Kultur ist Sache der Kultur

(Schweizer Monatshefte, Heft 5, 1994, Seite 4-5)

POSITIONEN

Der lapidare Hinweis im Titel dieser Stellungnahme, Kultur sei Sache der Kultur, bietet natürlich keine befriedigende Antwort auf die vielfältigen Fragen im Zusammenhang mit Kultur und Kulturförderung. Aber er markiert den entscheidenden Ausgangspunkt für die stets heikle Frage nach der Subsidiarität.

In seinem Gedicht «Das Sklavenschiff» berichtet Heinrich Heine von einer besonders zynischen Form der Kulturförderung. Der Sklavenhändler wird durch seinen Schiffsarzt auf die hohe Sterblichkeit unter den Sklaven aufmerksam gemacht. Weder beim Schiffsarzt noch beim Händler löst dieser Verlust mitmenschliche Regungen aus, aber aus kommerziellen Erwägungen stellt der Händler die Frage, wie «die Progression der Sterblichkeit» zu verhindern wäre. Der Doktor — «klug wie Aristoteles, / Des Alexanders Lehrer» — gibt folgenden Rat: «Durch etwas Luft, Musik und Tanz / Lässt sich die Krankheit heilen» — ein prophetischer Hinweis auf das nationalsozialistische Rezept der staatlichen Förderung von Freizeitkultur nach dem Motto «Kraft durch Freude»…

«Musik! Musik! Die Schwarzen solln / Hier auf dem Verdecke tanzen. / Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert, / Den soll die Peitsche kuranzen.»

Diese nach fachmännischen Kriterien verordnete Form der Kulturförderung hat die beabsichtigte Wirkung. «Der Büttel ist maître des plaisirs, / Und hat mit Peitschenhieben / Die lässigen Tänzer stimuliert, / Zum Frohsinn angetrieben.» Die kostbare Fracht jauchzt und hopst und kreist wie toll herum – und überlebt, zur Freude des Händlers, und zum Ärger der Haifische, welche ihr «Frühstück», die Toten, die man jeweils ins Meer geworfen hatte, missen.

«Das Sklavenschiff» hat nicht nur die hier angetönte sozialkritische und prophetische Dimension, es verdichtet eine unendliche Fülle von Anspielungen, Bedeutungen und Deutungsmöglichkeiten, welche das Verhältnis von Macht, Kalkül, Kultur und Natur (der Haifische) betreffen – das «Sklavenschiff» als Sinnbild unserer Zivilisation. Vordergründig wird das rein kommerzielle Denken des Sklavenhändlers und seines «wissenschaftlichen Beraters» angeprangert. Das Gedicht kulminiert zuletzt in jenem «Gebet» des Händlers, das an Zynismus kaum mehr zu übertreffen ist: «Verschone ihr Leben um Christi willn, / Der für uns alle gestorben! / Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück, / So ist mein Geschäft
verdorben.»

Wer nur diese Deutungsebene beachtet, wird aus dem Gedicht eine Warnung herauslesen, welche die «Kommerzialisierung der Kultur« betrifft: So weit kann es also kommen, wenn wir den Händlern und ihren sozialwissenschaftlichen Beratern die Verwaltung der Kultur anheimstellen… Höchste Zeit also, die Kultur «zur Sache des Staates» zu machen und damit ihre ökonomische «Verzweckung» zu verhindern oder zu mildern… Ich meine, dass eine solche Deutung die Radikalität der Botschaft dieses Gedichts unterschätzt. Heine geisselt nicht nur die allein auf egoistische ökonomische Zwecke ausgerichtete Perversion kultureller Aktivitäten, er zeigt die Gefahren jeder Art von «Verzweckung» und «Vermachtung» auf: die prinzipielle Unvereinbarkeit von Ordnungsmacht und kultureller Kreativität, die Katastrophe, die verursacht wird, wenn der «Büttel» zum «maître des plaisirs» wird. Die Szenen des «Sklavenschiffs» haben in den «Kulturprogrammen» der Konzentrationslager ihr makabres Pendant gefunden, dort ging es allerdings nicht um wirtschaftliches Kalkül, sondern um einen staatlich angeordneten rassistischen Vernichtungswahn. Aber nicht nur der Nationalsozialismus hat die Verbindung von «Büttel» und «maître des plaisirs» praktiziert, auch im Sklavenschiff des DDR-Sozialismus gab es staatlich verordnete und geförderte Kultur, bei der sogar eine dosierte Systemkritik Bestandteil der Förderungsprogramme war und wo die Rolle der «Kulturschaffenden» in perfider Weise mit derjenigen von informellen «Bütteln» verknüpft worden ist.

Die Diskussion um den neuen Kulturförderungsartikel in der Schweizerischen Bundesverfassung ist bisher kaum zu den Grundproblemen, die das Gedicht vom «Sklavenschiff» zeigt (aber nicht löst), vorgedrungen. Ist Kultur «Sache» der Wirtschaft, indem sie vollumfänglich dem Prinzip von Angebot und Nachfrage unterstellt wird und unter Umständen auch als «Mittel zu rein wirtschaftlichen Zwecken» missbraucht werden kann, oder ist sie «Sache» der politischen Gemeinschaft, der Gemeinde, des Kantons oder des Bundes? Oder ist sie in einem dritten Bereich anzusiedeln, der weder dem Kalkül des Tauschs noch dem Bannkreis kollektiver Ordnungsproduktion und der (Um-)Verteilung von Zwangsabgaben angehört? All diese Fragen werden durch mehr oder weniger beruhigende allgemeine «Kann-Vorschriften» und durch den Hinweis auf die ziemlich schwammige «Zauberformel» der Subsidiarität offen gelassen.

