Fremdenangst – in uns selbst

(Schweizer Monatshefte, Heft 10, 1992, Seite 770-772)

Zwischen Hoffnung und Heimweh

Es gibt Unverzeihliches, das man zwar verstehen kann aber trotzdem verurteilen muss, und dazu gehört die Xenophobie. Das Fremdwort ist genauer als seine geläufige Übersetzung mit «Fremdenfeindlichkeit» oder «Fremdenhass». Die Angst vor dem Fremden, vor dem Fremdling und Gast, ist ein Gefühl, das offenbar tief in jedem Menschen verwurzelt ist. Angst kann nicht nur «die Seele aufessen», sondern auch Aggressionen wecken und in Hass umschlagen und damit jenen Teufelskreis auslösen, der Gewaltausbrüche wie in Rostock zur Folge hat. Die Kennzeichnung als «typisch deutsches» bzw. als «typisch postkommunistisches» Problem greift zu kurz.

Max Picard hat seine 1946 publizierte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus mit dem vielsagenden Titel «Hitler in uns selbst»1 versehen. Er erklärt darin vieles, ohne es zu rechtfertigen oder auch nur zu tolerieren, und das für die Zeit geschriebene Buch ist über die Zeit hinaus aktuell geblieben – mit allen Ausrufe- und Fragezeichen, die man heute als Leser bei der Wiederlektüre unterstreichen und neu setzen mag. Der hitlersche Nationalsozialismus ist Geschichte, aber eine neue populistisch angeheizte Mischung von Nationalismus und Sozialismus liegt – vor allem in Osteuropa – in der Luft. Trotzdem sollte man angesichts der blindwütigen Ausbrüche von Fremdenhass in Deutschland nicht mit blindem Antigermanismus reagieren.

Für Max Picard zeigt sich im Nationalsozialismus ein deutliches Phänomen, «das überall im deutschen Volk vorhanden war, und nicht nur im deutschen Volk, sondern in fast allen Ländern der Erde»sup>2. Er demonstriert damit, wie man gleichzeitig auf Schuld und Verantwortung hinweisen kann, ohne selber pharisäerhaft und überheblich zu werden und damit weitern Hass zu schüren. Es geht nicht um Rache und auch nicht um Ausgrenzung und Anprangerung. sondern um Hilfeleistung. «Und das ist der Grund, weshalb man den Deutschen helfen muss: die Anfänge zu einem so ungeheuren Monument des Bösen sind in allen Völkern vorhanden. In Deutschland zeigte sich als ein Ganzes und brach zusammen als ein Ganzes, was in der Anlage heute bei allen Völkern vorhanden ist.3» Versöhnlich stimmt auch die folgende Feststellung, welche die zwar unerbittliche Diagnose mit den Chancen einer Therapie verknüpft: «Diese Formung der Krankheilsstoffe zu einer deutlichen Krankheit gehört schon zum Prozess der Heilung: nun ist die Krankheit sichtbar, man kann sie genau untersuchen
und bekämpfen.4»

Vielleicht kann Xenophobie nur wirksam untersucht und bekämpft werden, wenn man versucht, in ihren massenmedial vermittelten pathologischen Ausprägungen auch das Normale zu sehen und zu deuten. Angst weckt ja in vielen Fällen nicht nur selbstzerstörerische Aggressionen, sondern auch notwendige Überlebenskräfte. Nicht nur im Märchen geht es darum, das Fürchten zu lernen, um seine nützlichen und schädlichen Komponenten zu erkennen. Auch in der Realität des individuellen und kollektiven Lebens wird Angst wohl nicht ohne Grund zur Begleiterscheinung von Entwicklungsprozessen und der richtige Umgang mit ihr zum Rezept des Überlebens.

Das Wort «Angst» hängt sprachlich mit «eng» zusammen und verweist auf den Zwiespalt zwischen Geborgenheit und Offenheit. «Stets neigt der Mensch dazu, den kleinen Kreis, in dem er lebt, für den Mittelpunkt der Welt zu nehmen und seine individuelle Lebensweise zum Massstab des Universums zu erheben. Aber er muss die eitle Anmassung, diese engstirnig provinzielle Art, zu denken und zu urteilen, aufgeben… » So sieht es der Philosoph und der differenzierte weltbürgerliche Intellektuelle Ernst Cassirer5. Die Welt besteht aber nicht nur aus weltoffenen Intellektuellen, und nichts rächt sich mehr, als die Missachtung und Unterschätzung von Gefühlen. Fremdenangst ist als Gefühl nichts Pathologisches. Fremdes bereichert uns und bedroht uns alle, aber nicht alle im gleichen Ausmass. Wer zur Elite gehört, wird eher die Bereicherung durch die Herausforderung des Anders-Seins empfinden, wer einen wenig spezialisierten Beruf ausübt, reagiert mit nachvollziehbaren Gründen empfindlich auf die Verschärfung seiner Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Wohnungsmarkt. Dies gilt ganz besonders in Zeiten wirtschaftlicher Rezession. Wer im Villenviertel wohnt, kann sich auch besser abschirmen vor der zunehmenden Unsicherheit, die nicht nur aber auch mit der Anwesenheit von zahlreichen Fremden zusammenhängt.

