Nachruf für Max Bühler

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(Reflexion – Nr. 19, Juli 1989, Sonder-Nummer – Seite 35-37)

1942-1987, Mitglied des Beirates von 1979-1987

Mein Freund Max Bühler verbrachte seine Jugend in Uzwil. Nach der Matura in St. Gallen begann er das Studium der Rechtswissenschaft in Zürich. Zur Geisteswelt der Jurisprudenz pflegte er Zeit seines Lebens eine intensive Beziehung. Im Spannungsfeld zwischen Rechten und Pflichten ‘ zwischen Sein und Sollen, zwischen Bücherwelt und Lebenswelt und zwischen Theorie und Praxis entdeckte und erkannte er sein eigenes Lebensthema.

Wichtig war für ihn die persönliche Begegnung mit individuell geprägten und prägenden Lehrerpersönlichkeiten wie Max Guldener, alt Bundesrichter Schönenberger, Hans Hinderling, Frank Vischer und Karl Oftinger. Letzterer übertrug ihm die Verantwortung für die Rezensionsrubrik in der Schweizerischen Juristenzeitung. Im Lauf der Jahre konnte sich Max Bühler eine erlesene Bibliothek mit juristischer Fachliteratur aufbauen. Er sammelte nicht nur mit Hingabe und Sorgfalt die wichtigsten Werke, er erarbeitete sich auch einen erstaunlichen Überblick und er vermittelte diesen an Kollegen immer wieder durch Hinweise auf wichtige und schwer zugängliche Quellen. Gross ist die Zahl derjenigen, die bei ihm persönlichen Rat und wertvolle Literaturangaben bekamen; dafür durfte auch er immer wieder kollegiale Hilfsbereitschaft erfahren, die ihn mit tiefer Dankbarkeit erfüllte. Oft konnte er diese Dankbarkeit für Hilfe aller Art auch äusserlich sichtbar zeigen, gelegentlich verbarg er seine Gefühle, aber wer ihn kannte, wusste, dass sie da waren.

Seine Fähigkeit als Literaturberater und Kenner der Fachliteratur konnte er als Mitglied des wissenschaftlichen Beratergremiums im Verlag Schulthess, Zürich, praktisch anwenden.

In seiner Beraterfunktion wurde er auch Mitautor an zwei Neuauflagen des Oftiger’schen «Handwerkszeugs», jenes Standardwerkes, das die Jus-Studenten anleitet, wie beim Abfassen schriftlicher Arbeiten vorzugehen ist. Ganz im Sinn von Karl Oftiger hat er sich – entgegen dem Zeitgeist – für eine geisteswissenschaftlich breit abgestützte «juristische Schriftstellerei» eingesetzt und beispielsweise den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller als Quellenlektüre empfohlen.

Sollte es unter 1000 «Norm-Studenten» auch nur einen einzigen Individualisten geben, der in dieser Quelle Anregung, Kraft und neue Kreativität schöpft, so ist der Hinweis des literarisch bewanderten Mitautors nicht umsonst erfolgt…

Max Bühlers Passion für die Rechtswissenschaft und die Art, wie er sie pflegte, war für ihn kennzeichnend. Er stand gleichzeitig darin und darüber. Er genoss die Rolle des Connaisseurs zahlreicher Finessen wie auch die des schrulligen Aussenseiters. Letztlich durchschaute er den «Jahrmarkt der Eitelkeiten» in Wissenschaft und Praxis, und doch verachtete er weder den einen noch den andern Bereich, und er wusste um seine eigenen Grenzen. Bei verschiedenen juristischen Fest- und Gedenkschriften hat er die Finanzierung organisiert und mitgetragen, und seine Freude über das Gelingen einer solchen Publikation gehörte zu den Sternstunden seines Lebens.

Die im Zusammenhang mit seinem juristischen Studium erwähnten Eigenschaften und Eigenheiten charakterisieren Max Bühler auch ganz allgemein. Er versuchte in zwei Welten zu leben: in der stillen Bücherwelt, die als trostreiche Insel für den Einzelgänger doch immer wieder über Zeiten und Personen hinweg vielfältigste Kontakte vermittelt und ermöglicht, und in der offenen Welt der wirtschaftlichen Berufspraxis und der Geselligkeit, die ihrerseits doch immer wieder in die Einsamkeit entlässt.

Max Bühler war in der Welt seiner Bücher zu Hause. Seine juristische Fachbibliothek war eingefügt in einen Kosmos von persönlich ausgewählter Literatur über historische, politische und philosophische Themen. Die Werke der deutschen und englischen Klassiker waren ihm vertraut. Bei seinen Lieblingsdichtern Hoffmansthal, Thomas Mann, Rilke, Fontane, Schiller und – immer wieder – Goethe, schöpfte er jene Kraft, Klarheit und geistige Überlegenheit, die er im täglichen Leben oft schmerzlich vermisste. Einer seiner liebsten Romane war der «Stechlin» von Theodor Fontane. Im alten Stechlin erkannte er eigene Wesenszüge und mehr als einmal hat er im kleinen Kreis die berühmte Grabrede auf den alten Stechlin vorgelesen:

«Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigener menschlicher Schwäche jederzeit bewusst war… Er war das beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen und wird da die Himmelsruhe haben, die der Segen aller Segen ist.»

