Chancenvielfalt statt Chancengleichheit

Lesedauer: 2 Minuten

10/3, 10/4 – Robert Nef / Reflexion Nr. 10 / Dezember 1984

Editorial

Wer eine Publikation betreut und selber gelegentlich publiziert, tut gut daran, sich die Frage zu stellen, ob denn für sein Produkt überhaupt ein den Aufwand rechtfertigendes Interesse besteht. Für die Beantwortung gibt es zwei objektive Kriterien: Die Zahl der Nachfrager (Abonnenten) und die Zahl der tatsächlichen Leser. Das Mitteilungsblatt «Reflexion», dessen 10. Nummer hier vorliegt, wird einem heterogenen Interessentinnen- und Interessentenkreis in der ganzen Schweiz zugestellt. Die Adressen wurden vom Stiftungsrat und vom Beirat des «Liberalen Instituts» und an Veranstaltungen aufgrund von persönlichen Meldungen zusammengetragen. Etwa die Hälfte der Adressaten reagiert spontan auf den jährlich beigelegten Einzahlungsschein; auf ein administrativ aufwendiges Abonnierungs- und Mahnverfahren haben wir – auch wegen der unregelmässigen Erscheinungsweise – bisher bewusst verzichtet. Die Zahl der Neuabonnenten ist grösser als die der Abbestellungen: alles in allem kein Misserfolg, aber wohl eine Herausforderung zur Fortsetzung und zur Leistungssteigerung. Die Zahl der tatsächlichen Leser ist schwieriger zu ermitteln. Ein Indikator dafür sind die Leserreaktionen, die als mündliche und schriftliche «Reflexionen» auf die «Reflexion» erfolgen. Sie haben in letzter Zeit zugenommen, von der (durchaus erwünschten) Zitierung einzelner Texte bis zur konstruktiven Kritik an Inhalt und Form. Drei kritische Bemerkungen zu Nr. 9 über Bildungspolitik seien hier verdankt und erneut reflektiert:

1. Prof. W. von Wartburgs Entwurf für eine noten- und selektionsfreie Schule umschreibt bestimmt nicht das einzig mögliche liberale Bildungsverständnis. Sein Diskussionsbeitrag warnt vor dem blinden Glauben an eine objektive, kollektive Bewertung von subjektiven, individuellen Anstrengungen und Resultaten. Generelle Massstäbe tendieren oft zu end- und allgemeingültigen Ergebnissen, was die liberale Skepsis gegenüber jeglichen Totalitätsansprüchen zu Recht mobilisiert. An einer Relativitätstheorie menschlicher Leistung und Leistungsbewertung und deren Verknüpfung mit einem offenen, freien Markt der Arbeiten, Tätigkeiten und Fähigkeiten müsste wohl ohne Fixierung auf die Notenfrage aus liberaler Sicht weitergearbeitet werden: «Chancenvielfalt statt Chancengleichheit», «Bewertungsvielfalt statt Bewertungseinheit», «Orientierungshilfe statt Selektionswettlauf» könnten die Stichworte lauten.

2. Der Aphorismus, dass Bücher über Erziehung etwas aussagen über die Erziehung und Probleme ihrer Autoren – sonst nichts, hat als anmassender Schlusssatz nach zahlreichen Zitaten aus ebensolchen Büchern begreiflicherweise zum Widerspruch gereizt. Das «Sonst-Nichts» hätte durch ein «Aber-immerhin-Das» ergänzt werden müssen, oder – stilistisch aphorismengerechter — ganz einfach weggelassen werden können.

Objektiv richtige bzw. historisch gebotene Erziehung gibt es aus liberaler Sicht nicht — so wenig wie «die objektiv richtige Politik». Das heisst aber nicht, dass die Vermittlung und Übermittlung von subjektiven Erfahrungen wertlos wäre — im Gegenteil. Das Offen-Sein gegenüber einer Vielfalt von Erfahrungen schafft, erhält und vermehrt jene vielfältigen Individualitäten, deren Summe und Produkt den Wert der Gesellschaft — und der Gemeinschaft — mitbestimmt.

3. Das «richtige Mass» an Gelassenheit, an Anpassung und an Widerstand in der Politik ist eine permanente persönliche Herausforderung. Es gibt keinen dauerhaften Kompromiss zwischen dem aufklärerischen Wissen um die grosse Verletzlichkeit der Freiheit und dem Glauben an deren dauernde Resistenz.

Mein Aufsatz «Wider die Gleich- und Gerade-Macher» steht mit seinem Anflug an konservativer Schicksalsergebenheit im Widerspruch zum liberalen Bildungsoptimismus meines Editorials. Ist der Glaube an die Erziehbarkeit des Menschengeschlechts nicht auch ein Ausdruck anmassender Gleich- und Gerademacherei am Prokrustesbett der Menschheitsgeschichte? Eine mögliche Antwort ist von Ch. Oetinger (1702-1782) in einem viel zitierten Gebet versucht worden:

Gott gebe mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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