Gotthelf – zwischen Zeitgeist und Aktualität

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(Schweizer Monatshefte – Heft 10, 1997 – Seite 29-32)

DOSSIER

Robert Nef

Jubiläumsjahre sind ein Anlass, um über die Frage nachzudenken, was an einem Lebenswerk «bleibendes Gut» ist, Lesestoff, der auch ausserhalb eines engeren Kreises von Spezialisten und Liebhabern noch auf ein Interesse stösst, das mehr als literaturhistorische oder heimatkundliche Reminiszenz, unbeliebte Pflichtlektüre und Prüfungsstoff ist.

«So wird durch das Zentralisieren wahrhaft nichts gewonnen, im Gegenteil, das Übel wird viel schlimmer gemacht.»

Als typischer Schweizer Dichter hat sich Gotthelf aktiv mit den Fragen seiner Zeit auseinandergesetzt, und es war gewiss nicht sein Lebensziel und auch nicht seine künstlerische Ambition, in erster Linie «grosse Literatur» zu schaffen, um von Kritikern Lob und Preise zu bekommen und in Literaturgeschichten auch nach Jahrhunderten als «Geheimtip» und als «wortgewaltiger Dichter» gefeiert zu werden. Gotthelf wollte Volksschriftsteller sein, heute würde man sagen: Bestsellerautor. Sein Motiv der SchriftsteUerei war nach eigenen Aussagen kein literarisch ästhetisches, sondern ein ethisch-pädagogisches — aber wer kennt schon seine eigenen, innersten Motive? Literatur war für ihn ein Spiegel, und dieser Spiegel sollte die Gespiegelten zur Umkehr und zur Besserung führen. Friedrich Seebass bezeichnet Gotthelf in seiner Lebens- und Werkgeschichte (Giessen 1954) zu Recht als «Pfarrer, Volkserzieher und Dichter».

Anschauung und bahnbrechende Wahrheit

Zu jener in der Schweizer Literaturkritik immer wieder auftauchenden Frage, wie politisch und wie pädagogisch oder gar «emanzipatorisch» Literatur sein müsse oder dürfe, oder – in der Sprache des 19. Jahrhunderts — die Frage nach dem Vorrang unter dem Wahren, Schönen und Guten, finden sich in einem Brief Gotthelfs an den Leiter des Norddeutschen Volksschriftenvereins die folgenden aufschlussreichen und hochaktuellen Bemerkungen: «Das Volk isst die Wahrheit nicht mit Löffeln». Ein Volksschriftsteller «muss das Leben, welches er beschreiben will, kennen aus eigener Anschauung, sonst mischt er die Farben schlecht, und das Volk mag ihn nicht, spottet über ihn; die Wahrheit ist’s, welche der Wahrheit Bahn bricht.» Diese Wahrheit müsse aus der Anschauung hervorgehen und «getaucht werden in den allenthalben vorhandenen Volkshumor». «Das Volk will lachen und weinen», wusste Gotthelf schon vor dem Zeitalter der Massenmedien, in dem Begräbnisse zum globalen Gassenfeger werden. «Alles, was ins Volksleben hineinscheint, muss in Volksschriften vorkommen: Pfarrer, Arzt, Lehrer, Regent usw., und zwar nicht bloss gerühmt, denn das wäre unwahr, wie sie eben sind und nicht sein sollten. Das Volk ärgert sich an nichts mehr, als wenn es immer und immer als einzig zu heilendes Glied dargestellt wird, die Repräsentanten der anderen Stände aber ihm zum Muster gegeben werden als Trugbilder. Das Volk fühlt dieses Unrecht scharfund verliert das Zutrauen zum Buch und zum Schriftsteller.»

Gottfried Kellers Nachruf

In seinem Nachruf auf Jeremias Gotthelf (1854) hat Gottfried Keller in subtilster Weise Abschied, persönliche Würdigung, Anerkennung, dosierte Bewunderung und – in und zwischen den Zeilen – unübersehbar auch persönliche Abgrenzung und Kritik verbunden. Keller nennt Gotthelf zwar ein grosses episches Genie, der für die Literaturmenschen ein bleibendes Gut darbietet, von dem man freudig sagen dürfe, «dass wir daran ein ganz solides und wertvolles Vermögen besitzen zur Erbauung und Belehrung», eine lebendige Predigt von dem «was wir tun und lassen sollen.» Damit ordnet Keller seinen Zeitgenossen unverkennbar der religiösen und volkserzieherischen Erbauungsliteratur zu, wobei er den hohen literarischen Rang durchaus anerkennt. Er schreibt allerdings auch von der «zweckmässigen Anwendung und Übertragung», welche aus seiner Sicht früher oder später erlaubt sein müsse und die er offenbar für notwendig hält, damit Gotthelf auch ausserhalb seines Dialektgebietes, d.h. auch ausserhalb der Schweiz «eine reiche Quelle immer neuen Vergnügens» werden könne, eine Bemerkung, welche das «epische Genie», das Keller immerhin «an die Dichter anderer Jahrtausende erinnert», dann doch wieder in einen eher regionalen Rahmen stellt.

