Frankreichs Wille zur Vormacht

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(Schweizer Monatshefte – Heft 1, 1995 – Seite 9-11)

DOSSIER

Robert Nef

Es gehört zu den Eigenheiten der «Idee Europa», dass jede Nation ihre eigenen Mythen und Vorurteile in den «gemeinsamen Topf» wirft, und zwar sowohl jene, welche die eigene Rolle betreffen, als auch jene über die Rolle der Partner.

In seiner oft zitierten Rede an die akademische Jugend der Welt, die Winston Churchill 1946 in der Aula der Universität Zürich gehalten hat, findet sich der für die Nachkriegszeit so bedeutsame Aufruf zur Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland: «Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss durch die Partnerschaft Frankreich-Deutschland geschehen.1» Das im britischen Commonwealth verankerte Grossbritannien gehörte nach Churchills Überzeugung nicht zu dieser Völkerfamilie. Grossbritannien sowie «das mächtige Amerika und ich möchte glauben auch die Sowjetunion — denn dann wäre tatsächlich alles gut», sollte seine Rolle als Freund und Förderer dieses neuen Europa spielen. Die subtile Unterscheidung zwischen europäischen «Familienangehörigen», «Freunden» und «Förderern» ist im britischen Selbstverständnis tief verwurzelt, und sie wirkt bis heute nach. Eine weitere Subtilität in dieser – zu Recht oder zu Unrecht – als ein «Geburtsdokument» der Europäischen Union gefeierten Rede ist die bemerkenswerte Charakterisierung und Begründung der französisch-deutschen Partnerschaft. «Nur so wird Frankreich seine Führerrolle in Europa zurückgewinnen…» Während Churchill mit der Verwandtschafts- und Freundschaftsmetapher an eine in der britischen Mentalität tief verwurzelte britische Geschichtsdeutung anknüpfte, traf er mit seiner Umschreibung der ungleichen Rollenverteilung in der französisch-deutschen «Partnerschaft» wohl einen Kern des traditionellen französischen Selbstverständnisses: Frankreich, die angestammte Führungsmacht auf dem europäischen Kontinent… Ob diese Sicht der Dinge mehr von der Intuition des Historikers oder von der Courtoisie des Alliierten oder vom politisch-psychologischen Kalkül des Politikers beeinflusst war, mag hier dahingestellt bleiben.

Partnerschaft durch Konsens und versteckten Dissens

Jede Partnerschaft basiert – wenigstens teilweise – auf einer Mischung von Verständnis und Missverständnis, von zutreffenden und unzutreffenden Bildern, die man sich von sich selbst und von den andern macht. Die Feindbilder, welche in den blutigen innereuropäischen Kriegen eine unselige Rolle gespielt haben, beruhen auf der Übersteigerung und Verzerrung solcher Bilder und Mythen. Aber auch verzeichnete und verfälschte «Freundbilder» und «Selbstbilder» sind nicht gefahrlos, und sie sollten bei der Begründung von Partnerschaften nicht verdrängt werden. Churchill hat in seiner Zürcher Rede die geschichtsprägenden Rollenbilder angesprochen: Grossbritannien, der weltoffene, aber distanzierte und eigenständige «Freund und Helfer» (Stichwort: Interesse), Frankreich, «die geistige Führungsmacht» (Stichwort: Ruhm), und Deutschland, der tüchtige, zukunftsträchtige und zunehmend vertrauenswürdige Partner (Stichwort: Erfolg), den man – mit gewissen Vorbehalten – als gleichwertig akzeptiert, solange seine Dynamik eingebunden bleibt. Diese «Dreiecksbeziehung» ist in der neueren europäischen Geschichte immer wieder empfindlich gestört gewesen, weil eben diese Rollenbilder nicht durchwegs und allseits akzeptiert wurden und werden und weil sie nicht bzw. nicht mehr mit der wirtschaftlichen und machtpolitischen Realität übereinstimmen.

Das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit ist in menschlichen und politischen Gemeinschaften nichts Aussergewöhnliches. Jede vertragliche Partnerschaft beruht auf einem offenen Konsens und einem versteckten Dissens, den man zwar ahnt, über den man aber normalerweise grosszügig hinwegsieht. Oft ist – wie bei einem Eisberg — der verborgene Teil der grössere und der für die Stabilität entscheidende.

