Markt als Kommunikation

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(Schweizer Monatshefte – Heft 12/1, 1995 – Seite 1)

EDITORIAL

Es gibt kaum etwas Mühsameres, als jemandem, dem das entsprechende Sensorium fehlt, beizubringen, was sich auf Märkten abspielt und was sie zu leisten imstande sind. Offenbar erreicht die sprachliche Kommunikation dort gewisse Grenzen, wo es darum geht, die offene Kommunikation als solche zu erklären. Am deutlichsten werden diese Schwierigkeiten dort, wo das komplexe Phänomen des Marktes gegenüber andern, ebenfalls komplexen Phänomenen, wie etwa dem Staat, begrifflich und inhaltlich abzugrenzen ist. Ist der Markt eine «Veranstaltung des Staates», welche auf eine grosse Zahl von rechtlichen, politischen, technischen und sozialen Voraussetzungen zwingend angewiesen ist, oder ist er ein Urphänomen, das sich als «Lernprozess ohne Lehrer» seine reale Existenz laufend aus sich selbst heraus schafft? Betrifft der Markt ganz allgemein alle Bereiche, in denen Menschen kommunizieren, oder muss die Bezeichnung auf den materiellen Bereich beschränkt bleiben? Gary Becker hat sich für einen weiten Begriff des ökonomischen Verhaltens entschieden, und er setzt sich damit – wohl zu Unrecht – dem Vorwurf aus, das rein Wirtschaftliche zu verabsolutieren. Eines seiner zentralen Anliegen ist gerade die Einbettung ökonomischer Überlegungen in den Gesamtbereich der Information und Kommunikation. Die Ökonomie kann als Sozialwissenschaft die Wirklichkeit ohne Einbezug der Informations- und Kommunikationstheorie nicht adäquat erfassen, und gerade die Nicht-Ökonomen sollten es begrüssen, wenn der Ausbruch aus dem engeren Gehäuse einer Disziplin oder eines Fachjargons gewagt wird.

Ebenso kontrovers wie der Begriff des Marktes ist der Begriff des Wettbewerbs. Konkurrieren im Wettbewerb Personen bzw. Personengruppen, oder gibt es auch eine abstrakte, ideelle Konkurrenz von Systemen, d. h. von bestimmten Konfigurationen von Personen, Gebieten und Objekten? Messen sich im Wettbewerb in erster Linie Aktivitäten bzw. Interventionen, oder gibt es — beispielsweise — auch einen faktischen, nicht veranstalteten «Wettbewerb im Unterlassen von Interventionen»? Wie immer man dieses Nebeneinander, Gegeneinander, Miteinander und Durcheinander bezeichnen will: Das stets offene Experiment unter Menschen und Personengruppen hat sich gegenüber den gefährlichen Illusionen der Machbarkeit, der politischen Steuerung, Zentralisierung und Vereinheitlichung als resistent erwiesen — nicht immer, aber doch sehr häufig mit insgesamt positivem Resultat.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 12/1, 1995 – Seite 1

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