Engpass oder Sackgasse?

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(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 1994 – Seite 1)

EDITORIAL

Im Umgang mit Finanzen gehört es zum erzieherischen Grundstoff dass man nicht mehr ausgeben sollte, als man einnimmt. Ob der Blick in die leere Kasse angesichts einer langen Liste von Bedürfnissen und Wünschen eher an einen Engpass oder an eine Sackgasse denken lässt, hängt von der Beurteilung der künftigen Entwicklung ab. Durch Verschuldung lassen sich Sackgassen in Engpässe verwandeln, und die Triage zwischen kreditwürdigen Engpässen und nicht kreditwürdigen Sackgassen gehört zum Alltag des Bankgeschäfts.

Nach einer Gesetzmässigkeit, welche der Chemiker Justus von Liebig vor über hundert Jahren anhand des Pflanzenwachstums entdeckt hat, werden biologische Entwicklungsprozesse durch Engpässe gesteuert, und die ganze Strategie des Überlebens von Individuen und Gemeinschaften beruht auf dem richtigen Umgang mit dem jeweils entscheidenden Engpass. Ob man das Thema «Staatsfinanzen» mit dem Stichwort «Engpass» oder mit dem Stichwort «Sackgasse» ergänzt, ist nicht entscheidend. Wenn es aber darum geht, angesichts des Problems eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, dann wird die Frage ganz zentral.

Ein Engpass verlangt mehr Kraft und mehr Druck in dieselbe Zielrichtung, allenfalls auch ein Umgehungsmanöver (more of the same), während eine Sackgasse zur Umkehr zwingt und so auch einen neuen Entschluss (basic change) notwendig macht.

Das Loch in der Staatskasse ist ein Symptom für ein tieferliegendes Problem. Die staatliche Gemeinschaft lebt über ihre Verhältnisse und ist nicht mehr fähig, ihre Bedürfnisse und Wünsche in Einklang zu bringen mit den finanziellen Opfern, die man sich gegenseitig auferlegt bzw. zumutet. Es wird auf allen Stufen – nicht nur von den Regierungen, sondern auch von den Parlamenten — mehr versprochen als erfüllbar ist. Zu Lasten künftiger Generationen kann man durch weitere Verschuldung auch diese Sackgasse in einen momentanen Engpass verwandeln. Es besteht allerdings die Gefahr, dass eine solche Art der Problemlösung selbst zur Sackgasse wird.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 11, 1994 – Seite 1

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