Verlorene Paradiese und kreative Dissidenz

Lesedauer: 10 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1996 – Seite 24-28)

DOSSIER

Robert Nef

Zum Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit, Ökoeffizienz und Wirtschaftswachstum

Hans Christoph Binswanger, Okonomieprofessor aus St. Gallen, und Stephan Schmidheiny, Schweizer Unternehmer mit weltweiten Beziehungen, gehören zu den Pionieren der Okologiediskussion. Ihr Zugang zu den Problemen ist zwar unterschiedlich, ihr Thema «Wirtschaft, Natur und Geld» verbindet sie aber, ebenso ihre Sorge um das Prinzip der Nachhaltigkeit und die Überzeugung, dass das, was nicht ökologisch ist, letztlich auch nicht ökonomisch sein kann.

Sprossender Pithos, Münze, Phönizien, 3. Jh. n.Chr.

Binswangers Buch zum Thema «Geld und Natur»1 beginnt mit einer anschaulichen Geschichte, die sich am Baikalsee in Sibirien abspielt. Dort leben die Ewenken und die Burjaten, zwei sibirische Völker. Sie konnten lange Zeit einen archaischen, auf dem Prinzip der Subsistenz basierenden Lebensstil bewahren und haben sich nur zögernd auf die moderne Lebensweise eingelassen. In einer Reportage ist darüber folgendes zu lesen: «Zum Frühstück gibt’s Tee, wie immer, Bratkartoffeln, weichgekochte Eier und rohen Fisch aus dem Baikalsee, den (ein junger Fischer namens) Schenja kurz vor der fagd noch gefangen hatte. Wie schon sein Vater fährt auch er auf den See hinaus und weiss alles über Wind und Tiere. Und doch unterscheidet sich Schenja von seinem Vater, der sagt: Nimm so viele Fische aus dem See, wie Du unbedingt zum Leben brauchst, nimm keinen Fisch mehr, die Natur will es so. Schenja fischt heimlich ein Mehrfaches und bringt die Fische an einen anderen Ort, bevor er ins Dorf zurückkehrt, damit sein Vater nichts davon erfährt» (S. 13).

Das gleichzeitig dissidente und unternehmerische Verhalten von Schenja, der mehr fischt, als er unbedingt braucht, ist einer der Ursprünge des Wirtschaftswachstums. Binswanger hat diese Geschichte mit Vorbedacht zum Leitmotiv seiner Monographie gewählt. Sein Buch ist eine kritische Analyse des wirtschaftlichen Wachstums im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie. Es zeigt den Zusammenhang von Geld, Zins und Wachstum und vertritt die These, dass eine kapi¬ talistische Wirtschaft auf Wachstum angewiesen ist. Eine längerfristige Überlebenschance hat sie — nach Binswanger — nur, wenn es gelingt, das quantitative Wachstum, das auf einer Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht, zu einem qualitativen Wachstum umzuwandeln, das entspricht dem Prinzip der Nachhaltigkeit.

Dieses Prinzip spielt auch im Buch von Stephan Schmidheiny und Federico Zorraquin2 eine zentrale Rolle. Nachhaltig (engl, sustainable) ist eine Entwicklung, wenn sie «die Bedürfnisse der Gegenwart deckt, ohne zukünftigen Generationen die Grundlage für deren Bedürfnisbefriedigung zu nehmen» (S. 33). Eine nicht nachhaltige Entwicklung ist das Gegenteil. «Sie bedeutet, dass die gegenwärtige Generation den zukünftigen Generationen die Ressourcen wegnimmt; dass wir unsere Kinder bestehlen» (S. 42). Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist also nichts anderes als das, was Schenjas Vater vertritt, nämlich nur so viele Fische zu fangen, dass der Fortbestand der Fische stets gewährleistet ist. Dies bedeutet auch, dass soziale Regeln das Bevölkerungswachstum der am See lebenden Stämme (Menschenpopulation) mit den in der Natur nachwachsenden Nahrungsquellen (Fischpopulation) in Einklang bringen müssen: Selbstbeschränkung als Voraussetzung des Überlebens in Freiheit. Was hier vereinfacht als Auseinandersetzung von Vater und Sohn geschildert wird, ist eine grundlegende Kontroverse. Wer vertritt das zukunftsträchtigere Prinzip? Ist allenfalls der Vater weiser als der Sohn?

