Zum Tode von Victor Nef

(NZZ – EIDGENÖSSISCHE RÄTE – Donnerstag, 4. Dezember 1980, Seite 34)

rf. Am 24. November ist in St. Gallen alt Botschafter Dr. Victor Nef in seinem 86. Altersjahr verstorben. Victor Nef war von 1920 bis 1946 für das schweizerische Generalkonsulat in New York tätig, von 1933 bis 1946 als erster vollamtlicher Generalkonsul. Vor allem während der Weltwirtschaftskrise und während des Zweiten Weltkrieges erwuchsen ihm aus diesem Amt Aufgaben von grosser Tragweite, die er mit persänlichem Engagement erfüllte.

Die in seiner langjährigen Tätigkeit sorgfältig aufgebauten und ausgebauten vielfältigen Beziehungen waren für die Schweiz vor allem in den Kriegsjahren sehr wertvoll; so konnte er z. B. den Kauf von zahlreichen Frachtschiffen tätigen, als die Schweiz bei Kriegsausbruch auf eine eigene Hochseeflotte angewiesen war. Für die Auslandschweizerkolonie in New York, die schon in den dreissiger Jahren über 40 000 Personen umfasste und der er zeit seines Lebens verbunden blieb, organisierte er in den Kriegsjahren einen direkten telefonischen Informationsaustausch mit der Schweiz, welcher damals weit über den eigentlichen Adressatenkreis hinaus beachtet wurde. Seine enge Vertrautheit mit dem New Yorker Wirtschafts- und Kulturleben und seine guten Kontakte zu den Behörden ermöglichten ihm, die Präsenz der Schweiz wirksam zur Geltung zu bringen und den Kontakt mit den Auslandschweizern persönlich zu pflegen, was vor allem in den Kriegsjahren von grosser Bedeutung war.

Im Jahre 1946 wurde Victor Nef zum ersten schweizerischen Gesandten in Kanada ernannt, 1956, bei der Umwandlung in eine Botschaft, zum Botschafter. 1967 übernahm er das Amt des Generalkommissärs der Schweiz für die Weltausstellung in Montreal. Schon 1939/40 hatte er im Auftrag von Bundesrat Motta die Delegation der Schweiz an der damaligen Weltausstellung in New York präsidiert.

Victor Nef versah seine äffentlichen Aemter mit grosser persänlicher Hingabe, jedoch ohne je die kritische Distanz zu den bürokratischen Schattenseiten einer Diplomatenlaufbahn ganz ablegen zu kännen. Er war kein Diplomat im Sinn eines image-pflegenden PR-Managers. Er verkärperte vielmehr den Typ des beharrlichen, verantwortungsbewussten Unternehmers im Dienste der Oeffentlichkeit. Dies kommt auch in der für den diplomatischen Dienst ungewöhnlich langen Verweildauer an seinen Posten zum Ausdruck, die ihm auf eigenen Wunsch jeweils ermöglicht worden ist. In seiner insgesamt über 50 Jahre dauernden Tätigkeit in den USA und in Kanada hat er für die Schweiz wertvolle Dienste geleistet, und er wird allen, die ihn gekannt haben, als markante Persönlichkeit in Erinnerung bleiben.

NZZ 4. Dezember 1980, Seite 34

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