Gegen braune und rote Fäuste

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(Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1992 – Seite 142-147)

Robert Nef

In memoriam Willy Bretscher

Willy Bretscher. Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» von 1933 bis 1967. ist am 12. Januar im 95. Altersjahr gestorben. Mit reger geistiger Anteilnahme und mit grosser Genugtuung hat er noch den Zerfall des Sowjetimperiums, mit dem die Phase des kalten Krieges ihren Abschluss fand, miterlebt. Sein starkes persönliches, publizistisches und politisches Engagement galt den zwei grossen Spannungsfeldern unseres Jahrhunderts, dem Kampf gegen den Nationalsozialismus und dem Kampf gegen den nach Weltherrschaft strebenden Kommunismus. Als markante Persönlichkeit hat er die Geschichte der Schweiz nicht nur mitgeschrieben, sondern als geistiger Kämpfer auch aktiv mitgestaltet – in erster Linie als Mann der Presse aber auch als Mitglied des Nationalrats und des Europarates und als mutiger Verfechter eines humanistisch fundierten Liberalismus. Sein Lebenslauf und Lebenswerk ist in der Tagespresse gebührend gewürdigt worden.

Willly Bretscher hat seine eigene Person nie in den Mittelpunkt gestellt, und es entspricht wohl seinem bescheidenen Wesen, wenn wir an dieser Stelle noch einmal die in Buchform erschienenen Sammlungen seiner Leitartikel in Erinnerung rufen und ihn in Auszügen selber zum Wort kommen lassen. Von der ersten grossen und historisch bedeutenden Epoche seines journalistischen Schaffens zeugt eine Sammlung von siebzig Leitartikeln, die er zwischen 1933 und 1944 für die «NZZ» verfasst hat und die unter dem Titel «Im Sturm von Krise und Krieg» 1988 wieder abgedruckt worden sind1. Zahlreiche Artikel enthalten zeitlos Gültiges, das auch nach mehr als fünfzig Jahren aktuell geblieben ist. So liest sich ein Kommentar zum «Frieden» von München vom 22. September 1938 wie ein Kommentar zum Golfkrieg 1991: «Jedesmal, wenn mit Gewalt oder auch mit der blossen Drohung mit Gewalt politische Umwälzungen hervorgerufen, staatliche Grenzen verändert werden, wird auch die Grundlage erschüttert, aufder ideell-rechtlich die Existenz unseres kleinen Staates beruht. » Der zeitgeschichtlich interessierte Leser der Nachkriegsgeneration findet in der Sammlung auch viel Zeitgebundenes. Retrospektiv kann man wohl nur schwer ermessen, welch hohen Stellenwert die eindringlichen Appelle zur geschlossenen Abwehr gegen Hitler- Deutschland als klares Wort zur rechten Zeit für die Meinungsbildung gehabt haben. Gab es doch gerade auch in der sogenannten intellektuellen und wirtschaftlichen Elite der Schweiz nicht wenige, die sich damals vom antidemokratischen und antibürokratischen «neuen Wind» des Führerprinzips und von einer «Neuordnung Europas» als Gegenmodell zum «Untergang des Abendlandes» faszinieren liessen. An diese Adresse gerichtet schrieb Bretscher am 22. Oktober 1938:

«Das eigentliche Gebot der Stunde ist die Verwirklichung des inneren Zusammenschlusses des Schweizervolkes, der Herstellung einer nationalen Einigkeit, die allen Prüfungen der Zukunft standzuhalten vermag. Die Verteidigung der schweizerischen Unabhängigkeit in den kommenden schweren Jahren darf und wird nicht darum scheitern, weil einige Verblendete die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen vermögen.» Und im selben Artikel mit dem auf den Zeitgeist und auf den Ernst der Stunde abgestimmten Pathos: «Alle Eidgenossen unter die Fahne mit dem weissen Kreuz im roten Feld zu sammeln, wird von nun an die Aufgabe eidgenössischer Staatspolitik sein.» So könnte man dies heute nicht mehr sagen, aber der Kerngedanke ist aktuell wie vor mehr als fünfzig Jahren . . .

