Das Ganze im Teil – der Teil im Ganzen

Lesedauer: 10 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1993 – Seite 534-540)

IDENTITÄT UND HEIMAT

Exemplarisches zu «Identität» und «Heimat»

Geschichte und Landschaft sind Bestandteile schweizerischen Identität, und diese beruht auf dem Zusammenspiel von Vielfältigem und Kleinräumigem. Darum ist es auch so schwierig, darüber etwas Allgemeingültiges auszusagen. Die Schweizer Geschichte gibt es so wenig wie die Schweizer Kultur oder die Schweizer Landschaft. Auf diesem Hintergrund wird vielleicht auch das provokative Motto verständlich, das die Gestalter des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung in Sevilla zur Charakterisierung unseres Landes verwendet haben: «La Suiza no existe», die Schweiz existiert nicht. Gemeint war wohl nicht der paradoxe Hinweis auf eine angebliche Nicht- oder Nichtmehr-Existenz nach 700jähriger Geschichte, sondern die Tatsache, dass es kaum gelingt, die Schweiz als etwas Einheitliches und Abgeschlossenes zu definieren und ausstellungsgerecht zu präsentieren. Die Schweiz existiert seit ihren Anfängen als ein «patchwork», das sich aus einer Vielfalt von lokalen, regionalen und kantonalen Geschichten und kleinräumigen Landschaften zusammensetzt.

Ein von Guy P. Marchai und Aram Mattioli herausgegebener Sammelband vereinigt unter dem Titel «Erfundene Schweiz/La Suisse imaginée», eine Fülle von Beiträgen in deutscher, französischer und italienischer Sprache, welche Gegenstand eines Kolloquiums zum Bundesjubiläum in Luzern gewesen sind1. Die «Akademie 91», welche das Kolloquium organisierte, hat nun verdienstvollerweise die vielfältigen Diskussionsbeiträge einer grösseren Leserschaft zugänglich gemacht. Das Thema «Nationale Identität» ist in der Zwischenzeit weit über die Schweiz hinaus noch aktueller geworden. Das «Auf und Ab der nationalen Befindlichkeit» bzw. die «Konjunkturen nationaler Erregbarkeit» sind ins Zentrum des Interesses gerückt, und man spricht heute vor allem in Deutschland nicht nur von einem Zuviel an Identitätsbewusstsein, sondern auch von den Gefahren eines Vakuums in diesem sensiblen Bereich des menschlichen und politischen Haushalts der Gefühle. Ob die wegleitende These von Hansjörg Siegenthaler (S. 23), «nationale Identität» sei ein «mentales Konstrukt», ein Produkt des Geistes, auf diesem Hintergrund durchgehalten werden kann, bleibt offen und weckt Widerspruch. Wie sich «kommunikative Prozesse» «mit erheblicher Wirkung auf individuelle Identität intersubjektivieren» (!), kann anhand von vielfältigen, zum Teil hochstehenden, aber leider teilweise auch schwer verständlichen Texten nachvollzogen werden.

Dass die Schweiz ein «patchwork» ist, in dem Mentales aber eben auch Emotionales zusammengefügt wird und zusammenspielt, kommt in Neuerscheinungen immer wieder zum Ausdruck. In zahllosen, häufig kunstvoll illustrierten Bänden und Broschüren werden einzelne Gebiete der Schweiz liebevoll untersucht und beschrieben. Exemplarisch soll hier auf drei weitere Werke aufmerksam gemacht werden, welche sich speziellen Bereichen zuwenden, und welche – jedes in seiner Weise – Sachkunde mit der Liebe zum Detail verbinden und damit einen Beitrag zur Heimatkunde (im besten Sinn) leisten.

