «So paradox es vielleicht klingen mag, Tradition macht die Vergangenheit als solche unsichtbar, indem sie die Differenz zwischen Gestern und Heute negiert und dafür sorgt, dass sich nichts ändert. Ganz anders verhält es sich, wenn über einen eingetretenen Traditionsbruch hinweg das Gestern in bewussten Anstrengungen der Aneignung und Übersetzung ins Heute hineingeholt und im Heute gehalten wird».

Die Idee der politischen Freiheit ist so alt wie alle Versuche, sie zu unterdrücken.

Politische Freiheit als Widerstand

These sieben: Die Konzeption politischer Freiheit hat eine handfeste physische Komponente und eine abstrakte metaphysische. Die erste ist für eine grosse Mehrheit wichtiger als die zweite. Die Idee der politischen Freiheit ist mindestens so alt wie der Staat.

Wer den Liberalismus mit der Freiheitsidee in Verbindung bringt, kann seinen Ursprung daher weder bei John Locke, noch bei den Eidgenossen auf dem Rütli, noch bei den griechischen Philosophen, noch im Exodus des Volks Israel aus der ägyptischen Knechtschaft ansetzen, sondern muss zu den vor- und frühgeschichtlichen Ursprüngen der staatlichen Organisation zurückgehen, an die Anfänge der menschlichen Zivilisation, als Institutionen wie der Markt, die Schrift und das Recht erfunden bzw. entdeckt wurden. Sobald Menschen zu Adressaten politischer Macht wurden, regte sich auch der Widerstand gegen alle Formen der Macht- und Gewaltanwendung. Die Idee der politischen Freiheit ist demnach so alt wie alle Versuche, sie zu unterdrücken. Dieser Widerstand gegen alle Formen, Spielarten der physischen Fremdbestimmung, die Sehnsucht nach Selbstbestimmung über die Zeit, über die Mobilität im Raum und über die Personen, mit denen man kommunizieren und kooperieren möchte, gehört also zur anthropologischen «Grundausrüstung», die sich jenseits aller real existierenden Gesellschafts- und Wirtschaftsformen immer wieder manifestiert. Sie lässt sich mit der Formel «life, property, liberty» zusammenfassen oder «selfownership, spontanous order, diversity and choice». Die Formeln und Begriffe, die ich hier nicht ohne Grund im englischen Original anführe, mögen höchstens 300 Jahre alt sein — eine Nachfrage nach den Werten, welche sie bezeichnen, reicht schon mehr als 3000 Jahre zurück. Ein Grundbedarf an Berücksichtigung dieser Werte liesse sich wohl weltweit und kulturübergreifend empirisch nachweisen.

Die metaphysische Komponente der politischen Freiheitsidee ist nicht weniger urtümlich. Sie hat mit der grossen, aristotelischen Trias von Werten zu tun, und man hat heute fast Hemmungen, einem falschen Pathos anheimzufallen, wenn man sie erwähnt: das Wahre, das Schöne und das Gute. In den 68er Jahren war es Mode, jeden Hinweis auf solche Ideale und jede noch so bescheidene Hoffnung auf einen kulturellen und zivilisatorischen Fortschritt mit dem Zwischenruf «Auschwitz, Auschwitz» zu quittieren. Wenn dies ernüchternd wirkte, war das gut, wenn es Resignation und Zynismus förderte, problematisch. Ein Unbehagen gegenüber allen anmassenden / Dreierformeln gehört für mich zum heilsamen Erfahrungsschatz jener Jahre. Schliesslich kann man – mit guten Gründen – auch den Slogan «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» mit dem Zwischenruf «Robespierre» oder «Guillotine» relativieren.

Das Wahre, Schöne und Gute

These acht: Freiheit ist zwar nicht die einzige und auch nicht immer die hinreichende, wohl aber die entscheidende Voraussetzung für das Weiterbestehen bzw. das Entstehen von Wahrheit, Schönheit und Güte. Die drei Grundwerte hängen in subtiler Weise zusammen, und Freiheit ist dabei unabdingbar.

