Eine Nische politisch-kultureller Reflexion

Lesedauer: 3 Minuten

(NZZ – INLAND – Mittwoch, 5. Juli 1996, Nr. 154, Seite 14)

75 Jahre «Schweizer Monatshefte»

C. W. Darum geht es wohl gerade nicht: «Fill Your head with fun!» Mit einem ungewöhnlichen Anflug von Selbstironie haben die «Schweizer Monatshefte» auf das Titelblatt ihrer Jubiläumsnummer ein buntes Plakat von Keith Haring mit dieser Aufforderung gesetzt. «Start reading!» gilt gewiss; doch «wer liest, katapultiert sich aus der Situation, in der er liest, heraus», sei bereit zu Eigenaktivität, Deutungsarbeit, konstruktivem Zweifel, schreiben die – «leise Töne» bevorzugenden – Redaktoren Michael Wirth und Robert Nef. Die Zeitschrift will mit Sinn für tiefere Strömungen «Nischen des Kulturjournalismus» pflegen. Sie erhebt nach Konrad Hummler, Präsident der Herausgebergesellschaft, zum Qualitäts- auch einen Generalitätsanspruch, indem sie als Forum mit liberalem Zentrum wirkt, Politik, Wirtschaft und Kultur miteinander betrachtet.

Repräsentanten

Mit 75 Mustern aus den früheren (nicht gleichmässig berücksichtigten) Jahrgängen bietet das vorliegende Heft Historisches, Zeitloses und auch Zeitgebundenes. In der Auswahl häufen sich Klassiker verschiedenster Sparten: Röpke, von Hayek und von Mises, Popper und Blumenberg, Aron und Adorno, Frisch, Dürrenmatt, Burger und Enzensberger, viele andere mehr. Man findet eine Bildbetrachtung von Oskar Kokoschka oder Gedanken Meinrad Inglins über Schuld und Absolution der Deutschen nach dem Krieg (1963 publizierte Aufzeichnungen von 1943 über eine Reise im Jahr 1940), eine Aufforderung Jean Rodolphe von Salis’ an die Schweiz, Zeitgenosse der Welt zu sein, oder die (seit 1978 an der Realität zu messende) Hoffnung Denis de Rougemonts: «Ecologie – Regions – Europe: même avenir!» Manchen Text, manche Formulierung wird man als Rosine zu schätzen wissen; andere Auszüge – mit je einer Seite hat sich die Redaktion doch zu einem Kompromiss entschlossen – erscheinen hingegen eher nur als solche.

Ein roter Faden lässt sich in der Reflexion über Individuum, Staat und Gesellschaft erkennen, und deutlich wird dabei, wenigstens in der hier präsentierten Selektion, das Bedenken der meist schleichenden Gefahren, die für den freien Menschen von einem mystifizierten oder durch Machbarkeitsglauben hypertrophierten Staat ausgehen. So wird der aktuelle Teil mit einem Text von Vaclav Klaus eröffnet, der statt einer allgemeinen Krise Schritte nach vorn, aber auch Tendenzen zu neuen, korporatistischen oder expertokratischen Spielarten des Kollektivismus sieht.

Aus der Anti-Völkerbund-Bewegung

Nur drei der wieder abgedruckten Beiträge stammen aus den ersten 20 Jahren der «Monatshefte». Dies überrascht, schreibt doch Dieter Chenaux-Repond in seinem Geburtstagsgruss, sie hätten damals Mittlerin sein wollen, Halt bieten im Kampf brauner und roter Ideologen» – und es überrascht anderseits auch angesichts der ungeschminkten, nüchternen Art, in der Alfred Cattani in einer gründlichen Rückschau die sich mit der heutigen Haltung der Redaktion nicht deckende Politik ihrer Gründer beschreibt. Diese stammten aus den Kreisen der 1920 unterlegenen Gegner des Beitritts zum Völkerbund und kämpften gegen eine «prépondérance française» wie für die Kulturgemeinschaft mit Deutschland. Nachdem Hans Oehler, Hauptredaktor seit Beginn, gemeinsame Sache mit den Frontisten gemacht hatte, wurde er im März 1934 entlassen. Ein wirklich neuer Kurs wurde erst im Krieg eingeschlagen. Paradoxerweise war es dann einer der «Zweihundert», der als voll engagierter Präsident in tolerantem Geist eine Öffnung bewerkstelligte und mit dem eine erfolgreiche Entwicklung verbunden war: der ehemalige Oberst Fritz Rieter, in den sechziger Jahren zudem Stifter eines Kapitals von gut zwei Millionen Franken, das als Finanzquelle für ein halbes Jahrhundert gedacht war. Wichtige Schritte waren im weiteren die Einführung einer hauptamtlichen Redaktion mit Anton Krättli (1966-94) und François Bondy (1975-91) sowie die massvolle Renovation vor zweieinhalb Jahren.

Ungewisse Zukunft

Wie geht es weiter? Botschafter Chenaux-Repond hält fest, dass es eines Orts wahrhaftigen Dialogs gerade heute bedürfe, da die Schweiz vor Grundsatzentscheiden stehe. Er denkt dabei etwa an eine «Zurückbindung des Wohlfahrtsstaates» und an eine echte Genossenschaftlichkeit. Die Zeitschrift befindet sich indessen nach dem Vertreter der Herausgeber in einer «ausgesprochenen und nachhaltigen Krise». Sie benötige bald eine neue Grosstat im Stil jener von Rieter, da sie mehrheitlich von der Substanz seiner Stiftung und von Gönnerbeiträgen lebt Dass das publizistische Konzept gegen den Trend zu Partikularismus und multimedialer Kurzatmigkeit durchgehalten wird, kommt als Schwierigkeit hinzu – den Verantwortlichen wohl zur Ehre. Eine andere Frage könnte sein, ob die «Monatshefte» für wichtige Autoren aus einem nicht nur schweizerischen Einzugsgebiet noch so attraktiv wie unter früheren Umständen seien, ob die Hingabe an einen konsequenten Liberalismus heute eine Spezialität darstelle oder intellektuelle nDebatte stimuliere, ob konkret etwa die «Dossiers» mit gut gewählten Schwerpunktthemen nicht manchmal fragmentarisch blieben. Doch «stop reading» wäre die falsche Folgerung.

Schweizer Monatshefte. Juli/August 1996. 112 S., Fr. 13.-. Vogelsangstrasse 52, 8006 Zürich.

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