Die Einheit von Freiheit und Solidarität

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(NZZ – INLAND – Freitag, 18. Januar 1968, Seite 11)

R.N. Charles Secrétan (1815-1895) ist in der deutschsprachigen Schweiz kaum bekannt. Als «Träumer and Phantast» wird er von der Geistesgeschichte nur im Rahmen seines Jahrhunderts gewürdigt, und sein umfangreiches Werk ist in Bibliotheken der Vergessenheit anheimgefallen. Secrétan teilt das Schicksal vieler großer Schweizer, denen wegen ihrer tiefen Verwurzelung am Ort und in der Zeit ihres Wirkens nur lokale and temporäre Bedeutung zugebilligt wird.

Im Bestreben, den Zugang zum Werk des großen Waadtländers and Schweizers zu erleichtern, ist kürzlich mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds ein Buch erschienen, das viel mehr ist als eine bloße Erinnerungsschrift. Der Autor Felix Lehner, weist schon im Titel («Freiheit in Wirtschaft, Staat and Religion.» Die Philosophie in der Gesellschaft von Charles Secrétan (1815-1895). Orell Füssli-Verlsg, Zürich, 1967) darauf hin, daß es ihm nicht um die historisierende Präsentation einer mit Zitaten verbrämten Biographie geht. Das Werk Secrétans wird in seinem aktuell gebliebenen Kern erfaßt und in den Kreis der nie endgültig lösbaren Probleme von Mensch and Gemeinschaft gestellt. Der Autor will dem Leser eine möglichst direkte Begegnung vermitteln and verzichtet bewußt auf kritische Analysen. Secrétans Gedanken sollen unmittelbar in vielen übersetzten Zitaten zum Ausdruck kommen.

In der kurzen biographischen Einleitung würdigt Lehner vor allem das politische und pädagogische Wirken des engagierten Lausanner Professors und Journalisten. Sem philosophisches Werk muß denn auch in diesen Zusammenhang gestellt und aus diesem Zusammenhang heraus verstanden werden. «Am Anfang jeder philosophischen Untersuchung liegt ein Wille, ein präzises Ziel, und man wird nur das finden, was man sucht», sagt Secrétan selber. Sein persönlicher Wille ist es, wie dargelegt wird, nicht mit reiner Vernunft nach Erkenntnis um der Erkenntnis willen zu streben, sondern eine religiös begründete, moralische Aufgabe in Staat und Gesellschaft zu erfüllen, eine Aufgabe, die immer eine pädagogische, im weitesten Sinn politische ist. In seinem Liberalismus fühlte er sich einer Moral verpflichtet, die darin besteht «sich im Ganzen zu verlieren, um sich darin wieder zu finden, sein eigenes Gutes aus dem Guten der Menschheit zu bilden und in notwendiger Konsequenz seinen Teil anzunehmen, seinen Teil zu fordern am Unglück der Menschheit». Mit dieser Haltung ist Secrétan den Schwierigkeiten nie ausgewichen. Er nahm Unpopularität, Mißgunst and auch seine zeitweilige Entlassung als Dozent auf sieh und hat sein schweres Schicksal mit einem «optimistischen Pessimismus» ertragen. In den Fragen, die ihn persönlich bewegten, und in politischen Tagesfragen hat er immer wieder leidenschaftlich Stellung genommen.

Man kann sich fragen, ob bei dieser starken Verflechtung religiöser und politischer Bekenntnisse mit logisch abgeleiteten Erkenntnissen im Werk Secrétans jener Grad an überpersönlicher und zeitloser Objektivität vorhanden ist, der ihm einen Platz unter den bedeutenden Staatsphilosophen sichern könnte. Auf Grund der vorliegenden Darstellung, welche die in zahlreichen Schriften geäußerten Gedanken systematisch ordnet, ist man geneigt, die Frage zu bejahen. Secrétan zeigt seine metaphysischen Ansatzpunkte gewissenhaft auf und bleibt dabei stete einer wissenschaftlichen Methodik verpflichtet. Wie Lehner in der Einleitung schreibt, geht es ihm darum, «eine soziale und kulturelle Situation nie für sich allein zu deuten, sondern immer auf dem Hintergrund ihrer metaphysischen and religiösen Basis za verstehen».

In drei Abschnitten über das Wesen der Gesellschaft, die Situation der Gesellschaft und die Aufgabe der Gesellschaft zeigt Lehner die Grundfragen und Antworten aus Secrétans Werk: Was ist die Grundlage der Freiheit aller Menschen, welches Prinzip der Ordnung soll die Freiheit einschränken, um ein harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen? Eine Ordnung, welche die Freiheit in Wirtschaft Staat und Moral begrenzt, maß von einer bestimmten Hierarchie der Werte ausgehen. Diese beruht bei Secrétan auf einer ausschließlich moralisch begründbaren Hierarchie der Zwecke. In ihr erscheint die Freiheit selber als «Bedingung für das höchste Gut». Das «höchste Gut» wird unter naturrechtlichem Gesichtspunkt als beste Form der Existenz umsehrieben, welche die Menschheit, wie wir sie kennen, erreichen kann.

Im Bestreben, die übersetzten and neu geordneten Gedanken in einem flüssig lesbaren Text zu integrieren, ist der Verfasser vielleicht etwas zu weit gegangen. Viele einzelne Aphorismen hätten im Druck hervorgehoben werden können, ohne den Zusammenhang zu beeinträchtigen. Im Schlußkapitel konfrontiert der Autor Werk und Persönlichkeit Secrétans zunächst mit seinen Zeitgenossen: Amiel, Burckhardt Mill, Marx and Kierkegaard. Sodann wird der Versuch unternommen, die Aktualität und «wahre Größe» Secrétans durch einen Vergleich mit den modernen christlichen Sozialphilosophen Reinhold Niebuhr, Gabriel Marcel und Paul Tillich aufzuzeigen. Die so eröffneten Perspektiven sind interessant, auch wenn der Zusammenhang etwas konstruiert erscheint. Als näher verwandte Vertreter eines religiös und politisch engagierten Liberalismus könnte man vielleicht Carl Hilty, Max Huber und Emil Brunner anführen.

NZZ Freitag, 18. Januar 1968, Seite 11

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