Arbeit am Ganzen

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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1994 – Seite 3-5)

POSITIONEN

Dank an Anton Krättli

Ab Februar dieses Jahres erscheint unser langjähriger Kulturredaktor Anton Krättli nicht mehr im Impressum der «Schweizer Monatshefte». Auf seinen Wunsch ist die redaktionelle Verantwortung für den Bereich Kultur in jüngere Hände gelegt worden. Sie wird in Zukunft von Michael Wirth, Dr. phil. I, wahrgenommen, der 1957 in der Bundesrepublik Deutschland geboren ist und nach Studien in Bonn und Lausanne 1992 als Germanist an der Universität Lausanne promovierte und gegenwärtig dort seinen Wohnsitz hat.

Anton Krättli wird als freier Mitarbeiter weiterhin für die «Schweizer Monatshefte» schreiben, so dass wir aufsein feines Urteilsvermögen und seine Erfahrung im Umgang mit Literatur auch in Zukunft zählen dürfen. Die 28 Jahre dauernde Präsenz in den «Schweizer Monatsheften» kann mit guten Gründen als «Ara Krättli» bezeichnet werden, und die Geschichte unserer Zeitschrift ist und bleibt untrennbar mit seinem Namen verbunden. In der Hoffnung auf sein möglichst kontinuierliches, in weitere Zukunft hineinreichendes Mitwirken im Kulturteil unserer Zeitschrift haben wir keinen Grund für eine abschliessende Würdigung. Trotzdem wollen wir das Ausscheiden aus dem Impressum als Anlass nehmen für einige Worte des Dankes. Anton Krättli hat den «Schweizer Monatsheften» über ein Vierteljahrhundert die Treue gehalten, und seine Beiträge sind ein eindrückliches Zeugnis der Kontinuität im Hinblick auf bleibende Werte und der Kreativität im Hinblick auf das Neue. Was aber noch wichtiger ist als die 28 Jahre Treue zu einer Zeitschrift, das ist jene Treue zu sich selbst, die sein ganzes Wirken prägt. Sie vermittelt der Leserschaft jene verlässliche Orientierung, die wir im heutigen Kulturbetrieb alle besonders zu schätzen wissen. Krättlis Urteil ist nie anmassend und auch nie aufdringlich, aber es ist in einer seltenen Weise unbestechlich.

Anton Krättli meidet das Mitsingen im grossen Chor der Modemacher, die mit ihrem Urteil den Platz auf den kurzlebigen Bestsellerlisten verändern bzw. verändern möchten. Nicht, dass Anton Krättli auf jede Einflussnahme verzichten würde und sich daher nicht engagierte. Er hat beispielsweise als einer der ersten die Bedeutung von Hermann Burger erkannt. Er hat sich für ihn eingesetzt und ihn im Laufe seiner leidvollen Schaffenszeit freundschaftlich und kritisch begleitet. Als «Adam Nautilus Rauch» hat Burger in seinem «Brenner» den Freund und Kritiker aus seiner Sicht literarisch charakterisiert. Diese Namensgebung soll hier nicht aufgeschlüsselt werden, aber der Vorname «Adam» weist doch auf Bleibendes, Allgemein-Menschliches hin.

Die auch in diesem Beitrag hervorgehobene beispielhafte Treue zu sich selbst ist es wohl, die Karl Jaspers in jenem bedeutungsschweren Wort gemeint hat, in welchem er die Treue «das Zeichen der Wahrheit» nannte. Damit hat Jaspers auf die subtilen Zusammenhänge aufmerksam gemacht, die eben trotz allem zwischen dem Wahren, dem Schönen und dem Guten erkannt werden können, wenn der Betrachter und Leser auch etwas Wohlwollen und Liebe mitbringt.

Anton Krättli bringt sowohl den Autoren als auch ihren Lesern und auch seinem Leserkreis jene Zuneigung entgegen, die nicht blind, sondern feinfühlig und hellsichtig macht und stets zum selbständigen und kritischen Urteil ermahnt und ermuntert. Er ist nie anmassender Zensor, gelegentlich massvoller Moderator und immer wieder behutsamer Animator, indem er Literatur geistvoll und gemütvoll kommentiert, analysiert, die Leser zur Lektüre anregt und dabei die Seele nicht vergisst, die es beim Schreiben und beim Lesen braucht.

