«Erziehung – warum und wozu?»

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(NZZ – BILDUNG UND ERZIEHUNG – Donnerstag, 18. Oktober 1990, Seite 82)

Eine kritische Zuschrift zur Anti-Antipädagogik

Dr. Jürg Frick skizziert in seinem Artikel «Erziehung – warum und wozu?» (NZZ Nr. 194) das Ideal eines «kooperativen Erziehungsstils». Die Liste der Merkmale ist eindrücklich, und sie kann einer ganzen Generation von verunsicherten «Bezugspersonen» feste Orientierungspunkte vermitteln. Ich werde trotzdem den Eindruck nicht los, dass mit dieser Anti-Antipädagogik das Pendel gefährlich stark in die sozial-technologische Richtung ausschlägt, die zu wissen behauptet, unter welchen Bedingungen «Kinder am erfreulichsten gedeihen». Erziehung wird aus dieser Sicht zu einer «schwierigen Arbeit» (!), «bei der man immer wieder – und hoffentlich auch immer weniger – Fehler macht». Der Autor des Artikels weist selber auf die äusserst hohen Anforderungen hin, «die zugegebenermassen nicht einfach zu erfüllen sind». Da haben wir es also wieder: Die Eltern und Erzieher sollen schrittweise aus dem Zustand der allgemeinen Unzulänglichkeiten herausfinden und zu jener Perfektion gelangen, die dem pädagogischen Anforderungskatalog entspricht, wie er als richtiger «Erziehungs- und Führungsstil den in den letzten Jahrzehnten gewonnenen Forschungsergebnissen» entnommen werden kann. Wie wenn man auf Grund einer «check-list» eine individuelle, wechselseitige, lebendige menschliche Beziehung gewissermassen mit dem Rotstift als «richtig» oder «falsch» taxieren könnte! Erziehung kann mit sorgenvollem Blick als ein mit grossen Risiken und hohen Ansprüchen verbundener Weg gedeutet werden oder aber als Wagnis, das mit spontaner Lebensfreude in der gemeinsamen Hoffnung auf die Erfüllung einiger (niemals aller) Chancen zu bestehen ist. Die Antipädagogik hat – wohl etwas einseitig – auf den zweiten Weg verwiesen; ob er immer einfacher ist als der erste, bleibe dahingestellt.

Natürlich haben – rückbückend gesehen – Erzieher als Pädagogen und Antipädagogen immer wieder Fehler gemacht, und die Geschichte der Erziehung ist vor allem auch die Geschichte der Fehler, die dabei gemacht worden sind (und vielleicht auch gemacht werden müssen), je fachmännischer. desto gründlicher, bei professionellen Erziehern mehr als bei Eltern, bei Vätern mehr als bei Müttern, die sich – trotz aller Pädagogik und Antipädagogik – glücklicherweise häufig auf das «Gefühl als Richtschnur» verlassen. Die Antipädagogik hat als Antwort auf den pädagogischen Machbarkeitswahn der letzten zwei Jahrhunderte mit ihrem anarchistischen «anything goes» reagiert und dabei ein Orientierungsdefizit oder, wenn man so will, eine Sinnkrise ausgelöst. Und nun kommt offenbar die Gegenreaktion, welche das «Gefühl als Richtschnur» wieder durch den kritischen Verstand ablösen will, Erziehung als «Arbeit» («Kraft mal Weg»), als eine Strategie des «Immer-weniger-Fehler-Machens»: Die antipädagogische Spontaneität soll durch eine Liste mit über 50 Merkmalen des elterlichen «Erziehungs- und Führungsstils» ersetzt werden, eine eindrückliche Liste, die wieder jene elterlichen Schuldgefühle vermittelt, welche offenbar als wichtigste Quelle erzieherischen Verantwortungsbewusstseins gilt. Führen statt Wachsenlassen . . .

Erziehung bildet einen zentralen Bereich im Leben des Individuums und in der Kultur der Gemeinschaft. Sie ist eine zu wichtige Sache, als dass man sie den Fachleuten der Pädagogik und der Antipädagogik überlassen dürfte, sie ist aber auch zu wichtig, um vor jeder wissenschaftlichen Reflexion abgeschirmt zu werden. Richtigerweise wird Erziehung immer wieder als wechselseitiger Prozess aufgefasst, bei dem die ethische Regel gilt, dass keiner der Beteiligten den andern zum Mittel seiner Zwecke machen darf. Beteiligt- und Betroffensein fällt zusammen, wie dies beispielsweise das schweizerdeutsche Sprichwort zum Ausdruck bringt: «Wie mes zücht, so hät mes . . .»

In einer Schulstunde (Fach «Politische Bildung») wurde ich von einem Schüler belehrt, man spreche heute nicht mehr von «erziehen», sondern von «begleiten». Dies klang für mich zunächst allzu antipädagogisch (und zu beschönigend . . .). Trotzdem steckt darin vielleicht jener Gedanke, weiche auch die Anti-Antipädagogik wieder relativieren kann, jene Mahnung zur Sorgfalt, die verhindert, dass der neue «Mut zur Erziehung» zu einem neuen pädagogischen Übermut führt, der nichts als Hochmut und Angst erzeugt.

Robert Nef-Nyffeler (St. Gallen)

NZZ Donnerstag, 18. Oktober 1990, Seite 82

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