Wenn es im eidgenössischen Jubiläumsjahr darum gehen wird, dem politischen Gründergeist von 1848 nachzuspüren, so wird man unweigerlich damit konfrontiert werden, dass es im Sonderbundskrieg nicht nur den Graben zwischen den Katholisch-Konservativen auf der einen Seite und bundesstaatlich gesinnten Liberalen auf der andern Seite gab, sondern dass es später auch den heute gern unterschätzten Gegensatz von Radikalen und Liberalen zu überbrücken galt, eben jenen Gegensatz, für den die Namen Keller und Gotthelf stehen. Keller, der Gotthelf um mehr als dreissig Jahre überlebte, fühlte sich in den fünfziger Jahren zu Recht auf der Seite der Sieger. Er triumphiert nicht, er anerkennt seinen politisch-ideologischen Widerpart und würdigt ihn als «Literaturmensch» jenseits religiöser und politischer Kriterien, und schafft damit ein vermittelndes und verbindendes nationales Dokument, das nicht nur für Literaturmenschen lesenswert bleibt, sondern auch für den literarisch interessierten homo politicus. (Wie angenehm selbstironisch tönt übrigens Kellers Bezeichnung «Literaturmensch», wenn man sie mit dem heute üblichen und dem Wörterbuch des Unmenschen entstammenden anmassenden Begriff des «Kulturschaffenden» vergleicht…) Am Anfang unseres Bundesstaats steht nicht ein einheitlicher nationaler Gründermythos und auch nicht der Sieg der fortschrittlichen Mehrheit über die reaktionäre Minderheit, sondern ein vielfältiges Geflecht überlappender und überschneidender politischer und religiöser Bekenntnisse auf dem Hintergrund unterschiedlicher historischer und persönlicher Erfahrungen. Vielleicht besteht das Wesentliche am eidgenössischen Gründergeist gerade darin, dass er auf dem notwendigen Minimum an gegenseitigem Geltenlassen beruht und auf der Bereitschaft zum genossenschaftlichen Geschäftemachen, dass sich aber der «Eid» auf das minimal notwendige Gemeinsame bezieht, eine Grundlage, welche für eine Gebietskörperschaft durchaus zukunftstauglich ist. Wer den jungen Bundesstaat als homogenen Einparteienstaat jener siegreichen radikalen Mehrheit charakterisiert, die den von Gotthelf so verabscheuten Zeitgeist verkörperte, übersieht wohl, wie wenig allgemeinverbindliche bundesrechtliche Normen es gab und wie klein die ideelle und die fiskalische Staatsquote war, mit welcher der Dichter haderte.

Luzerner Staatswagen. Karikatur von Martin Disteli (Datum unbekannt).

Keller anerkennt seinen politisch-ideologischen Widerpart und würdigt ihn als «Literaturmensch» jenseits religiöser und politischer Kriterien.

Hadern mit dem modernen Staat

Man staunt heute, wie Gotthelf den verderblichen Keim einer erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts bankrott gehenden Sozialpolitik bereits im Anfangsstadium erkannt und entlarvt hat. Er spricht zwar – für den heutigen Sprachgebrauch verwirrend — vom Übel des «Rechtsstaats», meint aber die im Effekt so asozialen Institutionen des zwangsweise und anonym umverteilenden Wohlfahrtsstaates. Hatte der Pfarrer, Volkserzieher und Dichter prophetische Gaben? Oder hat im Wechselspiel ideologischer Standpunkte einfach wieder einmal das Reaktionäre Konjunktur?

Die Beurteilung dessen, was auf längere Sicht fortschrittlich bzw. zukunftstauglich ist und was rückschrittlich und reaktionär, kann nie definitiv sein. Im «Gotthelf-Jahr» darf und soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Kritik des liberalen Wertkonservativen Gotthelf am damaligen Staats-, fortschritts-, demokratie- und machbarkeitsgläubigen politischen Radikalismus heute von zunehmender Aktualität ist und vor allem auch bei Kritikern des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats Beachtung verdient. (Vgl. dazu auch den Beitrag von Werner Stauffacher in diesem HeftS. 19 ff.)