Vom «Kantonschronisten» zum Autorenkollektiv

Ein schönes Beispiel für die Nachführung einer Kantonsgeschichte bis in die Gegenwart ist die «Geschichte des Kantons Thurgau» von Albert Schoop, von der die ersten zwei Bände erschienen sind2. Ein dritter Band ist in Vorbereitung. Schoop schliesst an die klassischen Thurgauer Heimatgeschichten von Pupikofer und Sulzberger an und beginnt mit der thurgauischen Freiheitsbewegung im Zusammenhang mit der Französischen Revolution. Das Dokument, in welchem die Thurgauer zum Ausdruck bringen, dass man sie nicht mehr länger «als geduldiges Lasttier ungestraft beladen» konnte, trägt zwar die zurückhaltende Überschrift: «Unmassgebliche Vorschläge eines thurgauischen Volks-Freundes» (es handelt sich um einen anonymen Aufruf des Junkers von Gonzenbach). Welch ein Gegensatz zum revolutionären Pathos der «Marseillaise» . . . Aber überschwengliche Gefühlsäusserungen und pathetische Worte entsprechen nicht dem Naturell der Thurgauer. Dies kommt auch in der durchaus nüchternen Schilderung historischer Ereignisse von Schoop zum Ausdruck – kein Hymnus an einen Sonderfall des Sonderfalls und keine Verherrlichung lokalpatriotischer Grössen, sondern jenes Augenmass, das die Proportionen wahrt, wenn es darum geht, im Mikrokosmos der Regionalgeschichte die grossen Linien der allgemeinen Geschichte sichtbar zu machen.

Die berühmte Frage, ob es Persönlichkeiten sind, die Geschichte machen oder ob es die Geschichte ist, welche einzelne Persönlichkeiten in den Vordergrund rückt, bleibt offen. Durch eine Anzahl von eingeflochtenen Kurzbiographien wird das Wirken einzelner Politiker gewürdigt. Hervorgehoben werden insbesondere der Weinfelder Paul Reinhart, der aus Egelshofen (Kreuzungen) stammende Landammann Johannes Morell, der Arzt Johann Konrad Freyenmuth aus Wigoltingen, der liberal-konservative Landammann Joseph Anderwert, der Führer der thurgauischen Regenerationsbewegung Pfarrer Thomas Bornhauser aus Weinfelden sowie sein aus der Innerschweiz stammender und später aus Ölten in den Kanton Thurgau geflohener Mitstreiter Joachim Leonz Eder, der bedeutendste und über die Schweiz hinaus erfolgreichste Thurgauer Politiker und Diplomat Johann Konrad Kern (der deutschsprachige Redaktor der Schweizerischen Bundesverfassung von 1848), der Jurist und Bundesrichter Karl Kappeier, der den Kanton Thurgau während 33 Jahren im Ständerat vertreten hat und sein zeitweiliger Kollege im Bundesgericht und im Ständerat Eduard Häberlin, Bundesrat Fridolin Anderwert, der 1881 als Bundespräsident freiwillig aus dem Leben schied, Bundesrat Adolf Deucher aus Steckborn, Nationalrat Alfons von Streng, Regierungsrat Emil Hofmann, Bundesrat Heinrich Häberlin sowie die Regierungsräte Anton Schmid und August Roth. Im Band II erhalten folgende Persönlichkeiten eine eigene Rubrik: Frau Anna Walder (1884-1986), Kämpferin für die Gleichstellung der Frau, der Gutsherr der Karthause Ittingen, Oberst Viktor Fehr (1846-1938) sowie der Tägerwiler Professor Hermann Müller-Thurgau, ein Pionier des Weinbaus, dem die erfolgreiche Kreuzung von zwei Rebsorten gelungen ist, und der damit nicht nur seinen eigenen Namen, sondern auch den seines Herkunftskantons in die Annalen der Weingeschichte eingetragen hat. Weiter sind die Industriepioniere Johann Joseph Sallmann, ein Immigrant aus Sachsen, Adolph Saurer, Gründer von Saurer Arbon, sowie der Kartograph Johann Jakob Sulzberger mit Kurzbiographien vertreten.