Die klare Linie, von der Bretscher und auch seine Kollegen Schürch beim «Bund» und Oeri bei den «Basler Nachrichten» niemals abrückten, war die des kompromisslosen Widerstandes. Am 19. April 1940 kommentierte er die Weisungen des Bundesrates für die «Kriegsmobilmachung bei Überfall» wie folgt: «Die Erklärung des Bundesrates, jeden Kapitulationsgedanken grundsätzlich und a priori auszuschliessen ist psychologisch und materiell ausserordentlich glücklich und zweckmässig.» Er wahrte seine Linie auch dann und gerade dann, als die Landesregierung im Juli 1940 von deutscher Seite und auch von schweizerischen Wirtschaftskreisen auf einen Kurs der Anpassung gedrängt werden sollte. Bretschers namentliche Erwähnung beim – glücklicherweise erfolglosen – Einschüchterungsversuch des deutschen Presseattaches zeugt vom hohen Stellenwert der freien Presse im deutschsprachigen Raum, deren Kritik am Nationalsozialismus und an der deutschen Expansions- und Aggressionspolitik in Form und Inhalt und auch im Ton den absurden Vorwurf der «Hetze» Lügen straft.

Die klare Linie des Widerstands gegen äussere Bedrohungen mündete bei Bretscher nicht in einen innenpolitischen Immobilismus. 1941 meldete er sich mit dem auch heute wieder aktuellen Titel «Die Schweiz in veränderter Umwelt» zum Wort. «Die Erneuerung, von der man bei uns seit Jahren spricht und schreibt, kann nicht darin bestehen, dass wir unsjetzt in wilde und radikale Staatsreformen stürzen. Die Schweiz hat keinen Krieg verloren, die Schweiz ist nicht zusammengebrochen, ihre Einrichtungen haben nicht versagt. Das Schweizervolk hat daher keinen Grund, aus dem Staat herauszuflüchten, den es sich gebaut und den es seit 1848 durch Jahrzehnte fortentwickelt hat, um gerade in solchen welterschütternden Krisen wie der heutigen bestehen zu können. Gewiss sind unsere heutigen politischen Einrichtungen nicht der Weisheit oder der Geschichte letzter Schluss, gewiss werden wir auch in Zukunft an ihnen noch manches zu ändern und zu verbessern haben; aber wir werden nicht an den kleinen Unvollkommenheiten unserer Einsicht wegen scheitern, wenn wir sie im richtigen Geiste handhaben – denn der Geist ist’s der lebendig macht. Die Erneuerung deren wir bedürfen, liegt vor allem aufder moralischen Ebene, und die Verfassung der Einrichtungen muss sich aus der Wandlung der Gesinnung, des Denkens ergeben. Die echte, die innere Erneuerung besteht in dem sittlichen Verhalten gegenüber der Gemeinschaft, das zum höchsten Gesetz für den Einzelnen und für die Gesamtheit der Eidgenossen werden muss.»

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Bretscher zu den ersten Mahnern, welche erkannt hatten, dass die Igel-Mentalität des Neutralen durch den Geist der Öffnung und der Zuwendung, durch das Prinzip der Solidarität ergänzt und erweitert werden muss. In seinem Referat vor der ausserordentlichen Delegiertenversammlung der Freisinnig-Demokratischen Partei der Schweiz vom 28. Oktober 1945 hat er folgendes ausgeführt: «Nur in der Sphäre des abstrakten Denkens sind Solidarität und Neutralität – die Solidarität, auf welche die Charta der Vereinten Nationen abstellt, und die Neutralität, zu der sich die Schweiz bekennt- unvereinbare Gegensätze; in Wirklichkeit ist sehr wohl ein Ausgleich denkbar, wie ihn der Völkerbundsrat 1920 gefunden hat.» Die damals dargelegte Formel «Neutralität und Solidarität» hat später Bundesrat Max Petitpierre zur Maxime der schweizerischen Aussenpolitik erhoben.

Die Doppelbedrohung der freien Welt und vor allem Westeuropas durch die mit dem russischen Machtstreben verknüpfte kommunistische Heilslehre war das Grundthema des kalten Krieges. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 zeigt sich noch einmal, wie scharfsinnig Bretscher schon 1955 die Verstrickung dieser beiden Kräfte analysiert hat. In der Dezembernummer der «Politischen Rundschau» führte er dazu aus: «Das Bild wird noch klarer, wenn wir das kommunistische Imperium im Osten als eine im russischen Staat eingerichtete, mit diesem Staat identische Kirche oder Pseudokirche auffassen. Als Kirchenstaat und als Staatskirche kämpft dieses kommunistische Reich zugleich an der militärischen und politischen wie an der ideologischen Front, wobei es seine Gläubigen in den noch nicht vom Kommunismus eroberten Ländern sowohl unterstützt wie für sich werben und wühlen lässt. Der Vergleich mit dem Islam drängt sich auf, jener kriegerischen Staatsreligion der Araber, die jahrhundertelang gegen das christliche Europa anstürmte, um die Lehren des Propheten zu verbreiten».

