Gegen einen halbierten Liberalismus

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(NZZ – INLAND – Dienstag, 16. Juli 1996, Nr. 163, Seite 13)

Von sozialistischen Planwirtschaftern geprägtes Zerrbild

Von Robert Nef, Zürich*

Der Autor setzt sich zur Wehr gegen die Reduktion des Liberalismus auf einen – zudem noch falsch verstandenen – Sozialdarwinismus. Weder bei den alten noch bei den neuen Klassikern des Liberalismus erscheint dieser als der Vulgärliberalismus, den die Gegner als Zerrbild aufgerichtet haben und mit dem sich, nach deren historischer Bankrotterklärung, jetzt manche «Liberale» identifizieren. Kern liberalen Gedankenguts ist die Ablehnung von Zwang und die Ersetzung des Gewaltprinzips durch das friedliche Zusammenwirken auf der Basis von Eigentum und Vertrag.

Ökonomie nicht das Mass der Dinge

Nach dem Bankrott der sozialistischen Planwirtschaft sind auf dem weiten Feld der politischen Ideen und der ökonomischen Lehrmeinungen nur noch verschiedene Spielarten des Liberalismus übriggeblieben. Nun wollen plötzlich alle Liberale sein, und in dieser Situation ist es schwierig geworden, den eigentlichen Kerngehalt liberalen Denkens und Handelns zu umschreiben. Zu denken gibt vor allem, dass heute – sei es als Feindbild, sei es als Realität – ein Vulgärliberalismus zum Thema wird, der den Menschen auf den «horno oeconomicus» im engeren Sinn reduziert, das Streben nach monetärem Gewinn zum einzigen Ziel erklärt und den Wettbewerb als höchstes Prinzip verherrlicht. Die kurzfristigen finanziellen Interessen werden aus dieser engen Sicht zum Mass aller Dinge. Wir stehen vor dem interessanten aber nicht ganz ungewöhnlichen Phänomen, dass sich beim Wechsel von der Defensive in die Offensive einzelne Vertreter einer Idee plötzlich mit ihrem Zerrbild identifizieren, das ihre Gegner jahrelang von ihnen gezeichnet haben: der Liberale als rücksichtsloser, asozialer Egoist. Wenn in dieser Situation das Bedürfnis entsteht, sich von einem solchen Selbstverständnis zu distanzieren, so überrascht dies nicht. Aber auch Distanznahme kann zu Missverständnissen führen, die fragwürdigen und ihrerseits einseitigen Interpretationen Vorschub leisten. Als Liberale stehen wir vor der Aufgabe, uns von Vulgärem abzugrenzen, ohne Radikales zu verleugnen.

Es kann und soll gar nicht bestritten werden, dass der Eigennutz und das Gewinnstreben wichtige Triebfedern menschlichen Verhaltens sind. Wer mit dem Egoismus im Menschen rechnet und bezüglich der Erziehbarkeit des Menschengeschlechts und des Fortschritts nach dem Muster der Aufklärung keine allzu hohen Erwartungen hegt, bewahrt sich und andere vor zahlreichen Illusionen. Es war einer der fatalen Irrtümer des Sozialismus, man könne einen «neuen Menschen» schaffen, der die eigenen Interessen jenen der Gesellschaft vorbehaltlos und restlos unterordnet. Die wirtschaftliche Entwicklung ist mit anthropologischen Gegebenheiten verknüpft. Sie miiss diese als Herausforderung annehmen, kann aber auch davon ausgehen, dass eine grosse Zahl von Menschen durchaus auch höhere Ziele hat und – vor allem im persönlichen Umfeld – gemeinschaftliche Werte anstrebt. Es wäre ein schwerwiegender Fehler, wenn der Egoismus zur Maxime einer Lebens- und Unternehmensphilosophie erhoben würde.