Die gesellschaftlichen Subsysteme waren schon immer miteinander vernetzt. Jacob Burckhardt hat anschaulich geschichtsbildende «Potenzen» unterschieden (und keine «Systeme»): «Staat», «Religion» und «Kultur», wobei er die Wirtschaft und die ganze wissenschaftlich-technische Zivilisation – mit guten Gründen – als Bestandteile der Kultur deutete. Die Art und Weise, wie Kultur finanziert wird, ist eben ihrerseits auch wieder Bestandteil dieser Kultur. Staatliche Kulturförderung kann zwar aus einer Institution des öffentlichen Lebens eine Institution der öffentlichen Hand machen, sie kann ein Aquarium in eine Fischsuppe verwandeln, aber kaum eine Fischsuppe in ein Aquarium. Wie entsteht und überlebt aber ein ganzer kultureller »Biotop» von frei lebenden »Kulturfischen» Gilt auch hier das Prinzip von Fressen und Gefressenwerden, das übrigens — auch in der Natur – kleinen und kleinsten Fischen durchaus gute Lebens- und Überlebenschancen einräumt? Man sollte Metaphern nicht strapazieren, vor allem, wenn es um Analogien von Kultur und Natur geht. Sie vermitteln nie Rezepte, aber immerhin Anhalrspunkte.

In einer berühmt-berüchtigten Rede an der Unesco-Konferenz in Helsinki hat der kürzlich verstorbene Eugène Ionesco seine Skepsis gegenüber allen Formen der nationalen und internationalen Kulturpolitik folgendermassen zum Ausdruck gebrachr: «La culture a l’air, de nos jours, d’etre un instrument manié par des fonctionnaires pour fabriquer des fonctionnaires qui fabriqueront des fonctionnaires… Cela est en realite le contraire de la culture… Pour les fonctionnaires et les administrateurs, la culture est une série de traditions: donc du conservatisme chez les Occidentaux, qui sont un peu plus débonnaires, et, chez d’autres, elle est une idéologie, une religion, une contrainte, une forme de pensée ou plutôt des formules à imposer par les gouvernants a leurs gouvernés» («Le Monde», 12 juillet 1972).

Staatliche Kulturförderung rückt die Kultur — ob man will oder nicht – auch dann in den Bannkreis der Macht, wenn es »nur» um die Verteilung von Subventionen geht. Diese Macht kann allerdings demokratisch kontrolliert sein, sie kann auf der politischen Ermächtigung beruhen, ganz bestimmte und beschränkte Aufgaben im Bereich der Pflege des gemeinsamen kulturellen Erbes, der Information und Dokumentation und des Minderheitenschutzes wahrzunehmen. Wenn sich aber Kultur mit Macht verbindet, beginnt – wie dies Wolfgang Kraus formuliert hat «hinter der Kulisse der Scheingeltung ihre Selbstverstümmelung, ihr Verfall. Und da die Menschen es nur selten und nur für kurze Zeit ertragen, auch ihren besten Vorhaben nicht den Nachdruck von Macht zu geben, finden wir in der Geschichte der Menschheit meist nur Ansätze und Fragmente der Kultur, dafür um so mehr Brutalitäten, Kriege und Ausübung von Macht.» (Kultur und Macht, München 1978).

Man braucht ja nicht gleich so pessimistisch zu sein wie Heine, Ionesco und Wolfgang Kraus. Solange auf dem «Sklavenschiff» noch Gedichte entstehen wie «Das Sklavenschiff», leben wir nicht ausschliesslich auf Sklavenschiffen, und solange die «Nashörner» auch in subventionierten Theatern zu sehen sind, sind wir noch nicht alle von Kulturfunktionären funktionalisiert. Die beste Charakterisierung des schwierigen Verhältnisses von Staat und Kultur ist diejenige der «ehrlichen Verlegenheit». Diese Grundhaltung ermöglicht es einerseits, die Kultur als Sache der Kultur zu sehen und andererseits zwischen Staat und Kultur – subsidiär – jene Osmose zuzulassen, die beiden Bereichen keinen bleibenden Schaden zufügt und – bestenfalls – dem politischen System jene kreativen Anstösse vermittelt, die verhindern, dass es zum »Sklavenschiff» oder zum »absurden Theater» der Funktionäre wird.

SPLITTER
La culture: idée confuse et contradictoire. Sans doute, mais non
pas idée éclatée. Entre ses aspects apparemment les plus
éloignés, une recette de cuisine, un concert, une fête de famille,
un costume. Versailles et Bunuel, il existe des correspondances
et une continuité. La culture est à la fois un phénomène de
société et l’exploration de la condition humaine, mais les fils
qui relient ces deux pôles sont multiples et denses.

Gerard Moutassier. Le Fait Culturel, ed. Fayard 1980

Schweizer Monatshefte, Heft 5, 1994, Seite 4-5

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.