Wir stehen ja heute nicht nur vor den Trümmern und Schuldenbergen des ideologischen und ökonomischen Theoriegebäudes des Marxismus-Leninismus, sondern auch mitten in der Auseinandersetzung um die Entkolonisierung und um die Diadochenkämpfe nach der Auflösung des Sowjetrussischen Imperiums. Die Bezeichnung «kalter Krieger» war zwischen 1968 und 1989 kein Ehrentitel. Man assoziierte damit die Eigenschaft der Sturheit. einen Mangel an ideologischer Gesprächsbereitschaft und Toleranz und eine unreflektierte Anti-Haltung. Wenn die Sammlung von Bretscher- Artikeln. welche von seiner Ehefrau, der Historikerin Katharina Bretscher- Spindler, kenntnisreich ausgewählt und einfühlsam kommentiert wird, den Begriff des kalten Krieges im Titel ausdrücklich übernimmt, wird dadurch eine gewisse nachträgliche Richtigstellung markiert2. Bretscher war ein engagierter Kämpfer in diesem Spannungsfeld, und seine Grundhaltung hat durch den Gang der Ereignisse eine nachhaltige Bestätigung gefunden. Seine Bedrohungsanalyse und die von ihm geforderten Gegenmassnahmen zeigen erneut, wie wenig er dem Cliché des sturen konservativen Anti-Kommunisten entsprach. Unter dem Titel «Geteilte Welt im Zwielicht der Entspannung» hat er in der bereits erwähnten Dezembernummer der «Politischen Rundschau» des Jahres 1955 folgendes ausgeführt3 (hier in extenso zitiert, weil der Text in der erwähnten Sammlung nicht enthalten ist):

«Die militärische Bedrohung durch den Ostblock muss durch eine entsprechende militärische Rüstung des Westens beantwortet werden, die stark genug ist, um Moskau von direkten oder indirekten kriegerischen Aggressionen abzuschrecken.

Die Gefahr der Ausbreitung des Kommunismus muss durch eine Politik bekämpft werden, die daraufangelegt ist, die Überlegenheit der freiheitlichen Ordnung praktisch zu beweisen. Diesem Zwecke werden wirtschaftliche und soziale Massnahmen in den einzelnen Staaten dienen, die dem Kommunismus den Nährboden entziehen; in der gleichen Richtung wird die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit in der freien Welt wirken, und nicht zuletzt sollte der Westen gegenüber den sogenannten unentwickelten Ländern eine Politik betreiben, die diesen die Durchführung von Reformen und die Erhöhung des Lebensstandards gestattet.

Die umstürzlerische Tätigkeit der kommunistischen «Fünften Kolonne» verlangt der jeweiligen Situation angemessene Massnahmen des Staatsschutzes, die nötigenfalls auch die Freiheit jener Gruppen und Parteien beschränken, welche die ihnen von der Demokratie gewährten Freiheiten nur dazu benützen wollen, um die Freiheit ein für allemal abzuschaffen.

Alle diese Gegenaktionen sind in gleichem Masse und zur gleichen Zeit notwendig. Es handelt sich dabei nicht um Alternativen, zwischen denen man wählen kann, sondern um Aktionen, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen müssen. Wer nur auf das hochgerüstete Russland sieht und deshalb meint, dass eine entsprechende Gegenrüstung des Westens zur Beschwörung der Gefahr genüge, befindet sich ebensosehr im Irrtum wie jener, die den Kommunismus ausschliesslich mit Sozialreformen bekämpfen zu können glaubt und die Illusion hegt und erweckt, dass man russische Panzer dadurch zum Stehen bringen könne, dass man den AHV-Ausweis schwenkt.» In aller Klarheit und Kürze hat Bretscher hier eine Strategie skizziert, die sich als erfolgreich erwiesen hat. auch wenn sie durchaus nicht konsequent und konsistent praktiziert worden ist.