Der Markt ist beherrscht vom aktiven Prinzip Hoffnung, das auf Offenheit und Vielfalt angewiesen ist. Hoffnung und Heimat bleiben aber stets aufeinander bezogen – darauf hat Ernst Bloch6 aufmerksam gemacht, und Herbert Lüthy hat in seinen scharf beobachtenden Essays über «Tugend und Menschenrechte»7 auf die «Dialektik der Aufklärung» hingewiesen, die auch hier zu berücksichtigen ist. «Das zur Zeit allein aktive Prinzip Hoffnung des freien Marktes wirkt autonom als «permanente schöpferische Zerstörung) in Ökonomie, Gesellschaft und Umwelt. Doch oikos. das Stammelement der heute wohl meistzir- kulierenden Gemeinplätze, heisst in Ökonomie, Ökologie und Ökumene dasselbe: Haus, Häuslichkeit, Heimat. Dem Prinzip Hoffnung des homo faber (und consumptor) tritt in seiner zur Baustelle gewordenen Welt unvermutet das Prinzip Heimweh entgegen – Heimweh nach Natur, Heimat, Kinderglauben, Geheimnis. Beide Prinzipien sind in jeder Psyche vorhanden und kämpfen um ihre Geltung.»

Daheim-Sein hat etwas mit Geliebt-Werden und mit Lieben-Können zu tun, und dies wiederum mit unserem Verhältnis zum Nächsten und zu uns selbst. Am besten wissen das wohl nicht die Philosophen und Essayisten, sondern die Betroffenen selbst. In der Broschüre «Fremdsein in der Schweiz»8* hat ein Angehöriger der «zweiten Generation» seine Situation als Fremdling in wenigen Worten eindrücklich formuliert. «Wenn ich ausgehe, sagt meine Mutter, wann ich nach Hause kommen muss. Und wenn ich dann zu Hause bin, dann bin ich nicht zu Hause, weil meine Heimat auf dem Balkan liegt. Und wenn ich zu Hause auf dem Balkan bin, fragt man mich: Wann gehst du heim?» (Tihomir). Franziska, ein kleine Schweizerin meint «Nicht nur Menschen aus fernen Ländern
können sich hierfremdfühlen; auch ich, eine Schweizerin, fühle mich manchmal auf der Seite stehend.»

Es wäre eine intellektuelle und elitäre Anmassung, wenn wir dem «Prinzip Heimweh» als Sehnsucht nach Identität die Berechtigung absprechen würden. Aber wo ist der Punkt, an dem Identitätswahrung als Schutzbedürfnis in Angst, in Fremdenangst umschlägt, und unter welchen Bedingungen wird Fremdenangst zu Fremdenhass? Vielleicht muss die Abwehr des Fremden dort so aggressiv werden, wo die natürliche Verbundenheit zum Eigenen zu kurz kommt und wo die Kultivierung der Zuwendung zum Fremden. Andersartigen durch Überforderung erschwert oder verunmöglicht wird. Fremdenangst kann wohl nur überwunden werden, wenn wir sie als Bestandteil der «condition humaine» akzeptieren und wenn wir uns gegenseitig bei ihrer multikulturellen Bewältigung weder unter- noch überfordern.

Nur sorgfältige Pflege (cultura) kann Hoffnung und Heimweh ins Gleichgewicht bringen, und die Integration des Eigenen und des Fremden bleibt stets eine Frage des Masses und der Zeit.

1 Max Picard, Hitler in uns selbst, Erlenbach-Zürich 1946. – 2 a.a.O. S. 248. – 3 a.a.O. S. 351. – 4 a.a.O. S. 248. – 5 Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen (1944). dt. Übersetzung. Frankfurt am Main 1990. S. 34. – 6 Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung. 3 Bde., Frankfurt am Main 1959. – 7 Herbert Lüthy. Tugend und Menschenrechte. Zürich 1989, S.86. – 8 «Fremdsein in der Schweiz», hrsg. Eidg. Kommission für Jugendfragen. Bern 1989. S. 18.

«Jeder Staat versucht auf Kosten der anderen zu profitieren, unter scheinheiliger Berufung auf das Gemeinwohl wird Nationalegoismus betrieben.»

Willy Futterknecht. Das EG-Trugbild. Dokumente und Analysen eines Machtkampfes. Schaffhausen 1992. S. 215.

Schweizer Monatshefte, Heft 10, 1992, Seite 770-772

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