Der Konflikt Moskau-Peking

(NZZ – Mittwoch, 4. Mai 1966, Abendausgabe Blatt 5)

Eine Diskussion in der Liberalen Studentenschaft

R.N. Diskussionen können eine wertvolle Grundlage zur Meinungsbildung sein. Bei der Organisation eines Gesprächs zwischen Edgar Woog, Generalsekretär der PdA, und Dr. P. Sager, Leiter des Schweizerischen Ostinstitutes, über das Thema »Konflikt Moskau-Peking» mit Dr. A. Riklin als Diskussionsleiter, hat sich die Liberale Studentenschaft Zürich auf das kritische Urteilsvermögen des Studenten verlassen, und die Veranstaltung darf wohl in dem Masse als erfolgreich bezeichnet werden, als jeder einzelne Zuhörer von seinem kritischen Geist Gebrauch gemacht hat.

Zu einem eigentlichen Meinungsaustausch zwischen den Referenten konnte es allerdings nicht kommen, und die Diskussionsleitung beschränkte sich darauf, als «Resultate» jeweils die beiden Fronten noch einmal abzuschreiten. E. Woog wollte den Konflikt Moskau-Peking als rein ideologische Diskussion bagatellisieren, die mit Machtpolitik so wenig zu tun habe wie die Auseinandersetzung der PdA mit der Sozialdemokratie. Das Ziel des Weltkommunismus sei in diesem Konflikt nicht berührt. «Welche Politik verhilft dem Proletariat zur Macht?» sei nach wie vor die Hauptfrage, welche letztlich nur durch den Erfolg beantwortet werde, wobei im eifrigen Redeschwall immer wieder das Bekenntnis zur Politik Moskaus und der unerschütterliche Glaube, sie werde sich, weil sie besser sei, durchsetzen, hervorstachen. Dr. Sager begründete darauf seine Ansicht, dass der Konflikt im wesentlichen machtpolitischer Art sei. Er knüpfte an die Aeusserungcn seines Diskussionsgegners an und zeigte, dass gerade weil der Erfolg zum Kriterium gemacht werde, sowohl die Sowjetunion als auch Rotchina mit machtpolitischen Instrumenten um weitere Einflusssphären zum Beweis der Richtigkeit der eigenen Ansicht kämpfen müssten.

Aus der Fülle des Diskussionsstoffes griff Dr. Riklin die Themen «Friedliche Koexistenz» und «Marxismus-Leninismus als Wissenschaft» heraus. Dr. Sager kann an seiner grundsätzlichen Befürwortung einer friedlichen Koexistenz nicht festhalten, solange sie kein echtes Bekenntnis, sondern – sogar zugegebenermassen – ein zeitlich befristetes taktisches Mittel im Kampf um den Sieg des Weltkommunismus ist. E. Woog betonte den Unterschied zwischen «nationalen Befreiungskriegen» und «zwischenstaatlichen Kriegen». Nur die letzteren seien durch eine Politik der friedlichen Koexistenz zu vermeiden; die erstem würden von den sozialistischen Ländern immer unterstützt: «Die sozialistischen Länder können schliesslich dem Kapitalismus gegenüber keine Pestalozzi sein.» In der Frage nach der Wissenscbaftlichkeit des Marxismus-Leninismus zeigte sich einmal mehr, dass auf Grund der völlig verschiedenen Begriffe eine echte Diskussion nicht möglich ist. Immerhin nahm man mit Interesse zur Kenntnis, dass (nach Woog) die sogenannte dialektische Wissenschaft nie im luftleeren Raum stehe, sondern nur dann einen Sinn habe, wenn sie bestimmten Ideen praktisch zum Durchbruch verhelfen könne. Bei dieser Aeusserung missachtete der Redner vielleicht doch, dass sich die Zuhörerschaft vorwiegend aus Studentcn zusammensetzte, welche die Suche nach einer objektiven Wahrheit als ihr wichtigstes Anliegen und als Grundlage aller Wissenschaftlichkeit ansehen.

Ein fruchtbarer Meinungsaustausch auf gleicher Ebene kann natürlich nicht stattfinden, wenn jegliche gemeinsame begriffliche Grundlage fehlt. Dennoch kann vom kritischen Studenten aus gesehen der von E. Woog zuletzt mit Pathos geäusserte Wunsch nach einer ernsthaften Auseinandersetzung und einer richtigen Information über die Wahrheit als erfüllt betrachtet werden. Der Diskussionsabend war sehr gut besucht, was das Interesse des Studenten an dieser Art der direkten politischen Information beweist.

NZZ 4. Mai 1966, Abendausgabe Blatt 5

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