Brücken statt Mauern

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(Schweizer Monatshefte – Heft 1, 1993 – Seite 7-9)

BLICKPUNKTE

Zwischen Durchlässigkeit und Schutz

Im Jahr 1993 wird die Europäische Gemeinschaft die innern Grenzen öffnen und damit den wesentlichen Schritt zum gemeinsamen Binnenmarkt vollziehen. Nach dem Fall der Berliner Mauer fallen nun auch die «wirtschaftlichen Mauern» der Zollschranken. Mauern als Grenzen haben immer etwas Willkürliches, und Grenzen sind auch dort ein Produkt der Kultur (oder auch der Unkultur), wo sie sich an topographische Gegebenheiten anlehnen oder das Resultat historischer Machtkämpfe markieren. Wenn Mauern fallen und Brücken entstehen, bedeutet dies in erster Linie eine Verbesserung der Kommunikation und einen Fortschritt der menschlichen Kultur.

Grenzen sind aber nicht immer nur trennende Mauern, sie sind auch Elemente der Gestaltung, des Austauschs, der Aktion und Reaktion und der Entwicklung – alles Merkmale des biologischen Lebens. Ihre Funktion liegt – nicht nur in der Biologie – gerade darin, dass sie als «semipermeable Membranen» lebenswichtige Austauschprozesse ermöglichen. Ohne differenzierte Spannungszustände zwischen teilweise abgegrenzten Einheiten hört der biologische Lebensprozess auf.

Man sollte die Analogien zwischen Natur und Kultur nicht strapazieren, aber auch nicht unterschätzen. Es gibt auch im politischen und wirtschaftlichen Leben so etwas wie eine Dialektik von Ausgrenzung und Eingrenzung, und häufig führt die Überwindung der innern Grenzen zur Verstärkung der äussern.

Die Schweiz hat sich durch ihr Nein selber – wenigstens formell – aus dem Europäischen Wirtschaftsraum ausgegrenzt, und vielleicht erwächst ihr daraus die Aufgabe, an die Bedeutung der Durchlässigkeit äusserer Grenzen dieses Raumes zu erinnern – nicht nur im eigenen Interesse . . .

Es darf nicht in dem Sinn zu einem «Binnenmarkt-Egoismus» kommen, dass der europäische Osten, die Entwicklungsländer im Süden, die traditionellen Bündnispartner in Amerika und die globalen Wirtschaftspartner im Fernen Osten zum Ziel einer diskriminierenden EG-Handelspolitik werden, welche der Idee des offenen Welthandels widerspricht. Die Öffnung nach innen darf nicht um den Preis von neuen, gegen aussen gerichteten Diskriminierungsgrenzen führen.

Die Schweiz kennt das Problem der Aus- und Eingrenzung, der Distinktion und Integration seit ihrem Entstehen. Der mythische Rütlischwur ist eine gemeinschaftliche Abgrenzung gegen fremde Macht, und die Öffnung des Gotthardpasses durch den Bau der Teufelsbrücke ist eine kommunikative und integrative Leistung. Die beiden Ereignisse sind wohl nicht zufällig zeitlich miteinander verknüpft. Karl W. Deutsch, der im letzten Jahr verstorbene bedeutende Politologe – übrigens ein besonderer Connaisseur unserer Geschichte -, hat die für Europa entscheidende Bedeutung der Öffnung des Gotthardpasses im 13. Jahrhundert mit der Entdeckung Amerikas im 15. Jahrhundert verglichen. Seine 1976 verfasste kleine Schrift «Die Schweiz als paradigmatischer Fall politischer Integration»1 ist gerade heute wieder lesenswert, weil sie kein Zeugnis blinder Liebe zum «Sonderfall» ist, sondern auch auf die Gefahren des Konservativismus hinweist. Der Titel muss zwar vom politologisch unbelasteten Leser zuerst entschlüsselt werden, aber er wurde wohl mit Vorbedacht fachterminologisch verfremdet. Karl W. Deutsch sieht ein Hauptproblem darin, dass es in einer Gemeinschaft nicht einfach ist, den notwendigen Wandel mit der Bewahrung der eigenen Identität zu versöhnen. Er wünschte der Schweiz schon vor fast zwanzig Jahren eine eigenständige «zweite Aufklärungs- und Reformbewegung» und warnt zugleich davor, sich an ein «Europa der Kartelle und der Grossbanken» anzugliedern. Dies wäre – nach Deutsch – die Wiederholung des Fehlers, den die schweizerische Elite im 17. Jahrhundert beging, als sie sich an die europäischen Feudalfürsten anpasste. Dies habe zu einer «Erstarrung in patrizischen Formen» geführt, und diese «Erstarrung in verfehlter Angleiehung» konnte nur durch den Einmarsch der französischen Revolutionstruppen und um den Preis der Unabhängigkeit wieder gelöst werden. Eine neue politische Integration erfolgte später in den wichtigen Phasen, die wir als «Mediation», «Restauration» und «Regeneration» bezeichnen, und in denen in optimaler Ausnutzung der aussenpolitischen Konstellationen die Unabhängigkeit wiedererlangt wurde.