Die Auswahl der Kurzbiographien beschränkt sich im Band I auf Politiker. In einer «Galerie berühmter Thurgauer» dürften wohl Namen wie der aus Diessenhofen stammende Pädagoge Rudolf Hanhart (1780-1856), der 1867 bei Frauenfeld geborene Bauerndichter Adolf Huggenberger, der Berlinger «peintre naif» Adolf Dietrich, der aus Kesswil stammende Pädagoge, Psychologe und Philosoph Paul Häberlin, der in Kreuzungen Seminardirektor war, und einer seiner spätem Nachfolger, Willy Schohaus, nicht fehlen. Auch verschiedene bedeutende hohe Offiziere stammten aus dem Kanton Thurgau und würden eine spezielle biographische Erwähnung ebenso verdienen wie die Politiker und Industriellen. (Dies als Anregung für die geplante Fortsetzung des Werks.)

Ein Glanzstück von Schoops Kantonsgeschichte bilden die Kapitel über die Regenerationszeit 1830-1837 und über die Zeit des thurgauischen «Triumvirats» 1837-1849, in dem die Geschichte des Kantons Thurgau über den im Arenenberg am Untersee aufgewachsenen Prinzen Louis Napoleon, dem späteren Kaiser Napoleon III., direkt mit dem europäischen Geschehen verbunden ist. Der Kanton Thurgau spielte damals in der Schweiz eine wichtige Rolle. Er war der erste Kanton, der schon in den dreissiger Jahren die Bundesrevision anregte, und der sich aktiv gegen den Sonderbund stellte. Die Thurgauer waren «unter den rührigsten und wackersten beim neuen Bau… Freuen wir uns, dass wir imstande sind, mitten im Gewühle der Völkerwirren um uns, frei, selbständig und friedlich Hand anzulegen an das Werk einer Bundesreform, die nur der Anfang kräftiger, grösserer und reinerer Errungenschaften sein wird», schrieb «Der Wächter» am 3. August 1848 (S. 132, Bd. I). Anlässlich des 150-Jahr- Jubiläums unseres Bundesstaates wird man auf die wichtigen Jahre der Regenerationszeit ein spezielles Augenmerk richten müssen, und dann wird auch erneut an die Bedeutung der Beiträge aus dem Kanton Thurgau zu erinnern sein. Eine sorgfältige Lektüre des hier besprochenen Werks ist allen, die sich mit dieser verfassungsgeschichtlich entscheidenden Epoche befassen, wärmstens zu empfehlen.

Im Vorwort zum Band II formuliert Schoop so etwas wie eine Apologie der persönlich gefärbten Geschichtschreibung und einen etwas wehmütigen Abschied von dieser so reichen Tradition. Der heimatgeschichtlich interessierte Leser bedauert natürlich eine Entwicklung, in der «Kantonschronisten» wie etwa Walter Schläpfer für Appenzell Ausserrhoden oder Georg Thürer für Stadt und Kanton St. Gallen und neulich auch Thomas Wallner für den Kanton Solothurn selber zu historischen Erscheinungen werden und ohne Nachfolger bleiben, da spezialisierte Autorenkollektive sie ablösen – nicht ersetzen. Schoop stellt mit guten Gründen fest: «Eine Geschichte, das heisst doch, dass es auch andere geben kann. Der Verfasser geht von der Erkenntnis aus, dass es heute unmöglich ist, als Einzelner eine Geschichte des Thurgaus von der Cruna Frühgeschichte bis zur Verfassungsabstimmung von 1987 zu schreiben Die letzten fünfzig Jahre hat der Verfasser erlebt und so erzählt, wie er es als Zeitgenosse selber sah. Er hat sich um Objektivität bemüht, die Quellen aus der Zeit sprechen lassen; er wollte gerecht sein, abwägen. Doch in den sechs Kapiteln der Jahre nach 1945 schimmert das persönliche Erleben und das nicht selten auch kritische Urteil durch. Ohne dieses subjektive Element und ohne autobiographische Bezüge lässt sich keine Zeitgeschichte schreiben.» Dazu ist kaum etwas zu ergänzen, ausser vielleicht eine Erweiterung ins Allgemeine – kann man überhaupt etwas schreiben, das völlig frei ist von «autobiographischen Bezügen?»? Der Leser ist dem Autor besonders dankbar für die immer wieder spürbare persönliche Verbundenheit mit seinem Stoff. Nur so wird eine Geschichte zur Heimatgeschichte und erlaubt Identifikation und Widerspruch. Von innerem Engagement zeugt es, wenn etwa in einer Bildlegende ein Gebäude nicht als «abgebrochen», sondern als «zerstört» bezeichnet wird, oder wenn die Freude durchschimmert über die Rettung der «Traube» in Weinfelden, die in letzter Minute doch noch möglich wurde, und über die Tatsache, dass das 1958 aus London zurückgekaufte Graduale aus dem Frauenkloster Katharinental «von Zeit zu Zeit auch im Schloss Frauenfeld ausgestellt werden darf».