Binswanger sucht die Lösung in einem Kompromiss, er nennt ihn die «ökonomisch-ökologische Synthese». Auch Schmidheiny/Zorraquin kombinieren das Prinzip der Nachhaltigkeit mit einem weiteren Prinzip, das sie Ökoeffizienz nennen. «Diese ist kein fixer Harmoniezustand, sondern ein Wandlungsprozess, in dem die Nutzung von Ressourcen das Ziel von Investitionen, die Richtung der technologischen Entwicklung und der Unternehmenswandel die Wertschöpfung maximieren, Ressourcenverbrauch, Abfälle und Schadstoffe minimieren» (S. 49). Bei Binswanger spürt man eine gewisse Sympathie für die Prinzipen von Schenjas Vater. Schmidheiny/Zorraquin (und mit ihnen auch der Rezensent) stehen dagegen eher auf der Seite des dissidenten Sohns, der den paradiesischen Biotop verlässt und die Grenze des Horizonts als Unternehmer überschreitet. Wer die Probleme erkennt, darf auch hoffen, dass es Lebensweisen gibt, die sich beim Fortschreiten zu neuen Horizonten, d.h. in der kreativen Erschliessung von geistigem Neuland, als zukunftstauglich und dauerhaft erweisen.

Schmidheiny ist sich bewusst, dass Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz in einem Spannungsverhältnis stehen.

Wenn wir, ohne die Geschichte zwischen Vater und Sohn zu strapazieren, den Generationenwechsel von der Subsistenzwirtschaft zum Unternehmertum — im Zeitraffer — noch einen Entwicklungsschritt weiter verfolgen, so wird auch Schenja wieder Kinder haben. Und möglicherweise warnt auch er sie, wie sein Vater, vor dem Verlassen vertrauter Biotope wie dem nationalen Umfeld und der angestammten Branche und vor der Grenzüberschreitung mit dem Schritt vom produzierenden Fabrikherrn zum Firmengruppierer und Firmenhändler. Ein Financier, d.h. ein Akteur auf den internationalen Finanzmärkten, sieht seine Aufgabe in der vergleichenden Bewertung von mittelund langfristigen Entwicklungen, die er als Käufer und Verkäufer von Beteiligungen bewirtschaftet. Als solcher steht er vor der Herausforderung, mit dem hoch komplexen Verhältnis von Geld und Natur zurecht zu kommen. Er muss in Kauf nehmen, «dass die Realität des Geldes mit der Realität der Natur in Konflikt gerät» (Binswanger, S. 23). Es gilt, die Möglichkeiten auszuschöpfen, welche die Dynamik des Geldes bietet, um neue Lösungen für eine umweltkonforme Ausrichtung der Investitionen zu finden, als auch diese Dynamik so zu bändigen, dass sie sich nicht selbständig macht und in ein nicht mehr kontrollierbares quantitatives Wachstum ausmündet. Schmidheiny geht noch einen Schritt weiter. Er begnügt sich nicht mit der Vorstellung einer Bändigung von umweltbeeinträchtigenden Tendenzen auf den Finanzmärkten, er möchte Voraussetzungen schaffen, dass die Dynamik der Finanzmärkte zur Verbesserung der Ökoeffizienz von Unternehmen und ganzen Volkswirtschaften und damit auch zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität auf unserem Planeten beiträgt. Er ist sich bewusst, wie anspruchsvoll dieses Ziel ist und dass Nachhaltigkeit und Ökoeffizienz in einem Spannungsverhältnis stehen. «Man könnte sich sogar eine Welt vorstellen, in der jedes Unternehmen immer ökoeffizienter würde, und sich dennoch durch das Bevölkerungswachstum und die Expansion der Wirtschaft und Industrie die Ressourcengrundlage des Planeten verschlechterte» (S. 49).