Wer den ökonomischen Konkurrenzkampf in der Schweiz, in Europa und weltweit aufmerksam verfolgt, wird an jenes Prinzip erinnert, das Darwin als Grundlage der Evolution glaubte deuten zu müssen: «The survival of the fittest», der unerbittliche Wettbewerb als eigentlicher Kampf ums Überleben . . . Aber auch hier wird unkritisch ein Zerrbild übernommen. Darwin war kein Darwinist im landläufigen Sinn. Seine Entwicklungstheorie ist subtiler, als dies im allgemeinen dargestellt wird. Die Evolution ist für ihn in der Regel kein brutaler Ellbogenkampf, sondern ein Prozess der wechselseitigen Anpassung, der schrittweisen Assimilierung, was wörtlich «Ahnlicher-Werden» bedeutet. «The fittest» bedeutet nicht der Stärkste, Aggressivste, Rücksichtsloseste, sondern der Passendste, am ehesten Geeignete. Dies ist im wirtschaftlichen Umfeld oft der im besten und umfassenden Sinn Nützlichste.

Markt ist Tausch, nicht Kampf

Das Wort «Kampf» hat vom Vokabular der Militärs und der Gewerkschafter ins Vokabular der Unternehmer hinübergewechselt. Sie sprechen heute – vielleicht etwas unbedacht – vom Wettbewerb als von einem rücksichtslosen Kampf, der weltweit immer härtere Formen annehme. Wenn martialische Terminologien in die unternehmerische Rhetorik eingedrungen sind, so hat dies durchaus seine Gründe, aber es verzerrt das Bild vom Markt. Das Wesen der Marktes liegt im gewaltfreien Tausch, in der spontanen und frei organisierten Kommunikation und nicht im «Kampf bis aufs Messen>;. Für die Berücksichtigung sozialer Komponenten braucht es kein Abweichen vom Markt und keine Korrektur durch marktfremde Prinzipien, sondern ein radikales Ernstnehmen des Marktes und eine längerfristig ausgerichtete Philosophie des Gewinns. Das Soziale muss nicht «von aussen» in die Marktwirtschaft hineingezwungen werden, es ist in ihrem Organismus bereits angelegt. Der Markt entfaltet sich im dSpannungsfel von Angebot und Nachfrage, aber er kann auch ein Umfeld erzeugen, in welchem Spielregeln im eigenen Interesse beachtet werden. Rücksichtnahme ist nicht regelmässig mit Verlusten verbunden, und der freie Austausch von Gütern und Dienstleistungen ist in seiner Wirkung erfahrungsgemäss eher zivilisierend als brutalisierend. Der Markt ist eine «Schule ohne Lehrer», deren Erfolgsbilanz nicht schlechter ist als die anderer, autoritärer Lernverfahren. Ein kompromissloses Eintreten für den hoch komplexen Organismus des Marktes hat also nichts zu tun mit einer Verabsolutierung des Egoismus und des kurzfristigen monetären Gewinnstrebens.

Wichtige Bereiche des Lebens liegen, wie der grosse Liberale Wilhelm Röpke in einem seiner Werke aufzeigt, «jenseits von Angebot und Nachfrage». Die Vorstellung von einer totalen beziehungsweise totalitären Beherrschung der Wirklichkeit durch ein einziges Prinzip ist der Idee des Marktes fremd. Wer sich die Mühe nimmt, nachzulesen, was die grossen Klassiker liberalen Denkens über ihr Welt- und Menschenbild wirklich geäussert haben, gelangt zu viel differenzierteren Überlegungen als die Vulgärliberalen und ihre voreiligen Kritiker.

Arbeitsteilige Wirtschaft und kultivierte Kommunikation

Adam Smith, einer der Gründerväter der liberalen Ökonomie, war bekanntlich auch Moralphilosoph, und er hat nicht nur den Wettbewerb im freien Welthandel als Ursprung der Wohlfahrt der Nationen beschrieben, sondern auch die Sympathie als Grundprinzip friedlichen Zusammenlebens: das Einfühlungsvermögen in die materiellen und immateriellen Bedürfnisse unserer Mitmenschen. Seine «Theorie der ethischen Gefühle» (1759 publiziert) beginnt – wie ein Fanfarenstoss – wie folgt: «Über die Schicklichkeit oder sittliche Richtigkeit der Handlungen. 1. Abschnitt: Von dem Gefühl für das sittlich Richtige. 1. Kapitel: Von der Sympathie. Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser andern zum Bedürfnis werden machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein. Ein Prinzip dieser Art ist das Erbarmen oder das Mitleid, das Gefühl, das wir für das Elend anderer empfinden, sobald wir dieses entweder selbst sehen, oder sobald es uns so lebhaft geschildert wird, dass wir es nachfühlen können.»

