Unternehmen – Übernehmen

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(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1996 – Seite 1)

EDITORIAL

Je wörtlicher und je ernster man die Sprache nimmt, desto mehr gibt sie von jenem Witz und Aberwitz preis, der in ihr gespeichert ist. Sprache ist als etwas Gewordenes komplexer und reichhaltiger als alles, was der Mensch bewusst konstruiert hat. Die Entwicklung von Sprachen wird mit guten Gründen mit der Entwicklung von Märkten verglichen. Dem Verb «unternehmen» kann man «übergeben», «übernehmen» oder «sich übernehmen» gegenüberstellen oder «unterlassen». «Untergeben» ist interessanterweise nur im Substantiv «Untergebener» gebräuchlich — häufiger Objekt als Subjekt. Unternehmer haben nur gute Ergebnisse, wenn die «Untergebenen» ihnen mehr als nur «ergeben» sind, d. h. wenn sie als eigenständige Vertragspartner gelegentlich auch «schöpferische Dissidenz» einbringen. Geben ist seliger denn nehmen, aber wer gibt und wer nimmt eigentlich in einem Tauschprozess, bei einer Übernahme, bei einer Fusion? Es ist paradox. Arbeitgeber nehmen Arbeit (physikalisch: Kraft mal Weg) und geben dafür Lohn, während Arbeitnehmer Arbeit anbieten und dafür Lohn empfangen; wie wenn die Sprache das Vertrackte am Geben und Nehmen, das bei jedem Tausch stattfindet, gleichzeitig vernehmen und vergeben wollte.

Unternehmungslust wird spontan nicht mit wirtschaftlichem Tun in Verbindung gebracht, sondern mit Kultur und Musse. Vielleicht ist dies ein kleiner sprachlicher Hinweis auf die ursprüngliche Einheit von Wirtschaft und Kultur, die etwa in «Agrikultur», der Urproduktion, noch nachklingt: Wirtschaft ist Teil der Kultur und Kultur nicht Teil der Wirtschaft. Unternehmenskultur ist ein modisches Schlagwort. Es zeigt, dass ein Unternehmen nur überleben kann, wenn es seine soziale und natürliche Umwelt kultiviert, seine schöpferische Kraft in produktive Wege leitet und das rechte Mass an Geben und Nehmen, Nehmen und Lassen trifft. Die Wirtschaft tut gut daran, wenn sie sich auf ihre kulturellen Wurzeln besinnt. «Il faut cultiver notre jardin», lässt Voltaire im «Candide» seine Lebensphilosophie resümieren, und mit den kommunizierenden Brunnenschalen des «römischen Brunnens» zeigt der Dichter C.F. Meyer wie «jede nimmt und gibt zugleich, und strömt und ruht».

ROBERT NEF

smh-1996-06-s1

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