Schwierige deutsch-französische Verwandtschaft

Frankreichs Verhältnis mit Deutschland ist kein Verhältnis der Freundschaft, sondern ein Verhältnis der Verwandtschaft, was die Beziehung vertieft, aber nicht vereinfacht. Spätestens nach der Niederlage in Indochina und nach der Lostrennung Algeriens vom «Mutterland» hat Frankreichs Elite eingesehen, dass der Mythos der Grande Nation und der historische Anspruch als geistig führende Weltmacht in keinerlei Hinsicht mehr mit der Realität übereinstimmte. General de Gaulle ist es gelungen, den geordneten Rückzug aus dieser Illusion anzuführen, indem er wenigstens den Führungsanspruch auf dem europäischen Kontinent aufrechterhielt. Dass Frankreich auch diese Führungsrolle nicht ganz aus eigener Kraft bestreiten konnte, war für de Gaulle eine nicht zu leugnende, aber schmerzliche Tatsache. Die Franzosen fühlen sich zwar geistig und kulturell gegenüber den «deutschen Verwandten» immer noch überlegen, aber sie bewundern doch mehr oder weniger offen deren Tüchtigkeit, Leistungsfähigkeit und Disziplin. Die Bemerkung «on n’était jamais mieux qu’avec les boches» kann man — hinter vorgehaltener Hand – in konservativ grossbürgerlichen Pariser Kreisen auch heute noch hören. Der Mythos der französisch-deutschen Beziehung beruht auf der Hoffnung, dass sich französisches génie und französischer esprit mit deutschem Fleiss und deutscher Gründlichkeit verbinden möge nach dem Motto: Gemeinsam mit dem Leistungspotential der Deutschen (und aufgrund der französischen geistigen Führung) wird Frankreich wieder zur Vormacht Europas und Europa zur Vormacht der Welt.

Die Franzosen fühlen sich zwar geistig und kulturell gegenüber den «deutschen Verwandten» immer noch überlegen, aber sie bewundern doch mehr oder weniger offen deren Tüchtigkeit, Leistungsfähigkeit und Disziplin.

Und wie wird dies auf deutscher Seite wahrgenommen? Grob vereinfacht etwa so: Lassen wir doch den Franzosen diesen Glauben, gönnen wir ihnen dieses Gefühl, und vermeiden wir alles, was die Angst vor der deutschen Vormacht schürt… Die politischen, ökonomischen und kulturellen Eliten in der Bundesrepublik wissen, wie unattraktiv es ist, gefürchtet und gehasst zu werden. Sie dürsten nach internationalen Streicheleinheiten und nach der Bestätigung als demokratisch-rechtsstaatliches Musterland, mit einer bewältigten Vergangenheit, unter die endlich ein Strich gezogen werden kann. Natürlich weiss man in der Bundesrepublik um die eigene Bedeutung und Stärke. Deutschland ist zur europäischen «Zentralmacht» geworden — wider den Willen seiner Elite. So stehen wir vor der paradoxen, aber vielleicht doch stabilen Partnerschaft von zwei Nationen, von denen die eine gerne Führungsmacht wäre, aber eigentlich ahnt, dass sie es nicht mehr ist, mit einer anderen Nation, die de facto die Führungsmacht ist, aber – im eigenen Interesse — alles daransetzt, zu vermeiden, dass dies so wahrgenommen wird. Dies ist wohl der Hauptgrund, wieso sich die Deutschen dem unter- und hintergründigen Führungsanspruch ihres Partners nicht offen widersetzen. Man sollte die Analogie dieser Beziehung mit real existierenden Ehen nicht strapazieren, aber solche – nur teilweise bewussten – partnerschaftlichen deals sind nicht allzu selten und durchaus auch auf die Dauer funktionsfähig.