Die Entdeckung, dass ein Gefühl und nicht ein Kalkül im Zentrum menschlicher Kommunikation steht, geht auf Adam Smiths Mentor und Freund David Hume zurück, der als scharfer Beobachter und Skeptiker an der Aufklärung Kritik übte, schon bevor diese zur intellektuellen Modeströmung wurde. Man konnte nun einwenden, Adam Smith sei eben eine nostalgische Stimme aus vergangener Zeit und der Mensch des 20. Jahrhunderts sei durch die seitherigen bitteren Erfahrungen «realistischer» und «aufgeklärter» geworden. Er habe «ethische Gefühle» durch seine Interessen als Aktionär oder als Firmensanierer und -fusionierer ersetzen müssen. Dem ist nicht so. Je arbeitsteiliger eine Wirtschaft ist und je höher der Anteil an Dienstleistungen steigt, desto wichtiger wird der Stellenwert kultivierter Kommunikation. Der Kampf mit harten Bandagen charakterisiert eher Pionierzeiten und Frühformen des Marktes.

Aber auch bei neueren Klassikern liberalen Denkens finden wir nichts von der verkürzten Sicht des Vulgärliberalismus. Die sogenannten «Manchester-Liberalen» des 19. Jahrhunderts gelten übrigens völlig zu Unrecht als typische Anhänger des rücksichtslosen Gewinnstrebens. Sie setzten sich seinerzeit gegen den staatlichen Interventionismus im Kornhandel zur Wehr, der einseitig zugunsten der Besitzenden und Einflussreichen wirkte und die unteren sozialen Schichten benachteiligte. Die «Manchester- Liberalen» stellten sich als Freihändler gegen das mit der politischen Macht verfilzte konservative und auf den britischen Imperialismus bauende Establishment.

Freiheit und Verantwortung sind untrennbar

Auch der immer wieder als «marktwirtschaftlicher Dogmatiker» und antisozialer, individualistischer Hardliner angeprangerte Friedrich August von Hayek bekennt sich zu einem Menschenbild, das von der menschlichen Fähigkeit zur Sympathie ausgeht. Hayek verabsolutiert weder das Individuum noch seine egoistischen Interessen. Er stellt die spontane, privatautonome mitmenschliche Gemeinschaft in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen und Überlegungen. Er lehnt allerdings – im Unterschied zu den Sozialisten – den Zwang als Mittel der Vergesellschaftung strikt ab, und unterscheidet sich dadurch auch von den etatistischen, staatsgläubigen Kommunitaristen, die ideologisch ihre Nachfolge angetreten haben. (Es gibt allerdings auch einen staatsskeptischen Kommunitarismus, der an die frei gewählte kleine Gemeinschaft anknüpft und keine Gegenposition zu Hayek einnimmt.)

Hayek stellt das fünfte Kapitel seiner «Verfassung der Freiheit» (Tübingen 1971) unter die Überschrift «Verantwortung und Freiheit» und beginnt mit folgenden Sätzen: «1. Freiheit bedeutet nicht nur, dass der Mensch sowohl die Gelegenheit als auch die Last der Wahl hat; sie bedeutet auch, dass er die Folgen seiner Handlungen tragen muss und Lob und Tadel dafür erhalten wird. Freiheit und Verantwortung sind untrennbar. » Im Kapitel über «Freiheit, Vernunft und Überlieferung» ist zu lesen: «Es ist eine Tatsache, die all die grossen Vorkämpfer der Freiheit, ausserhalb der rationalistischen Schule, nicht müde wurden zu betonen, dass Freiheit ohne tief eingewurzelte moralische Überzeugung niemals Bestand gehabt hat und dass der Zwang nur dort auf ein Minimum herabgesetzt werden kann, wo zu erwarten ist, dass Individuen sich in der Regel freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten.» Ein dritter Schlüsselsatz aus der «Verfassung der Freiheit» zeigt unverkennbare Anklänge an Adam Smith: «Es gehört zur Natur des Mannes (und vielleicht noch mehr der Frau) und bildet die Hauptgrundlage seines Glückes, dass er das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe macht. Das ist eine der uns offen stehenden Möglichkeiten und oft die Entscheidung, die im allgemeinen von uns erwartet wird.»

