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Unterwegs zur Mündigkeit

Lesedauer: 6 Minuten


(Reflexion – Nr. 20, November 1989 – Seite 7-10)

Diplomansprache am Real-und Oberstufenlehrerseminar Zürich

Im Unterricht und im Gespräch mit verschiedensten Schülern und Studenten stelle ich immer wieder fest, dass der Gegenstand meines Faches, die Politik, wie auch die Politiker ganz allgemein, keinen guten Ruf haben. In einer Sammlung von Politik-Definitionen und Umschreibungen, die ich im Rahmen des Unterrichts jeweils zur Diskussion stelle, erfreuen sich die kritischen und zynischen besonderer Beliebtheit.

Ich selber habe eine Vorliebe für die pädagogische und optimistische Betrachtungsweise der Politik, an der ich festhalte und an der ich mich festhalte.

Politik ist für mich ein dauernder, wechselseitiger sozialer Lernprozess.

Politik ist der immer wieder neu zu wagende Versuch, das durchaus schwererziehbare, aber vielleicht doch nicht ganz unerziehbare Menschengeschlecht auf seinem Weg zur Mündigkeit weiterzubringen.

Ich weiss, dass der Fortschrittsbegriff mit seinem pädagogischen Optimismus zurzeit nicht Mode ist. Man beschreibt den Menschen heute häufig als Schädling der Natur und als “Untier”, das entmündigt werden sollte, weil es seine Verantwortung gegenüber der Umwelt, der Mit- und Nachwelt nicht richtig wahrnimmt. Das Weltbild, das den Menschen als Krone der Schöpfung deutet, und ihm auch die damit verbundene Verantwortung auferlegt, ist – wohl wegen der weitreichenden Konsequenzen – nicht besonders beliebt.

Ich beziehe meinen politischen und pädagogischen Optimismus weder aus Büchern und Zeitungen, noch aus Selbstbetrachtungen und Reflexionen. Er entsteht immer wieder neu in der erzieherischen Auseinandersetzung mit Studenten und Schülern und mit meinen eigenen Kindern. Ich erlebe Erziehung immer wieder als etwas durchaus Gegenseitiges, und manchmal darf ich auch erfahren, dass mich meine pädagogischen Herausforderer trotz meiner altersbedingt reduzierten Erziehbarkeit noch nicht aufgegeben haben. Das stimmt optimistisch. Wenn ich unterrichte oder Gespräche veranstalte, bemühe ich mich, echte Fragen zu stellen, deren Beantwortung auch für mich offen ist. Auf diese Weise erhalte ich immer wieder wertvolle Denkanstösse und Anregungen, für die ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin. Neben meinem Dank und der herzlichen Gratulation zum Diplom als eines wichtigen Zwischenziels, über das Sie sich zusammen mit Ihren Eltern, Partnern und Freunden freuen dürfen, möchte ich Ihnen noch einen einzigen Gedanken, der mir wesentlich erscheint, mit dem rhetorischen Nachdruck einer Diplomrede mitgeben.

Mein Hauptanliegen war und ist, Ihnen etwas von den Vorteilen der Vielfalt von Meinungen und der Offenheit beim differenzierenden Reden und Zuhören, das – nicht nur in der Politik – lebenswichtig ist, nahe zu bringen, und ich suchte nach einem anschaulichen und eindrücklichen Bild dafür. Dabei kam mir das schreckliche Gegenbild meines Ideals und pädagogisch-politischen Anliegens in den Sinn: Prokrustes, aus der griechischen Sagenwelt. Prokrustes ist ein Wegelagerer, der folgende Methoden praktizierte, die Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt sind.

Ich zitiere:

“Er lebte an der Strasse. In seinem Haus hatte er zwei Betten, ein kleines und ein grosses, die er den Reisenden als Nachtlager anbot. Die kleinen Männer legte er in das grosse Bett und streckte sie so lange, bis sie genau in das Bett passten. Die grossen Männer aber legte er in das kleine Bett und schnitt so viel von ihren Beinen ab, wie über die Bettlänge hinausragte. Manche behaupten, er hätte nur ein Bett mit verstellbaren Brettern verwendet, die er nach der Grösse seiner Opfer länger oder kürzer machen konnte. Theseus liess Prokrustes das gleiche Geschick erleiden, das er anderen zugedacht hatte.”
(aus: Robert von Ranke Graves, Die Götter Griechenlands, Die klassischen Mythen und Sagen, Reinbek 1981, Rowolt)

Ich hoffe nun von ganzem Herzen dass Sie im Lauf Ihrer bisherigen Schulbildung nicht allzusehr von den gleichmacherischen Betten des Prokrustes geschädigt sind, und ich hoffe noch mehr, dass Sie selbst nicht in die Rolle des Prokrustes verfallen werden bzw. sich in diese Rolle drängen lassen.