Der zweite Band der Geschichte des Kantons Thurgau ist unter Mitwirkung von Albert Schoop von einer «Autorengemeinschaft aus qualifizierten Kennern der Sachbereiche» zusammengestellt. Was damit an Fachwissen und Spezialkenntnissen gewonnen wurde, ist an heimatgeschichtlichem Charme verlorengegangen. Wir haben es mit einem sorgfältig zusammengestellten Sammelband zu tun, wobei die einzelnen Beiträge wenig Bezug nehmen aufeinander. Dies ist aus organisatorischen und terminlichen Gründen wohl kaum zu vermeiden, es ist aber trotzdem bedauerlich. Im abschliessenden Band III wünscht sich der Leser ein Personenund wenn möglich auch ein Sachregister für alle drei Bände. Es würde dazu beitragen, dass das Werk auch zum Nachschlagen anregt.

Kleinstadt – Zwischen Behagen und Unbehagen

Ein besonders gelungener Bild- und Sammelband ist von der Einwohnergemeinde Ölten herausgegeben worden. Er dokumentiert die Entwicklung «vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol»3, wie es im stolzen Untertitel heisst. Ausgangspunkt ist auch hier das Jahr 1798, in welchem der für die kommenden Jahrhunderte entscheidende «Transformationsprozess» einsetzte. Die wirtschaftlichen und sozialen Fragen stehen mit guten Gründen und bezeichnenderweise in einer Ortsgeschichte im Zentrum des Interesses. Weite Teile der Schweiz waren vor dem Anbruch des Industriezeitalters von Armut und Hunger geprägt, und man betrachtete die Armut als ein von Gott auferlegtes Schicksal. Wer heute die Voraussetzungen der ökonomischen Transformation nach der Befreiung vom Joch des stalinistischen Parteifeudalismus im ehemaligen Ostblock studiert, findet für den Verlauf dieses Prozesses vielleicht wichtige Anhaltspunkte in der Geschichte des «Wirtschaftswunders», das sich im 19. Jahrhundert in der Schweiz abspielte. Wer Hunger litt, konnte sich bei der Armen-Commission melden und erhielt eine «täglich auszumalende Sparsuppe», aber nur wenn er sich verpflichtete, «den Besuch aller Wirths-, Schenk- und Kaffeehäuser und Schnapsboutiquen zu meiden». Dass es so etwas wie ein Gratisessen im Leben nicht gibt, haben also die Oltener Bedürftigen schon hundert Jahre vor Milton Friedman am eigenen Leibe erfahren. In diesem Boden ist denn auch die Mentalität des Gewerbefleisses verwurzelt, die um die Jahrhundertwende unter Ausnützung der Verkehrslage zu einem starken Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum geführt hat. Der Aufstieg der Schweiz von einer der ärmsten zu einer der reichsten Nationen wird heute häufig mit dem Glück der Verschonung in zwei Weltkriegen begründet, dabei wird ausser Acht gelassen, dass das eigentliche Wirtschaftswunder schon vor dem Ersten Weltkrieg in die Wege