Ein weiterer glaubwürdiger Zeuge wider den Vulgärliberalismus ist Hayeks Lehrer Ludwig von Mises, in den Vereinigten Staaten der bekannteste Vertreter der liberal-marktwirtschaftlichen «Austrian Economics». Er ist kein «liberal» Denkender im amerikanischen Sinn, sondern ein klassischer Liberaler, der sich allerdings klar von sozialliberalen Kompromissen und von allen Bindestrich- Liberalen distanziert. Er weist nach, wie oft «sozialistisch» das Gegenteil von «sozial» ist. Sein Buch zum Thema «Gemeinwirtschaft» ist eine geistreiche Widerlegung des Sozialismus. (Es ist übrigens eines der wenigen ökonomischen Bücher, deren Prognosen sich in den letzten Jahren in erstaunlichem Mass bewahrheitet haben.)

Die «Scheinbürger»

Für Ludwig von Mises bilden Eigentum und Vertrag das Kernstück des Liberalismus und nicht der Wettbewerb oder gar der Kampf ums Dasein. Seine liberale Grundthese lautet: Das in der Geschichte vorherrschende Gewaltprinzip soll durch das auf Vertrage gegründete Prinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der arbeitsteiligen Volkswirtschaft ersetzt werden. Auch hier – wie schon bei Hume und Smith: «Kooperation» und nicht «Konflikt» als Grundprinzip. Das Gewaltprinzip ist durch das Vertragsprinzip zu ersetzen. Das Modell von Befehl und Gehorsam soll – wenn immer möglich – durch das Modell der freiwilligen Übereinkunft abgelöst werden. Dies setzt aber auch die Bereitschaft voraus, sich freiwillig ein- und unterzuordnen im Hinblick auf längerfristige Ziele und gemeinsame Grundwerte. Mises bemerkt dazu Folgendes: «Eine Sozialphilosophie kann man sich nicht so leicht zu eigen machen wie eine neue Tracht; sie muss durch eigenes Denken erarbeitet werden. So finden wir in der Geschichte immer wieder, dass Epochen stark fortschreitender Ausbreitung der liberalen Gedankenwelt und der dadurch bewirkten Erhöhung des Wohlstandes (. . .) mit Epochen abwechseln, in denen das Gewaltprinzip wieder die Oberhand zu gewinnen sucht.»

Wir finden beim scharfsinnigsten Kritiker des Sozialismus keine Spur von liberalem Triumphgeheul, sondern eine ebenso scharfsinnige Lokalisierung der wirklichen Gefahren für die Freiheit: «Nicht die Barbaren, die von aussen her gegen die Mauern der Städte anstürmen, bedrohen sie mit Untergang; von den Scheinbürgern im Innern, von denen, die nur im äusseren Gehaben, aber nicht im Denken Bürger sind, ist Ärgeres zu fürchten.» «Wir haben» (so schreibt er in den zwanziger Jahren) «in den letzten Menschenaltern eine gewaltige Wiedererstarkung des Gewaltprinzips erlebt. Der moderne Imperialismus, dessen Frucht der Weltkrieg mit all seinen fürchterlichen Folgen war, bringt die alten Gedanken der Verfechter des Gewaltprinzips in einem neuen Gewande. Auch er hat natürlich nicht vermocht, der liberalen Theorie seinerseits ein geschlossenes System entgegenzustellen. Das Kampfprinzip kann eben in keiner Weise zu einer Theorie des Zusammenwirkens – und das muss jede Sozialtheorie sein – führen. Was die Theorie des modernen Imperialismus kennzeichnet, das ist die Verwendung bestimmter Ausdrücke der Naturwissenschaft, z. B. der Lehre vom Kampf ums Dasein.»

