Liberale Kulturpolitik

8/3, 8/4 – Robert Nef / Reflexion Nr. 8 / Dezember 1983

Editorial

An der ersten Veranstaltung des Liberalen Instituts vor gut vier Jahren hat Edmond de Stoutz das Verhältnis von Kultur und liberaler Politik folgender-massen charakterisiert:

«Es gibt eine Politik, welche die Kultur für ihre Machtbedürfnisse einsetzt und missbraucht. Diese «Kulturpolitik» ist totalitär. — Es gibt eine Politik, die sich in den Dienst der Kultur stellt. Diese Politik ist liberal. Die totalitäre Politik will mit der Kultur einerseits ihre Intellektuellen neutralisieren und anderseits Propaganda treiben. — Die liberale Politik weiss, dass die von ihr erstrebte Gesellschaft aus mündigen, gebildeten, nach ethischen Grundsätzen handelnden Menschen bestehen wird. Intelligenz und Kultur werden von ihr weder gefürchtet noch missbraucht. Wirklich liberale Politik unterstützt also in erster Linie ein lebendiges, umfassendes, erzieherisches Kulturleben.»

Die innere Verbindung von liberaler Politik und dem weiten Bereich der Erziehung zum mündigen, nach ethischen Grundsätzen handelnden Menschen hat seither zahlreichen Veranstaltungen des Instituts als Richtschnur gedient.

Die Kulturpolitik im engeren Sinn steht nicht im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung. Sehr häufig wird sie nur im Kampf um Subventionsanteile zum Thema, wobei in der Regel öffentlich unterstützte Kulturträger auf Etatkürzungen alles andere als kreativ, unternehmerisch und phantasievoll reagieren. Auch die Eidgenössische
Kulturinitiative eröffnet die Diskussion hauptsächlich auf der Ebene des Finanziellen. Es ist zu hoffen, dass in der politischen Auseinandersetzung auch andere wesentliche Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

Lili Nabholz hat in ihrer Einführung zum Referat «Liberalisme et cultur», das Bundesrat Chevallaz an unserem Institut hielt, darauf hingewiesen, dass eine liberale Kulturpolitik allein mit dem Gedanken des Bewahrens und Abwehrens ihrem Ziel nicht näher kommen könne. Wörtlich führte sie dazu aus:

«Ich habe mich gefragt, welches für mich. das Wesentliche am Verhältnis von Liberalismus und Kultur ist, und bin dabei auf die Frage gestossen, was denn eigentlich Kultur bedeutet. Cultura heisst wörtlich übersetzt Pflege. Diese Grundbedeutung wird vielleicht in einem stark von Männern geprägten Kulturleben zuwenig beachtet. Entspricht das Markten um Kulturprozente und Subventionen, entspricht der Kampf um Anteile am Kulturmarkt wirklich dem Begriff der Pflege?

In einem Lehrbuch für Krankenschwestern finde ich folgende Ziele der schwesterlichen Pflegetätigkeit: Vermehrung von Geduld, Hingabe und Unvoreingenommenheit, Hinführen zum Vertrauen zu sich selbst und zu andern, Bestärkung im Mut, ein Risiko einzugehen, Förderung von Selbstdisziplin und Konzentrationsfähigkeit, Weiterentwicklung zu unermüdlichem Streben, eine Wandlung seiner Person zu vollbringen, und schliesslich das unermüdliche tägliche Arbeiten an sich selbst.
Vielleicht ergäben sich daraus auch Massstäbe für die Kulturförderung die mit diesen umfassenden Ansprüchen in wesentlichen Belangen nicht Sache des Staates sein kann.

Die Zürcher «Opernhauskrawalle» von 1980 haben zwar eine lebhafte Krawall-Diskussion speziell um «law-and-order» – Probleme und um das sogenannte Jugendproblem ausgelöst. Die damals aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Volks-, Alternativ- und Elitekultur bleiben im Vordergrund.

Es ist wohl kaum ein Zufall, dass die im Jahr der Opernhauskrawalle von Gerold Hilty gehaltene Rektoratsrede an der Universität Zürich mit dem Thema «Das älteste romanische Liebesgedicht» das Spannungsverhältnis von «hohem» und «niederem» Kulturgut betrifft. Das besprochene Gedicht drückt selber die bestmögliche Lösung des Konflikts zwischen Volks- und Elitekultur aus: Die harmonische, schöpferische Verbindung zu einem kunstvollen Ganzen…

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.