Ein verkannter Autor

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(NZZ – INLAND – Briefe an die NZZ – Freitag, 8. August 1969, Seite 14)

Die Kritik von xb. am Fernsehspiel «Das Duell» im Abendblatt vom 28. Juli veranlaßt mich zu einigen Bemerkungen. Das pauschale, vernichtende Urteil über Joseph Conrads Novelle scheint mir unverständlich. Entweder benruht es auf einor äußerst oberflächlichen Lektüre oder auf einem gründlichen Mißverständnis. In beiden Fällen kann man dem Kritiker seilst in den Hundstagen den Vorwurf der Leichtfertigkeit nicht ganz ersparen. Was als «gläubiger Bericht» über ein «ehernes Gesetz der Ehre» bezeichnet wird, ist eher die meisterhafte Darstellung einer vielschichtigen Konfliktsituation. Die Novelle hat neben der Kritik am ehernen Gesetz der Ehre, welche unmittelbar aus der Handlung hervorgeht, noch verschiedene andere Dimensionen. Auch dies ist für Conrad typisch. Obwohl er sich selber stets in erster Linie als Erzähler abenteuerlicher Geschichten ausgegeben hat, kann dem aufmerksamen Leser nicht entgehen, daß in seinem ganzen Werk unter der Oberfläche mitreißender Erzählkunst immer wieder die Urkonflikte des Menschen auftauchen.

Die Novelle geißelt den sturen Ehrenhandel; sie zeigt die Sinnlosigkeit jeder gewaltsamen Lösung von Konflikten. So wird schließlich das Duell nicht durch eine Gewalttat, sondern durch die Kombination von Intelligenz und Instinkt entschieden. Einen kleinen Hinweis, daß die Novelle auf das Problem des Krieges hindeuten will, findet dor Leser im Übertitel: «Eine kriegerische Geschichte.» In einer noch tiefern Schicht der Novelle weist Conrad auf den Ursprung aller Konflikte hin: Es fehlt an der «rechten Regelung» im Innern des Menschen. Hier spielen sieh alle unversöhnlichen und primär sinnlosen Duelle ab. Hier finden wir aber auch die tiefere Bedeutung jeder Auseinandersetzung. Im ganzen Werk von Joseph Conrad überrascht immer wieder, wie, gelegentlich unbemerkt und aphoristisch, tiefe Lebensweisheit in die spannende Handlung geflochten wird, und dies ohne jeden belehrenden Unterton. Auch das Ende der Novelle offenbart die verschiedenen angetönten Dimensionen. Wer den Hinweis auf den inneren Konflikt zwischen Eitelkeit und Stolz, der im Duell zum Ausdruck kommt, nicht übersehen hat, versteht auch den Schluß, welcher zunächst paradox scheint. Ks kommt nicht zur Versöhnung, es geschieht «etwas viel Bindenderes». Der überlegene Teil empfindet im reifem Alter trotz der Einsicht in dio undurchschaubare Sinnlosigkeit des Duells eine Art Dankbarkeit gegenüber seinem ungestümen, törichten Widersacher.

Mit diesen wenigen Anmerkungen ist die geheimnisvolle Geschichte keineswegs ausgeschöpft. Ich hoffe aber, daß ich das Vorurteil gegen Conrads Novelle etwas erschüttern konnte. Der große Erzähler ist außerhalb eines kleinen Kreises von Verehrern und Kennern im deutschen Sprachgebiet wenig bekannt. Um so mehr ist es zu bedauern, wenn ihm durch schlechte Fernsehspiele und Filme und durch oberflächliche Kritiken Unrecht widerfährt. Ich bin überzeugt, daß die Grüße von Joseph Conrad früher oder später anerkannt wird.

R. B.

NZZ Freitag, 8. August 1969, Seite 14

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