Ludwig von Mises hat natürlich in erster Linie den politischen Imperialismus vor Augen gehabt, aber seine Kritik lässt heute auch an Spielarten des Gewaltprinzips denken, die bei ökonomischen Imperien den liberalen Grundprinzipien des Vertrags, des Zusammenwirkens und der Sympathie zuwiderlaufen. Es gibt offensichtlich auch in der ökonomischen Welt jene «Scheinbürger im Innern», die nur im äussern Gehaben, aber nicht im Denken Bürger sind . .

Fähigkeit zur Sympathie

Wer als Liberaler nur an die egoistische Selbstverwirklichung des «horno oeconomicus» und nur an einen unerbittlichen Wettbewerb zwischen konkurrierenden Individuen denkt und an die Gewinnmaximierung sowie ans Macht- und Gewinnstreben von ehrgeizigen Managern, verkürzt und verfälscht den Gehalt dieser Sozialtheorie, wie sie in den letzten Jahrhunderten von ihren wichtigsten Vertretern erarbeitet worden ist. Kernbereich eines unverkürzten, nicht willkürlich halbierten Liberalismus ist der Glaube an das Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse der Mitmenschen, kurz, die Fähigkeit zur Sympathie, die Einheit von Verantwortung und Freiheit sowie die Ablehnung von Zwang und die Ersetzung des Gewaltprinzips durch das friedliche Zusammenwirken auf der Basis von Eigentum und Vertrag.


* Der Autor ist Leiter des Liberalen Instituts Zürich.

(NZZ – Briefe an die NZZ – Dienstag, 30. Juli 1996, Nr. 175, Seite 9)

Gegen einen halbierten Liberalismus

Ein kultivierter Liberalismus funktioniert nur, wenn der Staat dafür sorgt, dass, wie Robert Nef (NZZ 16.7.96) richtig schreibt, «Markt ist Tausch, nicht Kampf» gilt. Welches Staatsbild steckt in einem von allen Bindestrichen befreiten Liberalismus? Etwa das von Robert Nozick und Dirk Bösenberg? Der Nozick-Bösenberg-Minimalstaat ist nicht mit dem Sozialliberalismus vereinbar wegen der staatlichen Intervention; mit dem Nationalliberalismus nicht, weil der Minimalstaat nach seinem eigenen Selbstverständnis auf eine nationale Identität nicht angewiesen ist, seine Bürger sind Kunden; mit dem klassischen Liberalismus nicht, weil dieser auf einer strikten Trennung von Staat und Gesellschaft beruht und nicht auf einer Durchdringung des Staates durch private Organisationen; mit dem Ordoliberalismus nicht, weil dieser ebenfalls auf einer Trennung von Staat und Gesellschaft beruht und der ordoliberale Staat stark genug und unabhängig genug sein muss, um Rahmenbedingungen setzen zu können; mit dem Utilitarismus nicht, weil weder die Person noch das Eigentum eines einzelnen Bürgers einem Gesamtwohl geopfert werden dürfen. Auch wenn Robert Nef die Bindestrich-Liberalismen ablehnt, muss er trotzdem die von ihnen aufgeworfenen Fragen beantworten.
Udo Schäfer (Stuttgart)

Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Europa scheinen mir die antiliberalen Anfeindungen eher noch zugenommen zu haben. Aus einer offenen Frontschlacht sind gewissermassen subversive Partisanenkämpfe geworden. Die Gegner jeden wahren liberalen Strebens unternehmen heute die vielfältigsten geistigen Verrenkungen, um den Liberalismusbegriff auch ihrer Vorstellungswelt anpassen zu können. Da wird ein Freiheitsbegriff auf Kosten anderer entwickelt, das einzelne Individuum als unmündiges Wesen dargestellt und der Mensch in der Gesellschaft als unselbständig, hilflos und schwach gesehen. Selbstverantwortung gilt als «egoistische Rücksichtslosigkeit», Eigeninitiative als «antisoziale Unterdrückung» anderer. Wieso aber entstehen überhaupt so unterschiedliche Auffassungen und Deutungen ein und desselben Begriffes wie gerade der «Freiheit»?

