Auslese – 75mal Bedenkenswertes

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 1996 – Seite 1)

EDITORIAL

Das jubiläumsbedingte Blättern in den alten, ehrwürdigen Bänden bereitete uns zunächst etwelche Mühe. Geplant war ein Wiederabdruck von etwa einem Dutzend wichtiger Beiträge. Eine so enge Auswahl wäre aber der Vielfalt des Vorhandenen nicht gerecht geworden, und die Begründung der Aufnahme und – noch mehr — der Nichtaufnahme hätte grösste Schwierigkeiten bereitet. Wir suchten daher aus 75 Beiträgen jene Passagen aus, die uns aufgrund von zwei Kriterien besonders wichtig schienen: dem bleibenden Gehalt bezüglich Stoff und Form und dem besonders typischen Ausdruck des Zeitgeistes. Dies sind Selektionsmerkmale guter Publizistik, die sich gelegentlich überlappen, aber nur selten übereinstimmen und die stets verknüpft sind mit jenen Zufällen und Irrtümern, welche die spontane, unter Zeitdruck stehende Teamarbeit einer Redaktion charakterisieren. Lesen und auslesen, aufnehmen nicht aufnehmen (und beides vor sich selbst und vor andern begründen!) und schliesslich auch selbst schreiben und beim Selbstgeschriebenen auslesen, kürzen und korrigieren und streichen…

Die aktive Auseinandersetzung mit der Tatsache, wie gross der Anteil an Gedrucktem ist, der nach Jahren und Jahrzehnten durchaus zu Recht dem Vergessen anheimfällt, ist eine Erfahrung, die zwar schmerzen mag, aber überaus lehrreich und heilsam ist. Dafür ist die Freude um so grösser, wenn man auf Beiträge stösst, in welchen Dauerhaftes, Anregendes, Schönes und Wahres, kurz: Bedenkenswertes enthalten ist. Der Aufwand des Lesens und Auslesens hat sich gelohnt. Dem Diktat des Jahresrhythmus’ haben wir uns nicht gebeugt, und die Beiträge aus den zwanziger und dreissiger Jahren sind dünn gesät. Dafür gibt es, wie die chronologische Anordnung zeigt, auch signifikante Häufungen — besonders gute Jahrgänge und Nummern und deutlich wahrnehmbare Lücken… Durch das Setzen eines Titels und eines Leads manifestiert die Redaktion, dass sie auch in der Jubiläumsnummer nicht nur lesend und auslesend, sondern auch kommentierend präsent sein will und mindestens antönt, wo die Gründe für ihre Auswahl liegen. Und nun ist es an der auserlesenen Leserschaft zu lesen und auszulesen.

ROBERT NEF, MICHAEL WIRTH, ALEXANDRA KEDVEŠ

Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 1996 – Seite 1

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