Scharfsinnig beobachtete Nachbarn – aus Schweizer Sicht

Das schwierige Verhältnis der beiden Nachbarn Deutschland und Frankreich ist in der Schweiz immer wieder ein zentrales Thema historischer und sozialwissenschaftlicher Reflexion gewesen. Der Historiker Peter Dürrenmatt hat in seinem Vortrag «Totes und lebendiges Europa» (Basel 1953, S. 23) davor gewarnt, den deutsch-französischen Gegensatz wegzudisputieren. Er empfiehlt aber, ihn in eine «sinnvolle Spannung» hinüberzuführen. Er attestiert den beiden Völkern ein völlig verschiedenes Lebensgefühl, bringt aber in diesem Zusammenhang den Hinweis, dass sie sich «in ihrer europäischen Bezogenheit ergänzen wie Mann und Frau in der Ehe».

Der heute viel zu wenig bekannte Historiker und Essayist Herbert Lüthy (wann kommt es endlich zu einer Gesamtausgabe seiner grösstenteils vergriffenen, aber höchst lesenswerten Bücher und Essaysammlungen?) analysiert in seiner brillant geschriebenen Geschichte der Vierten Republik mit dem vielsagenden Titel «Frankreichs Uhren gehen anders»2 den anspruchsvollen Weg dieser Nation, den er als Rückzugsgefecht deutet, in dem sich eine höchst differenzierte Ordnung, «gegen die bloss technische Organisation der modernen Welt zu bewahren versucht». «Frankreich lässt sich nicht synchronisieren», heisst es lapidar im Klappentext. Gilt Gleiches – auf den Weltmassstab übertragen – für ganz Europa?

Auch verzeichnete und verfälschte «Freundbilder» und «Selbstbilder» sind nicht gefahrlos.

Hat Frankreich mit seinem Recht, «sich in seinen eigenen Schmerz zurückzuziehen» (wie Lüthy Präsident Vincent Auriol zitiert), etwas vom europäischen Schicksal vorweggenommen? Einer der für die Europäische Union zunehmend belastenden Faktoren ist die Tatsache, dass die jeweiligen Eliten mit den hier abgehandelten Subtilitäten gut zu Rande kommen, dass aber die in den Völkern tief verankerten Vorurteile dadurch nicht kleiner werden. Europaweit und weltweit ist internationale Solidarität eine knappe Ressource, und die Begeisterung, welche sie vermehren kann, ist schnell einmal verpufft. Je mehr und je schneller man Solidarität von oben erzwingen will, desto gründlicher zerstört man die spontane Bereitschaft dazu, die nur als Frucht positiver praktischer Erfahrungen wächst. Während die Eliten an Konferenzen die Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union feiern und das Anschlussprogramm an den missratenen und überholten Vertrag von Maastricht diskutieren, wird im immer noch nationalistisch empfindenden Fussvolk das Murren unüberhörbar. Zwei Drittel bis drei Viertel der deutschen Bevölkerung sind beispielsweise aufgrund von Umfragen gegen eine gemeinsame Währung, und in Frankreich ist die Situation ähnlich.

Herbert Lüthy resümiert das Anliegen in seinem bereits erwähnten Buch folgendermassen: «Wenn dieses Buch einen Nutzen haben kann, dann den, zu zeigen, dass der Weg nach Europa für Frankreich länger und schwieriger ist als für manche seiner Partner Es scheint, dass Europa eine Gnadenfrist gewährt ist, die auch der grössten revolutionären Tugend noch Raum gewährt: der beharrlichen Geduld.» Dies ist – auch vierzig Jahre darnach — eine durchaus gültige Schlussfolgerung.


1 Zit. aus: Churchill: «Chronik eines glorreichen Lebens», dt. Übersetzung von «Churchill – The Life Triumphant», o. J., Rapperswil, S. 159 ff.
2 Herbert Lüthy: «Frankreichs Uhren gehen anders», 2. Auflage, Zürich 1954.

SPLITTER

Quel homme dans Paris est animé de l’amour du bien public? On joue, on soupe, on médit, on fait des mauvaises chansons, et on s’endort dans la stupidité, pour recommencer le lendemain son cercle de légèreté et d’indifférence.

Voltaire, Lettre a un premier commis, 20 juin 1733, Choix de lettres, Paris 1889, p. 72

Schweizer Monatshefte – Heft 1, 1995 – Seite 9-11

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