Die «Schweizer Monatshefte» sind eine Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur. Innerhalb dieser Trias droht der Kulturbereich – vor allem in einer Tageszeitung – zur Manövriermasse des Unwesentlichen und Unverbindlichen zu werden, zum Luxus und zum «Füller» zwischen politischer Aktualität, sonstigen «Unfällen und Verbrechen», Wirtschaft, Werbung und Sport. In den «Schweizer Monatsheften» hat Anton Krättli eine solche Abwertung der Kultur zum verstaubten musealen Sonntagsvergnügen, zum Freizeit-Luxus und zur realitätsfernen Schöngeisterei mit Erfolg verhindert. Unter seiner redaktionellen Führung hat der Kulturbereich stets eine bestimmende Rolle gespielt, und es ist nicht übertrieben, wenn die Zeitschrift heute im wesentlichen als Kulturzeitschrift charakterisiert werden kann, die auch noch politische und wirtschaftliche Themen aufgreift. Trotzdem stimmen die Proportionen mit der Zielsetzung der Hefte, der Vermittlung eines wertbezogenen und Werte vermittelnden umfassenden Überblicks, überein. Der Kulturredaktor hat sich stets auch lebhaft für politische und wirtschaftliche Fragen interessiert und damit zu erkennen gegeben, dass die Kultur nicht im luftleeren Raum existiert und dass sie auch wirtschaftliche und politische Komponenten hat. Die Kultur darf nicht immer nur als mögliches Opfer von Politisierung und Kommerzialisierung gesehen werden. Sie hat auch die Kraft, kultivierend und gestaltend auf Politik und Wirtschaft einzuwirken, die ihrer heute in besonderem Masse bedürfen. Dazu hat Anton Krättli durch sein breites und generalistisches Kulturverständnis, seine humanistische Bildung, seinen staatsbürgerlichen Gemeinsinn, seinen weltoffenen Blick und sein kooperatives, konziliantes Wesen einen wichtigen Beitrag geleistet. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Impressum hat er 28 Jahrgänge der Zeitschrift mitbetreut, die gebunden auf dem Bücherbrett ganze zwei Laufmeter einnehmen. In jedem Heft war Anton Krättli mit mindestens einem Beitrag vertreten, seien es Glossen oder Blickpunkte, Kommentare, Buch- oder Theaterkritiken, Aufsätze – insgesamt nach seiner Schätzung etwa 325.

Er hat fünf Präsidenten der Gesellschaft Schweizer Monatshefte erlebt: Fritz Rieter, Marcel Grossmann, Ullin Streiff, Richard Reich und Heinz Albers. Seine Kollegen vom politisch-wirtschaftlichen Ressort waren Fritz Rieter, Dietrich Schindler, Daniel Frei, Roland Stiefel, Theo Kunz, François Bondy und seit 1991 der Autor dieses Beitrags. Mit Bondy zusammen redigierte er die Zeitschrift von 1975 bis 1990. Seine freien Mitarbeiter, von denen er eine beträchtliche Zahl für die «Schweizer Monatshefte» gewonnen hat, rekrutieren sich aus der Publizistik, aus dem akademischen Umfeld und sind zum Teil auch Schriftsteller. Friedrich Dürrenmatt, Hans Boesch, Gerhard Meier, Gertrud Wilker, Hugo Loetscher, E. Y. Meyer, Hermann Burger und andere haben für die Zeitschrift Beiträge verfasst oder Teile ihres Schaffens in Vorabdrucken vorgestellt. Es war ein besonderer Schwerpunkt in der Führung des Kulturteils, die Gegenwartsliteratur der deutschen Schweiz durch kompetente Kritik zu begleiten; dem kontinuierlich wachsenden Werk der genannten Autoren, auch demjenigen Adolf Muschgs und Jürg Federspiels, galt die besondere kritische Aufmerksamkeit des Redaktors.