Beim Vorbereiten dieser Ansprache bin ich auf der Suche nach der Sagenfigur “Prokrustes” auf den ganzen Sagenkreis des Theseus gestossen, und darin habe ich tatsächlich sagenhaft viele und für mich spannende neue Erkenntnisse gewonnen. Oft ist ja nicht das, was man sucht das Wertvolle, sondern das, was man unterwegs findet.

Ich möchte Ihnen nun einen Teil der Theseus-Sage nacherzählen: Der junge Theseus ist unterwegs nach Athen, unterwegs zur Mündigkeit und zur Königswürde. Auf diesem Weg hat er ausser dem Prokrustes noch weitere Wegelagerer angetroffen, und ich glaube, in diesen Wegelagerern jene pädagogischen Übertreibungen und Exzesse wieder zu erkennen, denen Sie nun – wie wir alle – mehr oder weniger schadlos entronnen sind. Da wir aber als Lehrer immer wieder gefährdet sind selber zu solchen Wegelagerern auf dem Weg zur Mündigkeit zu werden, versuche ich eine persönliche Deutung dieses Weges – ohne jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Theseus wächst bei Pflegeeltern auf. Als er dem Kindersalter entwachsen ist, hat er einen “Reifetest” zu bestehen, der sehr symbolträchtig ist. Unter einem grossen Stein sind die Sandalen und das Schwert seines leiblichen Vaters begraben. Sobald er den Stein aus eigener Kraft wegwälzen kann, kann er “in Vaters Fusstapfen treten” und die zwischen dem steinigen Boden der Realität und dem menschlichen Körper schützende und tragende traditionelle Fussbekleidung anziehen. Das väterliche Schwert ist wohl nicht nur als Waffe, sondern auch als Kraft der Unterscheidung und der Entscheidung zu deuten. Also ausgerüstet macht er sich auf, um die von Wegelagerern bedrohte Küstenstrasse nach Athen wieder sicher zu machen. Zuerst trifft er auf Periphetes, den “Viel-Herumgesprochenen”, der als Krüppel geschildert wird und mit seiner mächtigen ehernen Keule die Vorbeireisenden erschlägt. Diese Keule ist für mich die geballte Kraft des Vielwissens, die auf die armen Schüler niedersaust. Periphetes ist das Ungeheuer der Fülle des Wissensstoffes.

Wissen ist Macht, Macht, die erschlägt, wenn man nicht in der Lage ist, sich diese Macht auch als Gegenmacht anzueignen. Ohne eine “eiserne Reserve des Wissens” kommt man nicht weiter und glücklicherweise gelingt es Theseus dem Keulenmann seine Waffe zu entreissen und ihn zu erschlagen.

Der zweite Wegelagerer, dem er begegnet, ist Sinis, der Fichtenbieger. Er bindet seine Opfer zwischen zwei heruntergebogene Wipfel, sodass sie zerreissen, wenn er die Bäume loslässt. Der Fichtenbieger ist das Ungheuer des übertriebenen Leistungsprinzips, der Überforderer, der den Bogen überspannt. Interessanterweise ist er nicht allein, sondern er hat eine durchaus sympathische Tochter, Perigune, die sich im Gebüsch versteckt, bis sie gefunden und herbeigerufen wird. Das gute Prinzip der Herausforderung durch den Appell an die Leistungsbereitschaft befindet sich in unmittelbarer Nähe des tödlichen Überforderers. So hat vielleicht jedes pädagogische Zerrbild und Ungeheuer eine verborgene Tochter, welche die durchaus heilsame Dosis desselben Prinzips verkörpert.