«Goldenes Zeitalter» ohne Geld und «gute alte Zeit»

Ursprünglich paradiesische Zustände sind nicht nur ein Leitmotiv der Stammesgeschichten. Sie wurden von Ethnologen und Anthropologen immer wieder herbeigedeutet, und sie sind noch heute der Traum fundamentalistischer Grüner. Die Aussage über einen ursprünglich höheren Lebensstandard sogenannter Naturvölker – etwa der Ewenken und Burjaten – ist mit Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen, weil es kaum allgemeingültige Vergleichsgrössen gibt: In welchem Verhältnis stehen beispielsweise unsere Vorstellungen von Freiheit und Menschenwürde mit dem «Besser leben» von früher? Zum «guten Leben» gehört wohl seit jeher ein ausgewogenes Verhältnis von Kinderzahl, Familiensolidarität und Altersvorsorge. Eine kleine Kinderzahl stabilisiert das Bevölkerungswachstum und erleichtert die Fortdauer einer Subsistenzwirtschaft auf gegebenem Lebensstandard innerhalb eines räumlich begrenzten Territoriums. Aber gewisse Methoden der Bevölkerungskontrolle (etwa Kindstötungen, Heiratsverbote und Stammeskriege) decken sich nicht mit unsern – übrigens kaum konsistenten — Vorstellungen von Freiheit und Menschenwürde. Eine zu hohe Kinderzahl reduziert in einem begrenzten Lebens- und Wirtschaftsraum den Lebensstandard der Sippe, während eine zu niedrige Kinderzahl die Altersvorsorge in Frage stellt und dadurch den Lebensstandard senkt. (Diese Erfahrung steht unserer Zivilisation voraussichtlich noch bevor…) Was entspricht also für wen und wann dem Lebensstandard des «Gut Lebens»? Für das Sterblichkeitsrisiko gibt es wohl in jeder Kultur tradierte Erfahrungswerte, aber gegen das Risiko eines Zerfalls der durch Religion und Sitte gewährleisteten Familiensolidarität muss man sich durch rigorose sozio-kulturelle Konditionierung der jungen Generation immer wieder neu absichern. Resultat: strenge Gehorsamspflicht, d.h. eine Minderung der sozialen Lebensqualität der Jungen zugunsten der Alten, aber gleichzeitig Gewährleistung eines ökologisch nachhaltigen Verhaltensmusters, von dem man im Alter profitiert. Familie und traditionelle Kultur als lebenslänglicher sozialer Solidaritäts-Sparplan! Ein Netz, das Sicherheit im Alter durch Disziplinierung in den übrigen Lebensphasen gewährt. Vielleicht besteht der ökologische Sündenfall des Schenja weniger in seiner Gier nach «immer mehr» als in der Tatsache, dass er traditionelle Gebote und Tabus gebrochen hat, welche die Bevölkerungszahl stabilisieren.

Die Umweltverträglichkeit des Menschen steht in einem Konflikt mit der Sozialverträglichkeit des dadurch provozierten Anpassungsdrucks.

«Immer mehr» als Ursache der Ungleichheit? Was den paradiesischen Frieden auf die Dauer gefährdet, ist vielleicht weniger die wirtschaftliche Mehrproduktion einzelner als die Aufrechterhaltung eines religiösen oder politischen Zwangsapparats, der Gehorsam und Unterwerfung von Generation zu Generation gewährleistet. Schmidheiny/Zorraquin haben das Problem erkannt: Sie weisen auf den engen Zusammenhang von Nachhaltigkeit, Ökoeffizienz, Chancengleichheit und Wachstum hin und räumen gleichzeitig ein, dass es in diesem Spannungsfeld viele unbeantwortete Fragen gebe. Schnelles quantitatives Wachstum geht häufig zu Lasten der Umwelt und damit zu Lasten künftiger Generationen (und verletzt so das Nachhaltigkeitsprinzip), es entspannt aber die Verteilungskonflikte unter den gegenwärtig Lebenden und erhöht – per saldo — die aktuellen Konsumchancen, indem sich mehr Menschen mehr leisten können, was – vielleicht zu Unrecht — als mehr Chancengleichheit wahrgenommen wird.

Während in der Geschichte von Schenja die Versuchung, ein Gehorsamstabu zu brechen und die Verlockung zum «immer mehr» eine Rolle spielt, nimmt in der Menschheitsgeschichte die Religion beim Ausbruch aus der ökologisch angepassten, räumlich beschränkten, stabilen Lebensweise eine wichtige Stellung ein. Die Religion bindet – im ökologischen Idealfall – den Menschen an den Naturkreislauf; aber der Preis dieser Bindung ist hoch; die Abstimmung des Menschen auf die Natur als Umwelt ist nur um den Preis der Entfremdung von seinem auf Vermehrung angelegten natürlichen Mensch-Sein möglich. Moderner ausgedrückt: Die Umweltverträglichkeit des Menschen steht in einem Konflikt mit der Sozialverträglichkeit des dadurch provozierten Anpassungsdrucks.