Auf den Zusammenhang von Wahrheit und Freiheit hat nicht erst der deutsche Idealismus hingewiesen. Schon im Johannesevangelium finden wir den Hinweis auf die enge und sensible Verknüpfung in der Verheissung «die Wahrheit wird Euch frei machen». Wer sich im persönlichen, politischen oder wirtschaftlichen Bereich je auf das Aufrechterhalten eines Lügengebäudes eingelassen hat, kann dies nur bestätigen: Es funktioniert nicht, und der Preis der Lüge und Täuschung (auch der Selbsttäuschung!) wird früher oder später in jeder Beziehung zu hoch. Vielleicht liegt darin auch der tiefere Grund für den ökonomischen Zusammenbruch totalitärer Systeme.

Willhelm Teil, nach Hodler, Bearbeitung aus den dreissiger Jahren; Künstler unbekannt.

Die Verknüpfung des Schönen mit dem Guten ist eine der grossen (aber nicht unbestrittenen) Errungenschaften der griechischen Kultur. Sie wird im heutigen Kulturbetrieb, der zum Teil die provokative Hässlichkeit ins Zentrum stellt, unterbewertet. Man übersieht heute vielleicht, dass auch die nackte Wahrheit nicht immer hässlich zu sein braucht und dass alles, was man mit Liebe betrachtet, auch schön sein kann. Schönheit hat zweifellos auch eine ethische Komponente. Schiller hat die antike Verknüpfung von Ethik und Ästhetik n seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen wieder aufgenommen. Er gehört für mich zu den ganz wichtigen «liberalen Klassikern». Mit seinem «Wilhelm Teil» hat er nicht nur einen sehr sinnreichen und tragfähigen Ursprungsmythos für die Schweizerische Eidgenossenschaft geschaffen, sondern auch eine überaus aktuelle Abhandlung des Themas «Individuum und Gemeinschaft». Was heute zwischen Libertären und Kommunitaristen diskutiert wird bzw. diskutiert werden müsste, ist in Schillers «Teil» bereits angelegt.

Ich habe im Zusammenhang mit dem Wertewandel ein paar Unfreundlichkeiten über die deutsche Elite formuliert. Ich möchte es nicht unterlassen hier als Liberaler und als Schweizer ausdrücklich zu bekennen, wieviel ich dem deutschen Idealismus, und allen voran Schiller, verdanke… Ein Gedicht von Schiller soll nun auch als Brücke dienen von den eiskalten Höhen theoretischer Reflexion bis zur wohltemperierten Aktualität unseres Gesprächsthemas, die Industriegesellschaft.

Unerschöpfliches Arbeitsangebot

These neun: Die Auflösung der Industriegesellschaft wird immer wieder mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht. Man behauptet, dass der (industriellen) Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehen wird. Ln jeder Gesellschaft gibt es grundsätzlich unendlich viel Arbeit (physikalisch: Kraft mal Weg). Beschränkt ist lediglich die jeweilige Bereitschaft und Möglichkeit, dafür ein Entgelt zu bezahlen.

Friedrich von Schiller
In seinem Gedicht «Die Teilung der Erde» nimmt Schiller Stellung zum Thema der materiellen Endlichkeit und der ideellen Unendlichkeit. Zeus verteilt die (materielle) Welt an die Menschen nach dem Prinzip der Selbstbedienung bzw. der Aneignung. Jeder nimmt sich, was er für nützlich hält. Das Resultat ist zwar nicht gerecht, aber es funktioniert. Nur der Poet verpasst seinen Anteil am Materiellen, weil er mit seinem Ohr «an des Himmels Harmonie lauschte» (und vielleicht dabei von Gerechtigkeit träumte) und «vom Licht des Himmels berauscht», «das Irdische verlor». «Was tun? spricht Zeus; die Welt ist weggegeben.» Hier die Lösung: Der Poet soll am Schöpferischen teilhaben. Der Himmel soll für ihn offen sein, so oft er kommt. Das Nullsummenspiel der Verteilung und Umverteilung in der materiellen Welt des Quantitativen wird dadurch ins Unendliche geöffnet, dass man es mit der Gestaltbarkeit des Ideellen, mit der ethischen und ästhetischen Qualität verknüpft. Die Erforschung der Wahrheit ist so unbegrenzt wie der Irrtum grenzenlos. Das Schöne und das Gute bleiben als Ideal unerreichbar. Für den Poeten gibt es eine unbegrenzte Fülle von Herausforderungen zur Aktivität. Schiller als Entdecker des qualitativen Wachstums? Geht es um die Ergänzung der tendenziell begrenzten Produktion von (materiellem) Brot durch die unbegrenzte (ideelle) Produktion von Spielen? Lautet in Zukunft das Motto nicht mehr «Brot und Spiele», sondern «Brot durch Spiele», «panem per circenses»? Wer hier einwendet, mit Spielen lasse sich kein Brot verdienen, sei daran erinnert, dass heute die weltweit höchstbezahlten Jobs im Sport und im Show-Business angesiedelt sind.