geleitet worden ist. An seinem Ursprung steht eine optimale Kombination von Leistungsbereitschaft, Sparwillen und Freihandel. Die Geschichte der Einwohnergemeinde Ölten liefert hiezu eindrückliche und statistisch wie quellenmässig und auch bildlich gut dokumentierte Beispiele. Wirtschafts- und Sozialgeschichte, welche auch die grosse Rolle der Familie, der Alltagskultur, der bildenden Kunst und der Musik, des Gesundheitswesens, der Bau- und Verkehrsgeschichte und der Pressegeschichte miteinbezieht, ist vielleicht nur am lokalen Beispiel mit der notwendigen Anschaulichkeit darzustellen. Auch die Politik, lokale, kantonale und eidgenössische, wird miteinbezogen, und die wichtigste politische Assoziation, die man gewöhnlich mit Ölten verbindet, das «Oltener Aktionskomitee» des Generalstreiks von 1918, wird in seiner lokalgeschichtlichen Bedeutung relativiert. Ölten war keineswegs ein Zentrum des Sozialismus, und die Bürger von Ölten wiesen schon damals darauf hin, dass die von Grimm gewählte Bezeichnung, welche nur auf den Ort der Gründung Bezug nimmt, ein «Namensmissbrauch» sei. Als Bürgerammann Meier im Januar 1912 in Ölten die «Vaterländische Vereinigung» gründete, hatten sich innert Kürze über 1200 Mitglieder eingeschrieben (S. 236). Ölten präsentierte sich in der Zwischenkriegszeit als wachsende, offene und geordnete Kleinstadt mit bedeutungsvollem Dienstleistungssektor und verkörpert somit eine Art «helvetisches Mittel». Zum Problem der multikulturellen Gesellschaft bemerkt André Schluchter folgendes, das weit über den lokalen Bereich hinaus vernommen werden sollte: «Viele von uns empfinden sie (die Ausländer) als ungerufene fremde Gäste, die begehrliche Blicke auf unsere reich gedeckten Tische werfen. Wie die Geschichte zeigt, haben an diesen Tischen, nicht zu unserem Nachteil, schon viele Fremde Platz genommen.» (S. 402). Über Oltens Selbstverständnis im Wandel der Zeit lesen wir bei Ruedi Nützi folgendes, das auch für das Unbehagen in anderen Kleinstädten der Schweiz und vielleicht sogar für den ganzen Kleinstaat Schweiz exemplarisch ist: «Die Frage nach dem Selbstverständnis der Oltener hat sich seit 1945 immer wiedergestellt Gerade weil die Stadtvon aussen verkannt wird, hat sie besondere Identitätsprobleme. Auch in den achtziger Jahren blieb die Frage offen, ob sich die Kleinstadt Ölten auf dem Weg zu einem nationalen Zentrum befindet oder lediglich wähnt.» Dabei gäbe es doch nichts Angenehmeres als die Eigenschaft, kein Zentrum für andere zu sein, sondern sich selbst ins Zentrum stellen zu können nach dem Motto «Pour vivre bien, vivons cachés» oder, frei nach Dürrenmatt: «Ich lebe lieber in einer kleinen als in einer grossen Pulverfabrik.»

