Herakles und die Hydra von «Wissenschaft» und «Politik»

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1/23 – 1/24 – Robert Nef / Reflexion Nr. 1 / Juni 1981

Die Frage nach der Trennung von Wissenschaft und Politik hat Wissenschaftler und Politiker immer wieder beschäftigt.

In Zürich hat kürzlich die Auseinandersetzung um Forschungsprojekte im Fach Ethnologie und um umstrittene Video-Aufnahmen Aufsehen erregt. Etwas allgemeiner und grundsätzlicher wurde das Problem in den späten 70er Jahren unter dem Stichwort «Finalisierung der Wissenschaftspolitik» aufgegriffen. Diese wissenschaftspolitische Debatte ist für ein Institut, das seine Tätigkeit im Grenzland zwischen Politik und Wissenschaft ansiedelt, von grossem Interesse. Dass es bei den Stellungnahmen zur sog. «Finalisierungsthese» nicht nur um einen Streit unter Fachgelehrten ging, belegt eine publizistische Kontroverse, die ihren Niederschlag auch in der «NZZ» und in der «ZEIT» fand («NZZ» vom 23. 4. 76, Nr. 94, S. 39; vom 5. 5. 76, Nr. 104, S. 33; vom 14.5.1976, Nr. 112,
S. 55; «ZEIT» vom 16.4. 1976, Nr. 17, S. 33; vom 23.4.1976, Nr. 18, S. 42; vom 21.5.1976,
Nr. 22, S. 53).

Die Verfechter der Finalisierungsthese postulieren eine Orientierung der Forschung, speziell der naturwissenschaftlichen Forschung, an sozialen Zwecken.

Handelt es sich beim Streit um diese These nur um Nachgeplänkel im Werturteilsstreit? Ist lediglich eine terminologische Kontroverse um die Definition der Begriffe «Wissenschaft» und «Politik» entbrannt, oder liegen neue grundsätzliche Fragestellungen vor?

Neu ist das Problem sicher nicht, und darum sei in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf die griechische Heraklessage gestattet. Ein isoliertes Bild aus dieser Sage spielt nämlich gerade bei den Gegnern der Finalisierungsthese, welche die sogenannte Hydra-Theorie vertreten eine wesentliche Rolle. Aus diesem Grund ist die Anknüpfung an einen Mythos nicht ganz unbegründet.

Die Hydra-Theorie besagt, dass, je mehr wir wissen, desto mehr ungelöste Probleme bewusst werden; während für die Vertreter der Finalisierungsthese die Zahl der fundamentalen Probleme jeweils endlich bleibt. Vielleicht birgt die Sage eine mögliche Lösung des Konflikts, eine Lösung, die in ihrer Anschaulichkeit ganze Bände abstrakter Auseinandersetzungen erspart, ohne dass dadurch eine schöpferische Quelle von Fragestellungen verschüttet würde.

Rufen wir in Erinnerung: Herakles steht vor der Aufgabe, die Hydra zu überwältigen. Die Hydra ist ein vielköpfiges Ungeheuer, das darum unbesiegbar erscheint, weil bei jedem Kopf, der abgeschlagen wird, zwei neue nachwachsen. Die Situation des Herakles gleicht tat-sächlich derjenigen des Wissenschaftlers, der mit jedem Problem, das er durch das messerscharfe Schwert seines Verstandes zu lösen vermeint, neue Probleme heraufbeschwört und zuletzt vor einem unentwirrbaren Chaos von Problemen steht (modern ausgedrückt: vor dem Problem unendlich zunehmender Komplexität).

In der Sage ist zu allem Elend noch von einem heimtückischen Krebs die Rede, von einem Tier, das mit seinem Rückwärtsgang fortwährend dazu verleitet, auf dieselbe Fragestellung immer wieder zurückzukommen. Herakles zerquetscht nun zunächst diesen Krebs mit dem Fuss und entgeht so der Versuchung der ewigen Rückkehr zum selben Ausgangspunkt – eine Versuchung, die jedem wissenschaftlich Tätigen nur allzu bekannt ist… Doch mit dem Zerquetschen des von der eigentlichen Aufgabe ablenkenden Störenfriedes, ist nur der kleinere Teil des Übels beseitigt. Die Hydra der unendlich komplexen Wirklichkeit steht immer noch in ihrer ganzen Bedrohlichkeit da.