Sicher hat Schiller in seinem Gedicht «Die Teilung der Erde» kein Rezept gegen die Arbeitslosigkeit am Ende des 20. Jahrhunderts verkünden wollen. Aber Literatur weist stets über den engeren Horizont seiner Zeit hinaus.

Das Schöpferische im Bereich des Wahren, Schönen und Guten ist grenzenlos offen. Wir sind zur Wahrheitssuche und zur Poesie, zum Schöpferischen im weitesten Sinn aufgerufen, nicht zur Aneignung von Materie, sondern zu deren Verwandlung, zu deren Verbesserung und Verschönerung. Natürlich bleibt die bange und zentrale Frage: Wer ist bereit, dafür etwas zu bezahlen? Ist das nicht letztlich eine Anpreisung der «brotlosen Kunst», die angesichts der vielen, die es nicht zum hochbezahlten Superstar bringen, fast zynisch tönt? Bleibt Kunst, Poesie im weitesten Sinn, nicht immer im Bereich des l’art pour Tart ein ökonomischer Leerlauf, der keine entgeltliche Arbeit, keinen vernünftigen Tauschwert vermittelt? Muss der Staat hier mit zwangsweise erhobenem Steuergeld als Sponsor bzw. als Mäzen in die Lücke springen, gleichsam in der Nachfolge des kapitalkräftigen Erbadels? Die Antwort lautet Nein. Im Gegenteil, er muss sich so schnell wie möglich aus allen Sphären des Ideellen, des Poetischen und des Spiels zurückziehen.

Umverteilung nivelliert, und im Zuge dieser Nivellierung wird die Nachfrage auch im sozialen und kulturellen Bereich durchschnittlicher, weniger vielfältig und primitiver.

Unbegrenztes Wachstum für Qualität und Ästhetik

These zehn: Die Entstehung von Arbeitsplätzen im sozialen und kulturellen Bereich, in welchem sich das qualitative Wachstum im Wahren, Schönen und Guten abspielt, wird durch Staatsmonopole und durch die sogenannte staatliche Förderung nachhaltig behindert.

Ein Blick in die ökonomische Realität zeigt, dass weltweit nach kulturellen und sozialen Aktivitäten durchaus eine ökonomische Nachfrage besteht, und zwar mit zunehmender Tendenz. Diese Nachfrage wird allerdings durch staatliche Interventionen aller Art nachhaltig gestört. Die Umverteilung im Sozialstaat ermöglicht zwar auf der Empfängerseite einen interventionsbedingt höheren Konsum, der sich in erster Linie im materiellen, aber auch im ideellen Bereich manifestiert, allerdings mehrheitlich als quantitatives Wachstum. Umverteilung nivelliert, und im Zuge dieser Nivellierung wird die Nachfrage auch im sozialen und kulturellen Bereich durchschnittlicher, weniger vielfältig und primitiver. Die staatlich normierten Angebote im Bildungs-, Gesundheits-, Kultur- und Sozialbereich behindern die Entwicklung neuer, raffinierterer kommerzieller Angebote, die zwar, weil sie etwas kosten, nicht von allen beansprucht werden können und wollen, die aber eine kreative Weiterentwicklung in Gang halten würden, welche letztlich doch auch den wirtschaftlich Schwächern zugute käme. Der grösste Arbeitsplatzkiller im sozialen und kulturellen Bereich ist in Europa der Staat mit seiner intervenierenden, subventionierenden und redistributiven Sozialund Kulturpolitik.

Es besteht vor allem in wohlhabenden Schichten ein grosser Bedarf, das Nützliche schöner und das Notwendige angenehmer zu machen.

