Geschichte – Brandherd der Politik

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(Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 1992 – Seite 655-657)

DAS BUCH

Es gibt Schriftsteller, die in ihrer eigenen Welt leben und blind sind für die politischen Umwälzungen in ihrer Zeit, es gibt aber auch Schriftsteller, die dank ihrer Sensibilität und ihrer geschärften Wahrnehmung der Kräfte, welche den Zeitgeist bestimmen, die gegenwärtige Lage hellsichtiger beurteilen als die Journalisten und weitsichtiger als die Politologen und Strategen. Der Kroatische Schriftsteller Ivan Aralica gehört zur zweitgenannten Kategorie. Er ist 1930 in Promina bei Knin geboren und war zunächst als Seminardirektor und als Chefredaktor tätig, bevor er 1967 sein literarisches Schaffen als Erzähler begann. Für seine Erzählungen, welche Stoffe aus der Geschichte Kroatiens und Bosniens aufgreifen (Die Hunde auf dem Markt, 1979; Traumloser Weg, 1982; die Sklavenseelen, 1984) erhielt er verschiedene Literaturpreise. Seine zwischen Dezember 1990 und April 1991 in der Zagreber Zeitschrift Vjesnik erschienenen Essays sind in einer deutschen Übersetzung im Verlag Consultation (Zürich und Prag) als Taschenbuch erschienen1. Die leider nicht durchwegs geglückten Übersetzungen sollten niemanden davon abhalten, die mit historischem Scharfsinn und mit einer höchst seltenen Mischung von Engagement und von Verständnis und Einfühlungsvermögen für entgegengesetzte Meinungen verfassten Texte zur Kenntnis zu nehmen.

Was wir in Westeuropa als «Zusammenbruch des Ostblocks» wahrgenommen haben und wahrnehmen, ist nicht nur ein national, regional und ethnisch höchst differenzierter Prozess, sondern es überlagern sich darin mindestens drei Grundthemen der Weltgeschichte: Scheitern eines Wirtschaftssystems. Abdankung einer Ideologie und Zerfall eines Imperialsystems. Der verbissene Kampf der Serben um die verlorene Hegemonie im ehemaligen Jugoslawien wird vielleicht auf dem Hintergrund seines Zusammenhangs mit «Geldbeutel und Grenzen» verständlicher, wenn auch nicht verzeihlicher. Dazu schreibt der Autor: «Die heutige serbische Führung, ausgesprochen bolschewistisch und ausgesprochen imperialistisch, ist weder sonderlich an irgendwelchen Grenzen interessiert noch an irgendwelchen Gebietsabgrenzungen. Denen geht es nur darum, dass die Geldbeutel nicht abgegrenzt werden und sie zum gemeinsamen Geldbeutel Zugang haben, wann immer sie wünschen». «Unter dem Deckmantel des Kampfes um Jugoslawien wird ein Kampffür die Existenz Serbiens geführt, weil Serbien das einzige europäische Imperium ist, das nach einem Zerfall der imperialen politischen Kohäsion und der Entstehung wirtschaftlicher Unionen ärmer sein wird, als die Teile, die sich verselbständigen werden.»

Das Niveau eines zeitgeschichtlichen Essayisten wird auch dadurch bestimmt. ob es ihm gelingt, in Anknüpfung an Zeit- und Situationsgebundenes, Allgemeingültiges und bleibend Aktuelles aufzuspüren und auszudrücken. Die Texte dieser Sammlung halten dem Test stand. Die Beobachtung, dass sich der Mensch noch schwerer von einem gemeinsamen Geldbeutel trennt, als von herkömmlichen Grenzen – vor allem, wenn er zu den Nettoempfängern gehört -, sollte auch im Hinblick auf die Aufhebung von Grenzen und auf die Schaffung neuer gemeinsamer Geldbeutel in Europa zu denken geben. Im abschliessenden Essay, «Am Ende vom Ende» kommt der Autor auf die ambivalente Rolle zu reden, welche die Emotionen in der Politik spielen. Er warnt vor allen Teufelskreisen des Hasses und stellt die Frage «Wie soll man diejenigen überzeugen, die für die bewaffnete Konfliktlösung sind, dass die friedliche Konfliktlösung für sie vorteilhafter wäre?» Bei aller Zurückhaltung gegenüber Voraussagen ist dem Autor wohl beizupflichten, wenn er folgende Prognose stellt: «Serbien wird in diesem Krieg verlieren, wie es in keinem Frieden jemals verloren hat…» Der Kampf, der zugunsten von Minderheiten von aussen geführt wird, hat sich in der Geschichte allzuoft letztlich gegen diese Minderheiten ausgewirkt. «Was der Krieg nicht schafft, vollendet der Exodus.» Endresultat einer Politik «die von der Forderung ausgeht ein ganzes Volk müsse in einem Staate leben, undfür die Nachbarn gelte das nicht.»

Robert Nef


1 Ivan Aralica: Das verblühte Imperium. Erste deutsche Ausgabe aus dem kroatischen Original. Consultation. Zürich und Prag 1991.

Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 1992 – Seite 655-657

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