Wenn nun abschliessend eine zentrale Passage aus der «Armennot» (Zürich und Frauenfeld 1840, 3. Kapitel) wiedergegeben wird, so hat dies nicht in erster Linie politisch-ideologische Motive. Es soll damit ein Beitrag geleistet werden zur Beantwortung der Frage nach der bleibenden Aktualität von ethisch und politisch engagierter Literatur. Ist es die «ewige Wiederkunft» von widersprüchlichen Standpunkten, welche das jeweilige Interesse der einen an einer andern Zeit phasenweise immer wieder neu hervorruft und dann wieder erlahmen lässt — ein Zyklus der Grundwerte im jeweiligen Zeitgeist? Ist es die Relativität von «links» im Sinne von oppositionell und veränderungswillig und «rechts» im Sinn von status-quo-orientiert und bewahrungswillig? Liegen plötzlich irgendwelche literarische «Altherren» mit ihren politischen Meinungen wieder richtig, oder ist es das latente Rechthaben derjenigen, die als Minderheit wider den Zeitgeist waren und sind? Nichts von alledem.

Die Beurteilung dessen, was auf längere Sicht fortschrittlich bzw. zukunftstauglich ist und was rückschrittlich und reaktionär, kann nie definitiv sein.

Realismus als Garant der Aktualität

Was Gotthelf als Geheimnis des literarischen Erfolgs vor Zeitgenossen erfasst und beschrieben hat, ist auch das Geheimnis seiner bleibenden Aktualität. Es ist sein Realismus, der daraufbaut, dass die Wahrheit der Wahrheit Bahn bricht und seine an Pestalozzi geschulte Überzeugung, dass diese Wahrheit «aus der Anschauung hervorgeht». Seine Beobachtungsgabe verbindet Geduld mit Schonungslosigkeit, die das Volk geisselt, aber – so Gotthelf im bereits erwähnten Brief – «nicht aus Bosheit, sondern aus innigem Erbarmen». Es ist das auf Erfahrung abgestützte «Prinzip Sympathie», das wir in andern Ausprägungen auch bei Adam Smith und bei Arthur Schopenhauer antreffen. Ein so radikaler Beobachter wird eben hinter dem Zeitgeist und dem Menschlichen und Allzumenschlichen seiner Zeit immer auch auf jenen Ur- und Grundstoff stossen, «wie er dem Menschengeschlechte angeboren und nicht angeschustert ist» (so Keller im bereits zitierten Nachruf). Und wenn Gotthelf diesen anthropologischen Grundstoff beschreibt, und zwar sehr minutiös und realitätsgetreu, dann ist dies zeitloser als alle zeitgeistliche Moral, welche damit noch verbunden wird. Diese Belehrung und Erbauung betrifft nämlich meist auch die Situation bestimmter Betroffener und Beteiligter jener Zeit; sie sind, wie man heute gerne und oft vorschnell sagt «nicht unser Problem.» Unser Problem sind aber jene menschlichen Verhaltensweisen, welche keine noch so sorgfältig auf empirische Daten abgestützte soziopolitische und politökonomische Verhaltensforschung anschaulicher und schonungsloser beschreiben könnte, Verhaltensweisen, die sich leider — wenn überhaupt – nur ausserordentlich langsam verändern. In solchen unscheinbaren und unliterarischen Passagen findet sich «Wahrheit, welche der Wahrheit Bahn bricht». Aus diesen Erfahrungen lassen sich auch wertvolle Schlüsse für die Lösung heutiger Probleme ziehen, Probleme, von denen der Pfarrer und Volkserzieher nichts wissen konnte, die aber der Dichter scharf beobachtend und genau beschreibend erfasste und damit einen bleibenden Beitrag zu deren Lösung schuf.

Die kleine Schrift «Armennot» beantwortet die Frage «Wer hilft?» mit der Beschreibung konkreter Hilfswerke, die aus privater Initiative entstanden sind und an deren Gründung Gotthelf selbst massgeblich beteiligt war. Vielleicht kann man als Literaturmensch nur das so genau und allgemeingültig beschreiben, was man als schaffender Mensch aktiv miterlebt und mitgestaltet hat und aus eigener Anschauung kennt.