Es besteht vor allem in wohlhabenden Schichten ein grosser Bedarf, das Nützliche schöner und das Notwendige angenehmer zu machen. Der demokratische Staat als mehrheitlich legitimierte Zwangsorganisation ist aber gerade in der Beurteilung dessen, was sinnvoll, schön und angenehm ist, eine ungeeignete Instanz, weil es dafür keine allgemeinverbindlichen Massstäbe gibt. Je freier ein Arbeitsmarkt sich entwickeln kann, desto mehr boomen die Berufe in Bereichen wie Gesundheit, Weiterbildung, Ästhetik, Tourismus, Gastronomie — das heisst bei entgeltlicher sozialer und kultureller Dienstleistung. Die Netzwerke der «Kulturindustrie» und der «Gesundheitsindustrie» sind in den USA zu wichtigen Wirtschaftszweigen geworden. Nichts behindert die Weiterentwicklung der Arbeitswelt in Richtung Dienstleistung mehr als die irrige Vorstellung, der Staat sei in diesen Bereichen der einzig zuständige Produzent, weil nur er die gleichmassige Verteilung an alle gewährleisten könne. Macht — obethalb des Existenzminimums – in diesen Bereichen der Anspruch auf Gleichheit und Gerechtigkeit überhaupt noch einen Sinn? Sind nicht letztlich die Bedürfnisse hier derart vielfältig, dass nur der Markt in der Lage ist, Vielfalt mit Vielfalt zu verknüpfen? Je mehr bei der Erfüllung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung) weltweit immer raffiniertere Technologien eingesetzt werden können, desto mehr verlagert sich das Potential für Erwerbsarbeit in den Bereich des Wahren, Schönen und Guten. Ausgerechnet jene Bereiche, welche der Bildungsbürger von jeglicher ökonomischen «Beschmutzung» rein halten wollte, rücken nun ins Zentrum des ökonomischen Interesses und retten die Arbeitsgesellschaft vor dem Verschwinden der Arbeit. Es gilt allerdings Abschied zu nehmen von einem snobistischen, musealen Kulturbegriff, und es gilt auch Abschied zu nehmen von einem auf das materielle Interesse fixierten Wirtschaftsbegriff. Auch Popmusik und Sport, auch kulinarische Genüsse sind Kultur. Für eine schöpferische Weiterentwicklung im Bereich der Sozio-Kultur braucht es in erster Linie Freiheit, Freiheit im Sinne der Nichtintervention und des Verzichts auf jede Form der staatlichen Beeinflussung – auch der gut gemeinten.

Kultur und Wirtschaft rücken heute immer näher zusammen, und der Begriff cultura nähert sich wieder seiner ursprünglichen Bedeutung.

Freiheit ist auf diesem Hintergrund kein verzichtbarer Luxus, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung für die Lösung der Zukunftsprobleme, speziell auch im Bereich der Arbeitswelt. Bei der Umsetzung der Freiheitsidee stehen wir nicht am Ende, sondern am Anfang einer Entwicklung, denn die zentrale ökonomische Bedeutung des Schöpferischen, Ungezwungenen und Spontanen zeigt sich vor allem im Bereich des Wahren, Schönen und Guten. Kultur und Wirtschaft tücken heute immer näher zusammen, und der Begriff cultura nähert sich wieder seiner ursprünglichen Bedeutung. Wer in diesem Prozess nur die Kommerzialisierung der Kultur und nicht auch die Kultivierung der Wirtschaft sehen will, nimmt nur die eine Hälfte des Phänomens wahr. In diesem Prozess spielen drei Grundwerte eine zentrale Rolle: Freiwilligkeit, Vielfalt und Offenheit. Das sind wiederum pathetische Worte, und ich habe nichts dagegen, wenn wir sie mit dem Zwischenruf «McDonald’s», «Michael Jackson» oder «Coca Cola» wieder relativieren. Freiwilligkeit, Vielfalt und Offenheit führen auch zu Manifestationen der Massenkultur, die allerdings eine raffiniertere Verbindung von Kräften und Wegen nicht verhindern, sondern vielleicht sogar den Nährboden dafür bilden. Unter den erwähnten drei «Labels» — Vorzeichen einer globalen Massenkultur — sind übrigens weltweit vermutlich mehr Arbeitsmöglichkeiten geschaffen worden als durch sämtliche staatlichen Arbeitsförderungsprogramme. Auch in diesem Zusammenhang sehe ich mehr «Anfang» als «Ende», mehr «prae» als «post».

Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger. Vielleicht besteht darin mein eigener Beitrag zur Förderung des Guten.

1 Jan Assmann, Ägypten, eine Sinngeschichte, Hanser, München 1996.

Schweizer Monatshefte – Heft 11, 1997 – Seite 26-32

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