Für Binswanger liegt der Hauptgrund für das Ausbrechen aus dem ökologischen Paradies autarker, stabiler, nicht expansiver, nachhaltiger Subsistenzwirtschaften beim Zins, dem Preis des Geldes. Er deutet die Erfindung des Geldes und des Kredits als Ursache des Zwangs bzw. des Fluchs zum Wachstum. Möglicherweise werden hier Ursachen und Folgen verwechselt, und vermutlich sind die eigentlichen Ursachen noch grundsätzlicherer Art. Den Begriff Geld verwendet er übrigens nicht durchwegs in seinem engern technischen Sinn, sondern als Inbegriff für Finanzen, Kapital und Vermögenswerte. Die Frage nach dem Zusammenhang von Kapital, Zins und Wirtschaftswachstum erscheint bei Schmidheiny/Zorraqufn zwar nicht auf einer philosophisch-anthropologischen Ebene, aber sie ist Gegenstand der «Sieben Kernthesen», deren Inhalt die Autoren selbst als besorgniserregend bezeichnen. Sie deuten an, «wieviel Veränderung nötig sein wird, bis die Finanzmärkte eines Tages der nachhaltigen Entwicklung zu- und nicht mehr entgegenarbeiten werden». «Eine nachhaltige Entwicklung verlangt Investitionen mit langer Amortisationszeit. Die Finanzmärkte streben kurzfristige Amortisation an» (These 1). «Nachhaltige Entwicklung bedeutet, dass der Zukunft ein hoher Stellenwert zukommt. Die Finanzmärkte pflegen Zukunftswerte stark zu diskontieren» (These 7, S. 37 f.).

Angesprochen sind hier Grundfragen nach dem Verhältnis von Mensch, Natur, Arbeit und Zeit. Finanzen und Finanzmärkte sind in diesem Zusammenhang weder das Problem noch die Lösung, sondern ein mehr oder weniger taugliches bzw. gefährliches Mittel zur Lösung von Problemen, die anthropologisch tiefere Wurzeln haben. Erwähnt seien hier nur ein paar Stichworte: Bevölkerungswachstum, Arbeitsteilung, Globalisierung, Generationenvertrag, Infrastruktur für Versorgung und Entsorgung, Energie, Verkehr, Konfrontation von kulturellen Traditionen, Eigentums- und Wirtschaftsordnung, Steuersystem, usw. Etwas zu kurz kommt in beiden Abhandlungen der zentrale ökologische Stellenwert des Privateigentums und des Erbrechts (obwohl die Autoren besonders berufen wären, sich dazu zu äussern…) Beide Institutionen sind für viele Rot-Grüne zu Unrecht ökologisch suspekt. Bei vorurteilsloser Betrachtungsweise sind «Erb und Eigen» die eigentlichen Hoffnungsträger für die Förderung von Nachhaltigkeit und Ökoeffizenz.

Mehrproduktion in einer endlichen Welt?

Binswangers Deutung von Mehrproduktion als «Vermehrung der Beute» ist sicher treffend, aber unvollständig. Spielt die Ausbeutung der Natur heute wirklich noch diese zentrale Rolle? Das Wirtschaften ist aus meiner Sicht nichts anderes als ein umfassender Assimilierungsprozess (Stoffwechsel, Metabolismus) von Mensch und Natur sowie von Mensch und Mensch (cultura). Die in der Welt und in den Menschen vorhandene Vielfalt verursacht die hohe Komplexität dieses Stoffwechsels und den hohen Stellenwert des Austauschs als qualitative Umwandlung von Vielfalt in Vielfalt. Das Zentrale daran sind nicht Produktion und Konsum, sondern Kommunikation. Produktion und Konsum sind nur ein besonders anschaulicher «Spezialfall» von Kommunikationsmitteln, und das Geld ein anderes, vielleicht gleich wichtiges und gleich ambivalentes, aber offensichtlich eines, das global verstanden wird. Das Nehmen, das Teilen und das Nutzen spielen dabei eine grosse Rolle, aber das Modell des quantitativen Nehmens und Gebens geht im umfassenderen Modell des qualitativen Umwandeins (Metamorphose) auf.