Politische Integration kann aus der Defensive heraus erfolgen oder aus der Offensive, und es ist eine altbekannte Erscheinung, dass gesteigerte Abgrenzung gegen aussen ein Mittel ist, die Einheit im Innern zu festigen. Wie aber, wenn es – wie gegenwärtig in der Schweiz – gerade das Problem von Anpassung und Widerstand gegen aussen ist, welche die Grenze im Innern verschärft? Grenzen können als «frontières» militärisch aggressiv gedeutet werden. Für einen Brückenschlag eignet sich die italienische Bezeichnung «confine» besser: gemeinsames Ende und gemeinsamer Anfang. Möglicherweise liegt im schmerzhaften Bewusstwerden der Grenze am «Röschtigraben» auch eine Chance, eine Gelegenheit, Mauern durch Brücken zu ersetzen.

Die deutsche Bezeichnung «Grenze» ist ein Lehnwort aus dem Polnischen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Land, das im Laufe seiner Geschichte so viele und blutige Grenzkonflikte, Grenzverschiebungen und Teilungen durchmachen musste, der deutschen Sprache die Bezeichnung «grantca» inkorporiert hat. Die Vergangenheit und Gegenwart Polens enthält nicht nur Zeugnisse des destruktiven Wahns der Grenzziehung, sondern auch Hinweise auf Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit Grenzen. Eine sehr lesenswerte und schöne Publikation zu Polen und zur Geschichte seiner Westgrenze im Gebiet von Pommern liegt aus der Feder von Christian Graf von Krockow vor2. Der Autor stammt selber aus diesem Grenzgebiet, und er lässt es zum Symbol werden für die menschliche Konstanz im Wandel der politischen Zugehörigkeiten. Eine der zahlreichen Weisheiten, die in der kleinen Schrift verborgen sind, lässt sich sowohl auf innere und äussere Grenzen anwenden und eignet sich daher als Leitmotiv beim Jahreswechsel:

«Grenzen verhärten und verschliessen sich, wenn man sie antastet. Sie können zu Brücken werden, wenn man sie anerkennt. Das ist die alte und immer neue, unter allen Vorzeichen wiederkehrende Erfahrung, die im schlechthin Menschlichen wurzelt: Unsicherheit weckt Angst und macht aggressiv; innere und äussere Sicherheit dagegen ermöglicht Offenheit und Austausch.»

Robert Nef


1 Karl W. Deutsch, Die Schweiz als paradigmatischer Fall politischer Integration, Bern, 1976. – Christian Graf von Krockow, Krokowa oder die Wiederkehr der Geschichte, Schriftenreihe der Vontobel Holding, Zürich, 1991, Eigenverlag.

«Wir Schweizer brauchen uns vieler Besonderheiten nicht zu schämen. Wir sollten vielmehr den Mut haben, dazu zu stehen, und unsere Kräfte darauf zu konzentrieren, die ‘schweizerische Kleinwelt), unser eigenes Haus, so zu erneuern, dass es wieder zum Vorbild wird. Mut zur schweizerischen Kleinwelt bedeutet auch keinen ‘Alleingang’. Wir bleiben so oder so weltoffen sowie solidarisch mit der Völkergemeinschaft im weitesten Sinn, und leisten uns selber, aber auch Europa und der Welt, damit den besten Dienst.»

Hans Letsch, Soziale Marktwirtschaft als Chance,
Die Schweiz auf dem Prüfstand, Aarau 1992, S. 234

Schweizer Monatshefte – Heft 1, 1993 – Seite 7-9

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