Da ist einmal ein grosser Teil der Bevölkerung, der überwiegend oder ausschliesslich den bequemsten Weg bevorzugt. Der Einzelne in der Masse richtet sein Tun und Handeln in erster Linie nach den anderen aus und ist zufrieden, wenn seine äusseren Lebensbedingungen zufriedenstellend sind und er seine Ruhe hat. Dafür nimmt er willig ein grosses Mass an staatlicher Bevormundung und Lenkung hin. Demgegenüber weiss eine kleine, führende Schicht sehr genau um diese Zusammenhänge und wie die grosse Masse dementsprechend zu lenken ist. Das ist der Ansatzpunkt ihres Machtstrebens. Sie will gar nicht ein selbstbewusstes und eigenständiges Volk unter sich, welches womöglich eigene Ideen und Gedanken entwickelt und die Wahrheit hinter seiner Wirklichkeit erkennen könnte. So entstand im ehemaligen sozialistischen Block im Grunde genau das echte Zweiklassensystem, welches stets den westlichen Demokratien vorgeworfen wurde, und noch wird. Schlagwörter wie «Wohlstand für alle, Sicherheit für alle, Versorgung für alle» suggerieren ein zufriedenstellendes Leben ohne eigene grosse Lebensrisiken und Anstrengungen. Hier liegt meines Erachtens einer der Anziehungspunkte sozialistischen Denkens für den einfachen Normalbürger. Es zeigt einen scheinbar bequemen und leichten Weg für den Einzelnen, indem ihm alles Schwere und Lästige abgenommen wird. Freiheit ohne Selbstverantwortung ist aber die Freiheit einer Herde innerhalb ihrer äusseren Zaungrenzen und inneren Unmündigkeit, die gelenkt wird, ohne dies gewahr zu werden. Und deswegen ist jeder wie auch immer geteilte «Liberalismus», wenn er den Menschen von aussen auferlegt wird, in Wahrheit nur eine Form der Knechtschaft.
Ronald Lenz (Hamburg)

Es ist erfreulich – und gleichzeitig bedenklich -, dass der Leiter des Liberalen Instituts Zürich das Bedürfnis verspürt, den Liberalismus gegen dessen vulgäres Zerrbild in Schutz zu nehmen. Er tut dies unter Berufung auf die klassischen Vordenker des Liberalismus von Adam Smith bis F. A. von Hayek und – wie es sich gehört – mit einigen Seitenhieben gegen den bankrotten Sozialismus und die Planwirtschafter, die dieses Zerrbild geprägt haben. Doch dass der Liberalismus gerade jetzt ein Imageproblem hat, ist kaum dem ideologischen Gegner anzulasten, sondern – wie R. Nef selber anerkennt – darauf zurückzuführen, «dass sich beim Wechsel von der Defensive in die Offensive einzelne Vertreter einer Idee plötzlich mit ihrem Zerrbild identifizieren». Es mögen «einzelne» sein – leider sind es nicht die unbedeutendsten. Im Alltagskampf um die und auf den globalisierten Märkten werden Freiheit und Verantwortung «plötzlich» trennbar. Das wirkliche Problem scheint zu sein, dass Liberalismus und Sozialismus doch eines gemeinsam haben: die real existierende Praxis unterscheidet sich ziemlich drastisch vom idealtypischen Wunschbild. Wie solche Praxis übrigens auch ihrerseits wieder ultraliberalistische Theoretiker und Apologeten ermutigt, kann man einige Seiten weiter hinten bei G. Habermann («Der Weg zur Knechtschaft») nachlesen.
Pierre Widmer (Lausanne)

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