Aber selbstverständlich wandte er sich immer auch dem grösseren Sprachraum zu. Günter Grass, Heinrich Böll, ganz besonders auch Thomas Bernhard, sind in einer Reihe von Kritiken und Aufsätzen, die sich zu kleinen Monographien zusammenfügen liessen, ausführlich diskutiert worden.

Einen zweiten Schwerpunkt setzte Anton Krättli durch seine «Zürcher Theaterbriefe» in den ersten Jahren seiner Redaktionstätigkeit unter dem Pseudonym Lorenzo. Hier finden sich nicht nur Aufführungsbesprechungen, sondern Überlegungen zum Spielplan, zur Führungsstruktur des Schauspielhauses, zur Förderung junger Dramatiker. Und ein dritter Schwerpunkt endlich galt der Kulturpolitik, den verpflichtenden Hinterlassenschaften ebenso wie den «Nachrichten aus der Provinz».

1982 gab Anton Krättli ausgewählte Beispiele seiner Zeitschriftenarbeit in einer dreibändigen Sammlung «Zeit Schrift» (Sauerländer, Aarau) heraus, einen «kritischen Kommentar über anderthalb Jahrzehnte», wie es im Untertitel heisst. Zwei vorbereitete Sammlungen weiterer Arbeiten liegen im Manuskript vor: «Einspruch und Zuspruch. Gespräche und Aufsätze zur Literatur» und «Wortverliebt und unbesonnen. Annäherungen an Clemens Brentano». Sie können hoffentlich in absehbarer Zeit ediert werden.

Seine Tätigkeit hat Anton Krättli rückblickend kürzlich folgendermassen charakterisiert: «Zeitschriftenarbeit verpflichtet denjenigen, der sich ihr verschreibt, von Monat zu Monat präsent zu sein und zu reagieren. Er kann sich nicht an ein grösseres zusammenhängendes Thema wagen. Aber diese Arbeit ist — über die Jahre hinweg betrachtet — ein Ganzes, ein Zusammenhang.» Für die beharrliche Arbeit am Ganzen sind wir Anton Krättli zu Dank verpflichtet, und wir freuen uns, dass wir an seinem Suchen nach dem Zusammenhang auch in Zukunft teilhaben dürfen.

Als Quintessenz dieses kollegialen Dankes und als Ausblick auf die Zusammenarbeit mit einem neuen Kollegen sei hier ein Wort Gottfried Herders angeführt, das er seinen «Ideen zur Menschheitsgeschichte» (1784) vorangestellt hat.

«Wer daran denkt, wie gelegen ihm selbst zuweilen dieses oder jenes Buch, ja auch nur dieser oder jener Gedanke eines Buches kam, welche Freude es ihm verschaffte, einen andern von ihm entfernten und doch in seiner Tätigkeit ihm nahen Geist auf seiner eigenen oder besseren Spur zu finden, wie uns oft ein solcher Gedanke jahrelang beschäftigt und weiter führt: der wird einen Schriftsteller, der zu ihm spricht und ihm sein Inneres mitteilt, nicht als einen Lohndiener, sondern als einen Freund betrachten, der auch mit unvollendeten Gedanken zutraulich hervortritt, damit der erfahrenere Leser mit ihm denke, und sein Unvollkommenes der Vollkommenheit näher führe. Bei einem Thema wie das meinige . . . ist, wie ich glaube, eine solche Humanität des Lesers eine angenehme und erste Pflicht. Der da schrieb, war Mensch, und du bist Mensch, der du liesest. Er konnte irren, und hat vielleicht geirrt: du hast Kenntnisse, die jener nicht hat und haben konnte; gebrauche also, was du kannst, und siehe seinen guten Willen an; lass es aber nicht bei dem Tadel, sondern bessere und baue weiter. Mit schwacher Hand legte er einige Grundsteine zu einem Gebäude, das nur Jahrhunderte vollführen können, vollführen werden; glücklich, wenn alsdann diese Steine mit Erde bedeckt, und wie der, der sie dahin trug, vergessen sein werden, wenn über ihnen oder gar auf einem andern Platze nur das schöne Gebäude selbst dasteht.»

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1994 – Seite 3-5

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