Genauigkeit und Liebe zum Detail

Franziska Knoll-Heitz hat mit ihrem Werk über die Alp Piora oberhalb Airolo eine Landschaft porträtiert, die ihr während jahrelanger Ferienaufenthalte ans Herz gewachsen ist und für deren Schutz sie sich engagiert4. Die Autorin leistet damit einen Beitrag, der als «Literaturgattung» schwer zu klassifizieren ist, weil sie historisches, naturkundliches, wirtschaftliches und soziales Beobachten und Beschreiben miteinander verbindet und sich gleichzeitig für das Bewahren und die Pflege einsetzt. Der reich bebilderte und mit einer karthographischen Dokumentation ergänzte Band beschränkt sich nicht auf den naturschützerischen Appell. Es geht der Autorin nicht um eine Unterschutzstellung mit Zäunen und Verboten, sondern um ein Konzept, das im weitesten und besten Sinn pädagogisch ist. Die Landschaft soll so, wie sie ist erforscht werden, und die Forscherinnen und Forscher sollen dabei nicht nur wichtige Erkenntnisse über Zusammenhänge in der Natur und von Natur und Kultur entdecken, sondern auch teilhaben am Erlebnis, das eine besondere Gegend unseres Landes bei jenen hervorrufen kann, die ihr nicht nur mit wissenschaftlichem Interesse, sondern auch mit Liebe begegnen. Aus dieser Sicht ist das vom «wwf», Sektion der Svizzera Italiana, geförderte und in deutscher und italienischer Sprache herausgegebene Werk mehr als eine Dokumentation. Es ist eine wichtige, zeitgemässe, originelle und in ihrer Art exemplarische Publikation, welche dem Postulat des vernetzten Denkens, Empfindens und Handelns gerecht wird. Der Text ist vorbildlich gegliedert in eine Bestandesaufnahme, welche neben den natürlichen Gegebenheiten auch die anthropogenen Gegebenheiten der Alpwirtschaft, des Tourismus, des Militärs, der Wasser- und Energiewirtschaft und der Versorgung vorurteilsfrei darstellt. Anschliessend erfolgt eine Bewertung, welche die entscheidenden Konflikte sichtbar macht und auch karthographisch und tabellarisch festhält. Schliesslich wird auch die Frage «Was sollen wir tun?» gestellt und in einem Abschnitt über Planung – soweit dies möglich ist – beantwortet und in einem Problemkatalog aufgelistet, sofern sich noch keine befriedigenden Vorschläge und Kompromisse abzeichnen. Was hier anhand einer besonderen Landschaftskammer exemplarisch abgehandelt ist, kann im übertragenen Sinn für die ganze Natur- und Kulturlandschaft der Schweiz bedeutsam sein. Trotz unverkennbarem Engagement für vermehrte Zurückhaltung bei den anthropogenen Schäden ist die Publikation frei von jenem sektiererischen Eifer, der sich leider gelegentlich in vergleichbaren Schriften findet. Die Dokumentation, die in über zwanzigjähriger Forschungsarbeit organisch gewachsen ist, hält auch den Kriterien der Wissenschaftlichkeit stand, weil sie mit Genauigkeit und mit Sinn fürs wichtige Detail erarbeitet wurde. Dies ist für das Gelingen ebenso notwendig wie jene Liebe zum Thema, die nicht blind, sondern hellsichtig macht. Schade, dass im heutigen Wissenschaftsbetrieb Ehrungen mehrheitlich als Geschenke zwischen den bereits Etablierten ausgetauscht werden und kaum mehr zur Anerkennung von aussergewöhnlichen Leistungen abseits der universitären und professionellen Infrastrukturen. Das hier besprochene «Konzept für die Erhaltung einer Landschaft» ist eine solche Leistung, welche Massstäbe setzt im Bereich der Landschaftsplanung und Landschaftspflege und die allgemeine Beachtung verdient. Dem Buch ist eine grosse und interessierte Leserschaft und Käuferschaft zu wünschen und dem Konzept eine gute Weiterentwicklung und Realisierung. Der touristische Zustrom auf die einzigartige Alp sollte aber deswegen doch in Grenzen bleiben . . .

Robert Nef


1 Guy P. Marchai, Aram Mattioli (Hrsg.), Erfundene Schweiz/La Suisse imaginée, Konstruktionen nationaler Identität/Bricolages d’une identité nationale, Zürich 1992, Chronos. – 2 Albert Schoop. Geschichte des Kantons Thurgau, Bd. 1, Chronologischer Bericht. Frauenfeld 1987, Albert Schoop u.a., Geschichte des Kantons Thurgau, Bd. 2, Sachgebiete 1, Frauenfeld 1992, Verlag Huber. – 3 Einwohnergemeinde Ölten (Hrsg.), Martin E. Fischer, Erich Meyer. Andre Schluchter u.a.. Ölten, Vom Untertanenstädtchen zum Wirtschaftspol, Ölten 1991, Dietschi Druck. – 4 Franziska Knoll-Heitz, Piora, Konzept für die Erhaltung einer Landschaft / Concetto per la conservazione di un paesaggio. Textband und Planbeilagen, Hrsg. WWF Sezione Svizzera Italiana, Lugano 1991, Tipo-Offset Centrale.

Schweizer Monatshefte – Heft 6, 1993 – Seite 534-540

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