Offensichtlich ist dem Ungeheuer allein mit dem Verstandesschwert nicht beizukommen. Herakles braucht einen Helfer, seinen Wagenlenker(!) Ialos, der vorsorglicherweise Feuerbrände mitgebracht hat und nach jedem heldenhaften Hieb des Herakles den Stumpf ausbrennen muss, damit keine Köpfe nachwachsen. Dieses «durch Hitze koagulierende Problemlösungsverfahren» ist vom kalten, rational unterscheidenden, trennenden Schwerthieb völlig verschieden. Der Feuerbrand des dienenden Lenkers kann als heiss verbindendes willentliches Eingreifen gedeutet werden. Nur durch die Kombination der beiden Verfahren, die eine echte Teamarbeit voraussetzt (was bei den zwölf Aufgaben des Herakles ein Ausnahmefall ist), nur durch die Verbindung von Ratio und Emotio kann das Ungeheuer bewältigt werden. Es liegt nun nahe, die Schwerthiebe des Herakles als «Wissenschaft», und die Feuerbrände des Ialos als «Politik» zu deuten und dadurch auf die wesensmässige Verschiedenheit und die wesensmässige gegenseitige Bedingtheit beider Verfahren bei der Lösung von komplexen Problemen aufmerksam zu machen.

Sicher wendet jeder wissenschaftlich Tätige bewusst oder unbewusst sowohl die Methoden des Herakles als auch die Methoden des Ialos mehr oder weniger erfolgreich an. (Manchem gelingt es auch, den Krebs zu zertreten…). Die Arbeit des Ialos ist weniger spektakulär, aber nicht weniger notwendig. («Solve et coagula» ist die Devise des Diabolus, der schon als «Vater der modernen Wissenschaft» bezeichnet worden ist…).

Ohne eine Finalisierung im weitesten Sinn ist auch keine wissenschaftliche Definition möglich, oder wie Heinrich Rickert es ausdrückt: «Ohne ein Prinzip der Auswahl verliert die Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen ihren Sinn, und ohne diese Trennung gibt es keine Wissenschaft.» (Zur Lehre von der Definition, 3. Aufl. Tübingen 1929, S. 40).

Es ist nun weniger entscheidend, ob nur die Schwerthiebe des Herakles oder ob die Kombination beider Verfahren als «Wissenschaft» bezeichnet werden.

Wichtig ist, dass der wesentliche methodische Unterschied der beiden Vorgehensweisen bewusst wird. Es ist wohl nicht Zufall, dass in der Sage sehr anschaulich, ausgerechnet im Kampf mit der Hydra, zwei Personen auftreten. Persönlich neige ich dazu, des Wagen-lenkers notwendige Feuerbrände, die auf ihre Art und Weise «finalisieren», nicht, mehr dem Begriff «Wissenschaft» zuzurechnen. Da sie aber ebenso notwendig, wirksam und wirklich sind wie die Schwerthiebe, kann man natürlich auch aus den Feuerbränden und aus dem dienenden Wagenlenker eine neue Problem-Hydra entstehen lassen, d.h. man kann sich auch mit Politik und mit Bekenntnisfragen rational und wissenschaftlich auseinandersetzen. Aber bei der Bewältigung dieses neuen komplexen Problem-Ungeheuers werden durch die Schwerthiebe des Herakles neue Köpfe (der Erkenntnis) nachwachsen, bis die Stümpfe durch Ialos erneut mit Feuer (des Bekenntnisses) «finalisiert» sind.
Mit anderen Worten: Eine abschliessende Isolation der beiden Verfahren wird ewig scheitern, obwohl die strikte Auseinanderhaltung methodisch von grösster Wichtigkeit ist.

Auch auf die Frage nach der Endlichkeit und Unendlichkeit des wissenschaftlichen Forschens enthält die Sage eine Antwort. Ein Haupt der Hydra (das jeweilige Grundproblem) ist unsterblich. Herakles vergräbt es unter einem Stein. Dort lebt es heute noch.

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