Das dritte Ungeheuer ist Phaia, welche eine gefährliche Wildsau auf die Passanten loslässt. Diese Sau kann als Symbol der ungehemmten Steuerung durch Triebe aufgefasst werden, bzw. die Pädagogik, die ausschliesslich “Lust statt Leistung” oder “Lust statt Frust” verheisst und den Laissez-faire-Stil in Reinkultur pflegt. Theseus erschlägt auch dieses Ungeheuer.

Der vierte Wegelagerer heisst Skiron. Er sitzt an einer Klippe und verlangt, dass man ihm die Füsse wasche. Darin erkenne ich die pädagogische Ungeheuerlichkeit, Anpassung im Sinn der Unterwerfung und der Liebedienerei zu verlangen. Wir kennnen alle diese gefährliche Ausrichtung auf Fremderwartungen, die dazu führt, dass Menschen nur noch das tun, was man von ihnen erwartet, anstelle dessen, was sie – und vielleicht nur sie – zu bieten haben.

Theseus weigert sich natürlich, diesen Dienst zu erweisen und er kippt den Anmassenden mitsamt seiner Schüssel ins Meer. Bei der Fusswaschung als Ausdruck des Dienens erinnern Sie sich vielleicht an das Neue Testament. Dort wird dieser symbolträchtige Dienst nicht vom Schüler als Knecht verlangt bzw. erwartet, sondern als freiwilliger Dienst vom Lehrer und Meister offeriert und praktiziert. Ein Vorbild, das weit über alle politische Bildung und Pädagogik hinausweist und gegenüber dem alle hier erwähnten Zerrbilder verblassen.

Das fünfte Ungeheuer ist Kerkyon, der die Reisenden zum Zweikampf herausfordert und mit seinen starken Armen erdrückt. Er verkörpert die Ungeheuerlichkeiten, die eine exzessive Anwendung des Wettbewerbprinzips in der Erziehung mit sich bringen. Theseus überwindet Kerkyon nicht, weil er selbst stärker ist, sondern weil er das gegnerische Prinzip der rohen Kraft gegen ihn selbst wirken lässt. Er besiegt Kraft durch Kunst und wendet dabei eine Art des Kampfes an, die uns heute an den japanischen Ringkampfsport errinnert. Mit dieser Kunst des Ringens überwindet er das an sich unüberwindliche Prinzip, nicht indem er es abschafft, sondern indem er seine produktiven Kräfte nutzt.

Als sechster Wegelagerer tritt Prokustes auf, der exzessive Gleichmacher, den ich Ihnen bereits kurz vorgestellt habe.

Statt menschengerechten Massstäben will er massstabgerecht Menschen erzwingen. Prokrustes erleidet durch Theseus dasselbe Geschick wie die anderen Wegelagerer: die klassische pädagogische Vergeltung “wie Du mir, so ich Dir … “.

Schliesslich erreicht Theseus Athen, wo auf ihn neue Herausforderungen warten.

Sie dürfen sich nun wie Theseus königlich darüber freuen, ausgerüstet mit Ihrer “eisernen Keule” des Wissens und Könnens den am Weg zur Mündigkeit lagernden pädagogischen Ubertreibungen entronnen zu sein. Tragen Sie auch königlich Sorge, Ihnen nicht selbst zu verfallen.

So wie ich den “langen Marsch des Theseus nach Athen” deute, fasse ich die 6 Gefahren die er überwunden hat, noch einmal thesenartig zusammen, ohne daraus nun neue “Prokrustesbetten” machen zu wollen. Wir beschreiten den gemeinsamen Weg zur Mündigkeit, wenn wir wie Theseus den pädagogischen Übertreibungen um uns und in uns entgehen, indem wir:

  1. die Stoffüberfülle mit der eisernen Keule des Grundwissens niederschlagen,
  2. die Überforderungen in Herausforderungen verwandeln,
  3. den Verwirrungen des Triebchaos durch das Setzen klarer Grenzen entgehen,
  4. die vollständige Unterwerfung unter Personen verweigern, und nie ausschliesslich das tun, was andere erwarten, sondern das, was wir anderen zu bieten haben,
  5. die Auseinandersetzung im Wettbewerb mit anderen eigenständig anpacken und das Prinzip überwinden, nicht indem wir es abschaffen, sondern in dem wir es produktiv nutzen,
  6. den Gefahren der Gleichschaltung durch Ausschaltung der Gleichschalter begegnen.

So erreichen wir unser eigenes Athen und unsere Königswürde der Mündigkeit.

Viel Glück!

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