Für Max Bühler bedeuten die Bücher viel, aber nicht alles. Er fühlte sich wohl im Kreis von Freunden und mit seinen humorvollen und auch besinnlich-gehaltvollen Tischreden hat er manches Fest im Freundes- und Familienkreis persönlich mitgestaltet und geprägt. Seine Freunde und Bekannten durften aber auch in schwierigen und traurigen persönlichen Situationen auf ihn zählen.

Ein schwerer Schlag traf Max Bühler 1975, als ihm bei einem Bergunfall sein Bergkamerad Andreas Scherrer vom Tod entrissen wurde und er selbst Verletzungen davontrug. Er erholte sich damals körperlich erstaunlich schnell. Er durfte im Kreis seiner Freunde und seiner Familie erleben, wie sich die Kraft des Zusammengehörens in Freud und Leid bewähren kann.

In der darauf folgenden Zeit konnte er neben seiner beruflichen Kaderfunktion in der Firma Gebrüder Bühler zahlreiche und vielfältige persönliche Beziehungen knüpfen und pflegen, in Zürich als Beiratsmitglied des Liberalen Instituts und in verschiedenen wirtschaftlichen Funktionen, in St. Gallen mit Parteifreunden und Geschäftspartnern, in Davos mit den Teilnehmern und Organisatoren des Parlamentarierskirennens, in Basel mit persönlichen und juristischen Beratern und in Flawil im Kreis des Lions-Clubs. Als Bücherfreund und Verlagsberater erfüllte er mit Freude und innerem Engagement Verwaltungsratsmandate bei der Ribaux Buchhandlung und bei der Buchdruckerei Flawil.

Als sensibler und stark individualistischer Mensch spürte er trotz aller Neigung zur Geselligkeit stets auch den Schmerz des Trennenden, das selbst zwischen Nahestehenden vorhanden ist, und er wollte wohl aus diesem Grund das Wagnis einer Ehe nicht eingehen. «So leben wir und nehmen immer Abschied» zitierte er oft seinen Rilke, und er selbst bezeichnete sich gelegentlich als «für andere nicht zumutbar»…

Und doch blieb er auch während intensiver beruflicher Beanspruchung und später trotz stark beeinträchtigter Gesundheit jenem Kreis von Menschen eng verbunden, die ihn so schätzten wie er eben war. Seine Göttikinder bedeuteten ihm viel, und die von ihm selbst ironisierend oft gebrauchte Bezeichnung «Onkel Max» halte einen besonders vertrauten und familiären Klang.

Eine wichtige äusserliche Station in seinem Leben war sein 2jähriger Japan-Aufenthalt als Leiter der Niederlassung der Gebrüder Bühler in Tokyo. Er war stolz auf seinen Entscheid, sich dieser Herausforderung zu stellen, blieb aber doch dem europäischen Kulturkreis, in dem er verwurzelt war, eng verbunden und seine Rückkehr war eine Heimkehr. Die «drei Einsamkeiten» – wie er es selbst nannte – die Einsamkeit des fremden Europäers, die Einsamkeit des Chefs und die Einsamkeit des Junggesellen machten ihm mehr zu schaffen, als er zugeben mochte.

Der starke Wille, in seinem Beruf der Firma das Beste zu geben, stand für ihn zunehmend im Widerspruch zur immer deutlicher werdenden Erkenntnis, im Beruf des Industriellen nicht jenes Gefühl der Zugehörigkeit und nicht jene persönliche Erfüllung zu finden, die er suchte und brauchte.

Die Krankheit und der Tod seines geliebten und bewunderten Vaters haben Max Bühler – für alle spürbar und sichtbar – schwer getroffen. Der Abschied vom Vater, dem er sich zuletzt freundschaftlich-kameradschaftlich verbunden fühlte, war für ihn schicksalhaft verknüpft mit einer rapid abnehmenden gesundheitlichen Widerstandskraft.

Der nun noch kleiner gewordene Freundes- und Familienkreis und seine treuen Mitarbeiter und Gehilfen waren ihm in dieser letzten Zeit der einzige mitmenschliche Halt. In der klassischen Musik von Händel, Haydn, Mozart und Beethoven fühlte er jene innere Harmonie, die er in seinem seelischen und körperlichen Haushalt immer mehr vermisste und die er aus eigener Kraft nicht mehr erlangen konnte. Sein persönlicher Charme, mit dem er oft das Dunkle in seinem Wesen überspielte und seine Erkrankung bagatellisierte, liessen alle, die ihm nahe standen, mit ihm und trotz ihm immer wieder hoffen. Mitten in diesem Zweifeln und Hoffen hat ihn der Tod ereilt und erlöst. Was uns bleibt, ist jene Zuversicht, die der leidgeprüfte Dichter Hölderlin in folgenden Worten einem Freund mitteilte:

«Die Linien des Lebens sind verschieden,
wie Wege sind, und wie der
Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein
Gott ergänzen
mit Harmonien und ewigem Lohn
und Frieden.»
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