Der kalte Krieg ist aber nicht das einzige Thema, das der engagierte Aussenpolitiker journalistisch bearbeitete. Das Einstehen für einen Geist der Öffnung und der Verbindung von liberaler Weltoffenheit und eigenständiger Kleinstaatlichkeit ist der «rote Faden» in einer grossen Zahl seiner Beiträge. So schreibt er etwa zur heute besonders aktuellen Frage der europäischen Integration und zur Rolle der Schweiz am 18. 3. 1959:

«Das Salzkorn der Erkenntnis, dass für einen Kleinstaat jedes Opfer von Souveränitätsrechten weit schwerer wiegt als für eine Grossmacht, und die dazu gehörende Einsicht, dass unser kleines, rohstoffarmes Land seine legitimen volkswirtschaftlichen Interessen mit besonderm Nachdruck und auch mit einer zuzeiten vielleicht für andere unbeqeuemen Hartnäckigkeit zu verteidigen berechtigt und verpflichtet ist, empfehlen sich als Beimischung einer aktiven und konstruktiven Anteilnahme der Schweiz an allen Versuchen, für die Lösung der schwebenden grossen Probleme jene Formen und Formeln finden zu helfen, in denen die bisherigen positiven Ergebnisse der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Gestaltwandel der Institutionen bewahrt und auch für die Zukunft fruchtbar gemacht werden können.»

Willy Bretscher hat seinen eigenen Wirkungskreis im Spannungsfeld von Regierungen. Parlamenten und öffentlicher Meinungsbildung angesiedelt. In einem zentralen Artikel der vorliegenden Sammlung charakterisiert er das wechselseitige Geben und Nehmen wie folgt: «. . . Die Bemühungen der Regierungen und Parlamente bedürfen der Unterstützung durch eine über die Hintergründe und Zusammenhänge der gegenwärtigen Situation aufgeklärte öffentliche Meinung.»

Hat der kalte Krieg mit einem Sieg der aufgeklärten öffentlichen Meinung geendet? Das Wort «Sieg» ist in diesem Zusammenhang kaum angebracht. Die «roten Fäuste» im ehemaligen Ostblock haben sich geöffnet und sind zur «hohlen Hand» geworden. Das Bild von der «liberalen Mitte» welche sich zwischen den linken roten und den rechten braunen Fäusten4 zu behaupten hätte, ist in verschiedenster Hinsicht unzutreffend. In der Mitte liegt nicht irgend ein Kompromiss. sondern das Problem der politischen Macht und der Schwierigkeit ihrer Begrenzung. Braune und rote Fäuste haben in totalitärer Manier bei der Lösung dieses Problems mit kollektivistischen Antworten aufgewartet und der Nation bzw. der Arbeiterklasse die Verantwortung überbürdet. Damit sind sie innerlich verwandt und historisch enger verknüpft und verstrickt als es eine ideologisch ausgerichtete Links/rechts-Schematik wahrhaben will. Die totalitären Anhänger verschiedener Spielarten des Kollektivismus ballen immer wieder ihre Fäuste, während die Liberalen sich mit offenen Händen auf die Seite des Individuums und an die Seite des Mitmenschen stellen wollen. Wer – wie Willy Bretscher – den liberalen Standpunkt mit «hochgemutem Pessimismus» bezüglich Kollektiven und mit humanistischem Optimismus gegenüber dem Individuum vertritt, kann die Befürchtung nicht unterdrücken, dass im ehemaligen Ostblock, die sozialistischen roten Fäuste durch «national-sozialistische» Verirrungen abgelöst werden, die zwar diese Bezeichnung nicht beanspruchen, aber ihrem Wesen nach dort anzusiedeln sind. Jedenfalls ist die freie Welt auch nach dem kalten Krieg auf Mahner und Kämpfer, wie Willy Bretscher einer war, angewiesen.

1 Willy Bretscher. Im Sturm von Krise und Krieg. Artikel von 1933 bis 1944. «NZZ»- Verlag. Zürich 1988.
2 Willy Bretscher. Spannungsfeld kalter Krieg. «Neue Zürcher Zeitung» 1945-1967. ausgewählt und kommentiert von Katharina Bretscher Spindler. «NZZ»-Verlag. Zürich 1991.
3 Willy Bretscher. Sowjetrussland nach Stalins Tod und Verdammung. «NZZ»Buchdruckerei. Zürich 1956. S. 10.
4 Mit dem Buchtitel «Gegen rote und braune Fäuste» hat Carl Böckli. der unvergessene Kämpfer für die Freiheit mit den Waffen des Humors. Chefredaktor am «Nebelspalter», seine «Karikaturensammlung 1933-1948» überschrieben, erschienen 1949 im «Nebelspalter»-Verlag in Rorschach.

Schweizer Monatshefte – Heft 2, 1992 – Seite 142-147

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