Hilfe in der Not

«Wenn die Gemeindsbehörden als Armenpfleger das Geld nicht mehr direkt aus dem eigenen Sacke zu nehmen haben, sondern aus der Staatskasse beziehen, so wird nicht nur im Allgemeinen eine weit grössere Sorglosigkeit eintreten, als bis dahin bereits war, obgleich es das eigene Geld kostete, sondern es wird bestimmt manche Gemeinde express und absichtlich viel reichlicher spenden, als bis dahin, und nutzlos, nur damit sie nicht zu kurz komme im Beziehen, und die und jene Gemeinde nicht mehr erhalte. Sie rechnen nicht, dass ihr eigen Geld mit dabei ist. Da kann man von Bern aus» [heute müsste man «Brüssel» sagen Anm. R. N.] lange machen wollen und Gesetze machen, da fehlt die Handhabung und administrative Kunst. Ich will es aufrichtig sagen. Die Gemeinden scheinen mir nicht im Stande, hier recht zu walten; die Vergangenheit lehrt es. Gemeinden als Gemeinden haben kein Herz im Leibe. Wo sie das Geld eintreiben müssen zu ihren Liebeswerken, da war Widerwillen; wo sie es vorliegend fanden als Gabe alter Liebe Verstorbener, da wurde es den Enkeln unmöglich, die alte Wärme in die Gabe zu bringen. Was Liebe gestiftet, teilte Gleichgültigkeit aus; es wird als Recht gefordert, in kühler Pflichterfüllung gegeben. In den einen Gemeinden war zu viel Unverstand, in andern zuviel Berechnung; in den einen eine grässliche Rücksichtslosigkeit, in andern eine grässliche Rücksichtlichkeit; in den einen zu viel Lasten, welche die Liebe lähmten, in andern zu viel Geld, welches Hochmut gebiert und den Geiz und die Unverschämtheit, jedenfalls nicht den Verstand gibt, wenn man sonst keinen hat. So wurde viel gegeben, aber der Gabe nicht nachgesehen, es war kein Segen dabei; je mehr man gab, desto mehr Arme forderten desto unverschämter. In jedem Gemeinderat ist eine Minorität, welche das Bessere möchte: aber sie vermag sich selten Bahn zu machen. Es ist merkwürdig, wie der Eigennutz und die Dummheit viel kühner und aufbegehrerischer sind, als die bessere Einsicht und der bessere Wille. Mit aller möglichen Energie schlägt der Unvernünftige, der seinen Vorteil sucht, oder Vorurteilen frönt, auf den Tisch, donnert, dass die Wände krachen, wenn er Widerstand findet und intrigiert und spielt unter dem Hütli, bis er seinen Willen durchgesetzt, die Mehrheit auf seiner Seite hat. Während der bessere meint, die gute Sache sollte eigentlich selbst siegen, wenig nachläuft, wenig ansetzt, sich aber am Ende doch nicht ganz unwert machen will, sich mit dem Spruch zur Ruhe legt: nun in Gottes Namen, ich habe ihnen meine Meinung gesagt: wenn sie nicht wollen, so können sie es sein lassen; ich kann nicht helfen. Überhaupt fürchtet man sich gar leicht und nicht nur vor einander, sondern gar leicht auch vor unverschämten Armen; man gibt ihnen, um ihrer los zu sein, weil man keine Kraft hat, sich vor ihnen sicher zu stellen. Auch herrscht bei einer Menge Magnaten zu Stadt und zu Land ein fürchterlicher Kastengeist, auf den ich später zurückkomme: der will gar nicht, dass der nicht mehr arm bleibe, selbständig werde. Der Arme soll arm bleiben, aber nichts kosten; so meinen viele dieser Toren.

Es wäre, wie viel Geld man auch den Gemeinden geben würde, rein unmöglich, sie dahin zu bringen, dass sie vereint die Hand an die Wurzel des Übels legen. Es nähme mich Wunder, woher man einen Gesetzesredaktor berufen wollte, um Gemeinden durch Gesetze dahin zu bringen, mit vereintem Willen das Übel anzugreifen (…)

So wird durch das Zentralisieren wahrhaft nichts gewonnen, im Gegenteil, das Übel wird viel schlimmer gemacht; ich will nicht einmal England zu Hilfe rufen, um dieses zu beweisen. Aber auch die Gemeinden als solche können von sich aus dieses Übel nicht hemmen, nicht abwenden; sie sind in diesem Augenblick wirklich in trostloser Lage. Über dem Kopf wächst ihnen das Übel, der Boden weicht unter ihren Füssen, sie schreien nach Hilfe, und Andere schreien über die Gemeinden, und die Dritten ins Blaue hinein – so schreit Alles — und wer hilft?»

Bei dem vorstehenden Ausschnitt aus «Die Armennot» handelt es sich um einen Auszug aus dem dritten Kapitel der Erstausgabe: Jeremias Gotthelf, «Die Armennoth», Zürich und Frauenfeld, Druck und Verlag von Ch. Behel, 1840. Orthographie und Zeichensetzung wurden von R. Nef behutsam modernisiert.

Schweizer Monatshefte – Heft 10, 1997 – Seite 29-32

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