Es ist kaum zu bestreiten, dass Produktion Verwandlung von Natur in geldwerte Waren und schliesslich in Geld ist. Aber das Geld bleibt beim Geld nicht stehen. Schenja ist nicht einfach «geldsüchtig» geworden. Er kann als Unternehmer eine Entwicklung einleiten, welche Ökoeffizienz und Nachhaltigkeit miteinander verbindet, und seine Nachkommen können Finanzmärkte nach denselben Gesichtspunkten gewinnbringend bewirtschaften. Der Kapitalismus ist meines Erachtens nicht einfach als Sackgasse in der Dialektik Mensch/Natur zu deuten, sondern als Begleiterscheinung eines ambivalenten Bewusstseinswandels, der auch den Keim der Synthese enthält. Nach Binswangers Deutung ist die Natur heute weniger «im Griff des Menschen» als im Griff der Zwänge der Geldwirtschaft. Die Deutung hat vieles für sich, aber sie verleitet vielleicht zu sehr zur Meinung, es gebe einen «Weg zurück». Binswanger bekennt sich zur Hoffnung, «weniger Geldwirtschaft» würde wieder «mehr Natur» bringen. Eine umfassende Befreiung der Natut von menschlichen Einflüssen ist auch für Binswanger keine zukunftsträchtige Utopie. Es geht nicht um die Alternative «Ausbeutung» oder «Befreiung» der Natur, sondern um den möglichst sorgfältigen, schonenden, nachhaltigen Umgang des Menschen mit der Natur, cultura im ursprünglichsten Sinn der Kommunikation.

Bei vorurteilsloser Betrachtungsweise sind «Erb und Eigen» die eigentlichen Hoffnungsträger für die Förderung von Nachhaltigkeit und Ökoeffizenz.

Wenn nun Ökonomie als «gutes Haushalten» (Binswanger) gedeutet wird, ist das rational und längerfristig rationell eingesetzte Kapital ein Mittel dieser cultura und nicht ein naturfeindliches Angriffsinstrument. Dies ist das Anliegen von Schmidheiny/ Zorraqufn. Sie wissen, dass die optimale Wirtschaftsweise nicht auf Raubbau an der Natur, sondern auf der aktiven Mehrung ihrer Produktivität und auf der Erhaltung ihrer Regenerationsfähigkeit beruht, aber sie vermissen zeitgerecht funktionierende Systeme, welche solche Informationen erheben und vermitteln.

Möglicherweise raubt Geld gewissen Menschen den Verstand und den Sinn fürs längerfristige Disponieren, und möglicherweise gerät das ganze Geld- und Kreditwesen in den Teufelskreis von Eigengesetzlichkeiten. – Viele Fragen bleiben in diesem Zusammenhang auch bei Schmidheiny/Zorraquin unbeantwortet. «Das Phänomen der Auslandinvestitionen in solchem Umfang ist zu neu…» (S. 77). «Wir würden diese Fragen gern beantworten, können es aber nicht», heisst es in bemerkenswerter Offenheit. Es ist wohl zu pessimistisch, wenn man das kurzfristige und kurzsichtige Gewinnstreben als notwenige Begleiterscheinung einer kapitalistischen Marktwirtschaft deutet, und die beiden Autoren weisen mit guten Gründen darauf hin, dass sich eine auf langfristige Zeittäume ausgerichtete ökologisch inspirierte Strategie auf den Finanzmärkten sehr wohl bezahlt machen kann. Pioniere können damit durchaus auch finanziellen Erfolg haben, und ihr Verhalten steht so nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit dem kapitalistischen Gewinnstreben. Geld kann als suchtförderndes Gift, aber auch als kommunikationsförderndes, rationalitätsförderndes Lebens- und Heilmittel gedeutet werden. Es gilt, wie Binswanger und Schmidheiny/Zorraquin übereinstimmend feststellen, die positiven Kräfte der Geldwirtschaft zu nutzen und die negativen zu bannen; und dies ist – längerfristig gesehen – auch der wirtschaftlich richtige und damit gewinnbringende Weg.

Die Fortschrittsidee ist heute diskreditiert. Sie sollte auf höherer Ebene rehabilitiert werden.

Das auf den internationalen Finanzmärkten geknüpfte Kreditnetz ist auch ein neutrales Informationsnetz, das die unendlich komplexen Mensch-Natur- und Mensch-Mensch-Beziehungen verbindet. In diesem Netz zirkulieren die Informationen, welche eine dauernde Evaluation von gewinnbringenden und verlustbringenden Aktivitäten ermöglichen. Es läuft also über dieses Netz ein Dauerexperiment, dessen Programm unbekannt ist, das aber nicht notwendigerweise auf Natur- und Selbstzerstörung angelegt ist. Kommunikation spielt eine immer zentralere Rolle, und diese Kommunikation hat noch ein gewaltiges Verbesserungspotential. Der Zins ist unter anderem ein Indikator für die Hoffnung auf die Verbesserungsfähigkeit dieser Kommunikation. Erst wenn Kommunikation nicht mehr verbessert werden könnte, wäre es angezeigt, wieder zu Modellen ewiger Kreisläufe zurückzukehren, zur Wirtschaftsweise von Schenjas Vater.

Es gibt zwar keine Rückkehr ins Paradies. Aber wir haben die Möglichkeit, unseren Garten zu kultivieren.

Fortschritt ohne Ausweg?

Schenja schreitet fort aus dem Biotop zum Horizont. Er verlässt möglicherweise den ökologischen Kreislauf der Welt seines Vaters nicht aus Dummheit, Verblendung und Gier, sondern weil er die mit einer stabilen Ordnung notwendigerweise verbundene Ritualisierung nicht mehr aushält. Er empfindet vielleicht Stabilität und Harmonie und die «Ewige Wiederkehr» als Gefängnis, er ahnt vielleicht etwas von der Tendenz der Degenerierung stabiler Systeme durch Verlust der Lern- und Adaptationsfähigkeit und die damit zusammenhängende evolutionswidrige Erstarrung.

Die Fortschrittsidee ist heute diskreditiert. Sie sollte — auf höherer Ebene – rehabilitiert werden. Das Lebensprinzip ist dynamisch und evolutionär. Alles ist im Fluss, und es gibt keine Rückkehr ins Paradies. Aber wir haben die Möglichkeit, unseren Garten zu kultivieren. Die Schlüsselworte heissen «Verwandlung statt Verbrauch» und «Kommunikation statt Frustration», und die Geld- und Kreditwirtschaft hat jene Eigenschaften und Impulse, welche Wandel und Kommunikation fördern, auch wenn sie für die notwendige, immer neue Assimilierung von Mensch und Natur und von Mensch und Mensch allein nicht ausreichen.

Totalitäre Verbotssysteme können eine ökologische Lebensweise für eine beschränkte Zeit gewährleisten. Früher oder später brechen sie aber zusammen, wenn sie den anthropologisch verwurzelten Expansionsdrang, die «kreative Dissidenz», missachten. Schenja ist menschheitsgeschichtlich keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Schenja ist Adam. Die zukunftstauglichste Lebensform akzeptiert diesen Expansionsdrang und verbindet ihn mit sozialen und ökonomischen Strukturen, die durch freiwillige Lernprozesse aufrecht erhalten werden und ein langfristiges Eigeninteresse ins Zentrum stellen: Freie Kommunikation in einem freien Markt, eingebunden in eine flexible, adaptierbare kulturelle und soziale Ordnung. Nur dann bleibt die berechtigte Hoffnung, dass der Erfindergeist und die Kreativität des Menschen stärker sein werden als seine Destruktivität.


1 Hans-Christoph Binswanger: Geld & Natur, Das wirtschaft¬ liche Wachstum im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie, Edition Weitbrecht, Stuttgart, Wien 1991. Vgl. dazu auch: Derselbe/P. Flotow (Hrsg.): Geld & Wachstum, Zur Philosophie und Praxis des Geldes, Weitbrecht, Stuttgart, Wien 1994.
2 Stephan Schmidheiny/ Federico Zorraquin: Finanzierung des Kurs¬ wechsels, aus dem Amerikanischen übersetzt, Verlag Vahlen, München 1996.

Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1996 – Seite 24-28

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